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Veröffentlicht: 14.05.2017, 14:28 Uhr

Erzähler Herbert W. Franke Die Stimme des Unbekannten

Wenige Forscher oder Künstler können das Neue und Fremde besser erklären – aber noch besser, als er seine Wunder erklärt, erzählt er von ihnen: Dem Schriftsteller Herbert W. Franke zum Neunzigsten.

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© F1online Die Milchstraßenmitte, von der Erde aus gesehen: Menschen können Dinge erkennen, die sie nie erreichen werden – eine Herausforderung ans Erzählen.

Drei Gebrauchsweisen des Computers greifen heute zusehends ineinander: Man kann damit erstens Wissen in früher undenkbaren Mengen sammeln und verarbeiten (Markenstichwort Google), man kann damit zweitens die Koordination von Angebot und Nachfrage immens beschleunigen (Markenstichwort Amazon), und man kann damit drittens die Menschen dazu bringen, zum Zweck abstrakter Geselligkeit Auskünfte über sich herauszurücken, die es ermöglichen, ihre Regungs-, Bewegungs- und Gemütsmuster zu sortieren (Markenstichwort Facebook). Bald verfügt womöglich irgendein Apparat „über sämtliche Daten“ und kann daher „Wahrscheinlichkeitswerte mit kaum beachtenswerten Fehlerquellen von allem und jedem“ liefern, was Menschen tun könnten, damit ihre Überwacher, Ausbeuter, Unterdrücker umfassend unterrichtet sind. Sollten sich die Ausgeforschten zu stark vermehren, schlägt die Maschine dann eben „eine Erhöhung der kanzerogenen Substanzen im Zigarettenpapier“ vor oder einen halbprozentigen „Zusatz von Methylalkohol bei allen alkoholhaltigen Getränken“, damit die Leute schneller sterben – zahlreiche Nebeneffekte der Maßnahmen werden gleich mitberechnet, etwa „welche Auswirkungen ein gesteigerter Alkoholkonsum auf die Teilnehmerzahlen von religiösen Veranstaltungen haben würde“.

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Die zitierte Schilderung des instrumentellen Bevölkerungsmanagements als computerisierte Massentierhaltung stammt aus dem Jahr 1965 und steht im Roman „Der Elfenbeinturm“ von Herbert W. Franke. Man darf diesem Schriftsteller hier zur akkuraten Vorhersage heutiger Angstlandschaften gratulieren, sollte dabei aber nicht vergessen, dass Vorhersagen, richtige wie falsche, exakte wie schlampige, nur zu den Nebenprodukten der von Franke im Deutschen entscheidend mitgeprägten Literaturgattung Science-Fiction gehören – ungefähr so, wie der Raumfahrttechnik die Teflonbeschichtung begegnete, oder wie Kolumbus unerwartet über Amerika stolperte, als er Indien suchte. Science-Fiction ist nicht Futurologie, sondern eine Kunstform, und als solche vermittelt sie, wie alle Kunst, keine Sachverhalte, sondern Haltungen zu diesen. Würde sie nur informieren wollen (wie vergnüglich auch immer), dürfte sie den Lesefluss nie mit sprachlichen Eigentümlichkeiten unterbrechen; Franke aber denkt gar nicht daran, sich da zurückzuhalten – wenn ihm ein Verb einfällt, das naive Lesegewohnheiten befremden muss, schreibt er es hin, falls es künstlerisch passt. So liest man in „Der Elfenbeinturm“ einmal: „Isolierte Masseklumpen pfeilen durch das Vakuum“.

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Am Verb „pfeilen“ stößt sich ein Rechtschreibkontrollprogramm natürlich sofort, Franke aber hält damit den Ton einer Sprachmusik, die schon seine Jugendlektüre beherrscht hat. Damals, vor rund hundert Jahren, hieß Modernität in unseren Breiten unter anderem „Expressionismus“, und zwar in der anspruchsvollen wie in der Unterhaltungsliteratur. Von etwas, das „pfeilt“, hätte man daher einerseits beim avantgardistischen Lyriker August Stramm, andererseits aber auch in der Science-Fiction-Heftserie „Sun Koh, der Erbe von Atlantis“ lesen können.

Wahrheiten, auf die es von selbst nicht kommt

Zum starken Eindruck, den die von Paul Alfred Müller unter dem Pseudonym Lok Myler verfassten „Sun Koh“-Abenteuer, die von 1933 bis 1936 erschienen, auf den heranwachsenden Franke machten, hat sich dieser offen bekannt. Dass der atemlose Pop-Expressionismus dieser Texte, in denen Funker „Wellen ahnen und fischen“ oder Sinne (nicht nur Muskeln!) „gespannt“ werden, auch übles Gepäck der Zeit mit sich schleppte, von imperialistischem Technomilitarismus bis Kolonialwahn, ist Franke dabei nicht entgangen; „modern“ oder „modernistisch“ hieß eben nicht zwangsläufig auch aufgeklärt. Es gab ja nicht nur die nationalsozialistische Ablehnung neuer Kunst und Literatur im Namen forciert traditionalistischer Kunstvorschriften, sondern auch einen expressionistischen Präfaschismus, wie es in Italien einen prä- und später vollfaschistischen Futurismus gab. „Sun Koh“ allerdings war Hitlers Reichsschrifttumskammer nicht geheuer: Man ließ gegen die Hefte wegen „Schmutz und Schund“ ermitteln, griff per Diktat in Inhalte ein, verbot dem Helden seinen schwarzen besten Freund und würgte das Periodikum schließlich ganz ab. Denn wer die Art von Zukunft ersehnte, die da ausgemalt war, ließ sich für „Blut und Boden“ kaum begeistern, und das sollte nicht sein.

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