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Deutsche Kulturpolitik Erinnert ans Exil!

Es ist eine unerledigte Aufgabe der deutschen Kulturpolitik: In einem Brief an Angela Merkel, den wir hier dokumentieren, fordert die Nobelpreisträgerin Herta Müller für Deutschland ein „Museum des Exils“.

© dpa Vergrößern Will Verbindungen durch ein Exil-Museum knüpfen: Herta Müller

In Deutschland gibt es viele Geschichtsmuseen, zum Beispiel solche für die Geschichte des Zuckers, der Feuerwehr, des Strafvollzugs und auch der Energie. Für die Geschichte des Exils gibt es noch keines. Im Fall eines Landes, das durch zwei Diktaturen Exilgeschichte geschrieben hat und dann selbst zum Asylland wurde, ist das bemerkenswert, negativ bemerkenswert. Es gibt das Deutsche Exilarchiv in Frankfurt am Main als Spezialsammlung der Deutschen Nationalbibliothek, und es gibt die Hamburger Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur. Dem allgemeinen Publikum aber vermittelt keine einzige Einrichtung, wie sehr Deutschland von Erfahrungen des Exils geprägt ist. Den Einwand, es komme ja jetzt nun bald das „Zentrum gegen Vertreibungen“, muss man nur äußern, um zu merken, dass er an der Sache vorbeigreift.

Jürgen Kaube Folgen:  

Die Schriftstellerin Herta Müller, die mit deutschsprachigen Nobelpreiskollegen wie Nelly Sachs und Thomas Mann das Schicksal eines Exils teilt, hat jetzt in dieser Sache - siehe unten - einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben. Darin erinnert sie an Exilanten wie Sachs und Konrad Merz, den Autor des fast vergessenen Romans „Ein Mensch fällt aus Deutschland“, an den österreichischen Lyriker Theodor Kramer - beinahe unbekannt geworden auch er - oder an Albert Vigoleis Thelen, der sich von den Dagebliebenen unter den Champions der Gruppe 47 nach dem Krieg sagen lassen musste, er passe nicht in die zeitgemäße Literatur.

Aufruf des Exil-PEN

Herta Müller erneuert in ihrem Brief an Angela Merkel ihre Forderung, Deutschland brauche ein „Museum des Exils“. Ein solcher Ort, den sie Merkel bittet möglich zu machen, könne Verbindungen knüpfen „an die Erfahrungen des Exils nach dem Krieg, an die aus der DDR und anderen osteuropäischen Diktaturen vertriebenen Künstler“.

Müllers Brief steht in Zusammenhang mit einer Initiative, die von der Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und dem „PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland“, dem sogenannten „Exil-PEN“, ausgeht. Dessen Vorsitzender, der Lyriker Günter Kunert, weist in seinem offenen Brief an Merkel und alle Ministerpräsidenten der Länder darauf hin, dass inzwischen kaum noch lebende Zeitzeugen des Exils vor 1945 existieren. Der Vorstandsvorsitzende der Lasker-Schüler-Gesellschaft, Hajo Jahn, arbeitet seit Jahren daran, ein „Zentrum der verfolgten Künste“ zu gründen. Dafür wurde eine eigene Stiftung ins Leben gerufen. Mit der Sammlung Gerhard Schneider hat die Gesellschaft vor einiger Zeit die größte Bildersammlung verfolgter Künstler erworben, die unter dem Dach des Kunstmuseums Solingen ausgestellt ist. Unterstützt durch den Bund hat sie sich um Internetprojekte gekümmert, in denen die Geschichte des Exils für Schüler anschaulich und intelligibel gemacht wird. Ihrem und dem Aufruf des Exil-PEN, dem zweiten in der Sache seit 1994, haben sich jetzt Prominente wie der bildenden Künstler Günther Uecker, der Berlinale-Chef Dieter Kosslick, die Schauspielerin Angela Winkler, der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen, der Journalist Ulrich Wickert und der Sänger Udo Lindenberg angeschlossen.

Wie leicht reißt der Faden

Dieser Querschnitt an Prominenz enthält den Hinweis darauf, dass vom Exil alle Künste und, wie man heute sagen würde, Medien betroffen waren. Das legt es nahe, die Erinnerung daran nicht schon durch Ausstellungen von Literaturarchiven oder Abteilungen in Kunstmuseen geleistet zu sehen. Hinzu kommt, dass „Exil“ keine bloß historische Erfahrung ist. Um das zu sehen, ist es nicht einmal nötig, nach Art mancher modischen Kulturwissenschaft, jede Form von Migration mit diesem Begriff zu belegen. Es genügt, sich die Zahl der in Deutschland unfreiwillig außerhalb ihrer Heimat lebenden Künstler zu vergegenwärtigen. Oder daran zu denken, dass es so lange noch nicht her ist, dass auch chilenische, argentinische, spanische und griechische Intellektuelle das Schicksal vieler osteuropäischer Kollegen teilten. Die Berliner Geistesgeschichte der vergangenen sechzig Jahre beispielsweise wäre ohne Rücksicht darauf gar nicht zu schreiben. Die Geschichte der literarischen und intellektuellen Übersetzungen in diesem Land erst recht nicht.

Es ist insofern nicht nur Pflichtschuldigkeit, die ein solches „Museum des Exils“ nahelegt, es ist das Interesse am Nachdenken über Jüngstgeschehenes. Wie leicht reißt der Faden, und eine kommende Generation versteht gar nicht mehr, was eine vorhergehende tief prägte. Wozu wäre Kulturpolitik da, wenn nicht, um denen zu helfen, die das verhindern könnten?

Brief der Nobelpreisträgerin Herta Müller an Bundeskanzlerin Angela Merkel

Menschen fallen aus Deutschland

Während der Nobelwoche in Stockholm wurde ich gelegentlich auf die anderen deutschen Literaturnobelpreisträger angesprochen. Dann habe ich stets auf das tragische Schicksal von Nelly Sachs hingewiesen, die nach ihrer Emigration in Stockholm verzweifelte und - wie Thomas Mann und Hermann Hesse - nach Ende des Krieges nicht mehr nach Deutschland zurückkehren konnte und wollte, obwohl sie Ehrenbürgerin von Berlin wurde. Kurze Besuche, ja das konnten alle drei.

Und das konnte auch Konrad Merz, der schon 1934 in die Niederlande floh und in einem Schrank versteckt die deutsche Besatzung überlebte. Ich habe ihn noch getroffen und ihn eingeladen und immer erleben müssen, wie dem alten Mann die Tränen kamen, wenn er an seine Jugend in Berlin dachte und den Verlust seiner Heimatstadt. Aber zurück konnte auch er nicht. Konrad Merz, der damals noch Kurt Lehmann hieß, war wahrscheinlich einer der ersten Emigranten, der zudem den ersten Roman über das Leben im Exil schrieb. Er heißt „Ein Mensch fällt aus Deutschland“.

Das Exil ist die Konsequenz der ersten Vertreibung aus Deutschland. Schriftsteller, Musiker, Maler, Architekten, aber auch Ärzte, Juristen und natürlich Politiker wurden von den Nationalsozialisten aus dem Deutschen Reich vertrieben oder verhaftet und in Konzentrationslagern ermordet. Nur selten entschieden sie sich 1945 zur Rückkehr in das nun demokratische Deutschland. Und nicht selten wurden sie von den Dagebliebenen verhöhnt. Ich denke an den Auftritt von Paul Celan oder Albert Vigoleis Thelen bei der Gruppe 47. Aber für fast alle gilt: Nach dem Krieg wollte man nichts mehr von ihnen wissen.

Die Nobelpreisträger hatten natürlich eine herausgehobene Position. Aber Konrad Merz und die unzähligen anderen, die vor dem Krieg wichtige Stimmen waren, wie etwa Theodor Kramer, der im englischen Exil noch Tausende großartige Gedichte schrieb, wurden vergessen und sind es immer noch.

Heutzutage gibt es viele unterschiedliche Zweige der Exilforschung, aber es gibt kein Zentrum, in dem sich anschaulich die heterogenen Erfahrungen des Exils als Teil der deutschen Geschichte zeigen lassen. Bei einer Veranstaltung zur Villa Aurora, dem Wohnhaus von Lion Feuchtwanger in Los Angeles, das die Bundesrepublik Deutschland glücklicherweise erwerben und zu einem Erfahrungsort für junge deutsche Autoren ausbauen konnte, habe ich einmal plakativ gefordert, Deutschland brauche ein „Museum des Exils“, um sich über die Verluste durch die Vertreibung von Künstlern und auch von Wissenschaftlern klarzuwerden. Einen Ort, der die oft fürchterlichen Lebensumstände derjenigen zeigt, die kurz davor noch die Elite dieses Landes waren, das kulturelle Leben in Deutschland prägten.

Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal hat in dieser Hinsicht Vorbildliches geleistet. Sie hat mit ihren begrenzten Mitteln nicht nur Werk und Leben von Lasker-Schüler in zahlreichen internationalen Veranstaltungen aus dem Vergessen geholt. Die Gesellschaft hat auch erste Schritte unternommen, um die Arbeit von vertriebenen Künstlern zu sammeln und zu dokumentieren. Aber diese Anstrengungen können keine Gedenkstätte ersetzen, die sich mit allen Facetten des Exils und seiner Konsequenzen in Sammlungen, Ausstellungen und Diskussionen widmet.

Deshalb bitte ich Sie, auch vor dem Hintergrund der Einrichtung eines „Zentrums gegen Vertreibungen“, alles zu tun, um in Deutschland auch einen Ort möglich zu machen, in dem an die Erfahrungen des Exils, an die erste Vertreibung, würdig gedacht werden kann. Einen Ort, der auch Verbindungen knüpfen kann an die Erfahrungen des Exils nach dem Krieg, an die aus der DDR und anderen osteuropäischen Diktaturen vertriebenen Künstler. Ein wenig gehöre ich ja auch dazu. Ein Ort, an dem Biographien erzählt werden können, die mit dem Exil verknüpft sind. Wie etwa die von Ruth Jacoby, die bis vor kurzem Botschafterin des Königreichs Schweden in Berlin war und die in Stockholm meine Tischrede während des Nobelpreis-Banketts auf Englisch vorgelesen hat. Ihr Vater war Rechtsanwalt der Eisenbahnergewerkschaft in Berlin, der verkleidet als Lokomotivführer in letzter Minute nach Schweden fliehen konnte. Flucht und Exil führten ihn von Schweden nach Indonesien, nach Rom, nach New York. Aber nie mehr zurück nach Berlin.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.06.2011, 21:07 Uhr