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Veröffentlicht: 14.05.2017, 14:28 Uhr

Erzähler Herbert W. Franke Die Stimme des Unbekannten


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Zwischen Erklären und Verstehen, Befremden und Erstaunen

Jahrzehnte bevor jemand die Arbeiten von Autoren wie Rudy Rucker oder Eliot Fintushel als „Math Fiction“ auf den Begriff brachte, ließ Franke bereits eine Gleichung (nämlich Einsteins Formel für die relativistische Zeitkontraktion) als Heldin einer Kurzgeschichte namens „Die Rakete“ auftreten, im vollen Glanz ihrer Nüchternheit. Bilder des überhaupt nicht Nüchternen, sondern knisternd Grotesken, kann er, wenn er sie benötigt, natürlich ebenso leicht erfinden: „Vorige Woche hatten sie uns einen synthetischen Pudel hereingeschickt. Ich merkte es erst gestern, als ich ihn scheren wollte – die Haare waren aus einer glasharten, aber geschmeidigen Kunstfaser“, heißt es in der Vignette „Weiße Pupillen“ aus dem Bändchen „Der grüne Komet“ (1960).

Zwischen Erklären und Verstehen einerseits, Befremden und Erstaunen andererseits hat die Menschheit bekanntlich mehrere Verfahren entwickelt, sich mit der Welt auf das zu verständigen, was man von ebendieser Welt glauben und über sie wissen kann. Die ältesten sind religiös: Offenbarung und Meditation, überwältigende Gnosis und selbstüberwindende Selbstversenkung. Die zweitältesten sind philosophisch, vom sokratischen Fragespiel bis zu den ersten Atomisten. Die jüngsten (und bei der Neugestaltung nicht nur unseres Wissens, sondern der Verhältnisse auf der Welt überhaupt im Guten wie im Bösen erfolgreichsten) sind die modernen Naturwissenschaften, deren dreifaltiges Wesen in „Zentrum der Milchstraße“ im Rahmen einer Erörterung rationaler Theologie klar benannt wird: „Die Theorie, das Experiment und die Simulation.“

Eine Stimme, die „Erzählen“ heißt

Der Irrtum all derjenigen, die annehmen, Herbert W. Franke sei stets nur damit befasst gewesen, die auf diesen drei Wegen gewonnenen Einsichten unterhaltsam zu vermitteln, besteht darin, dass sie seine Wissbegierde unterschätzten. Wie alle wichtigen Science-Fiction-Schaffenden weiß er, dass das Erzählen keine Erkenntnisvermittlungs-, sondern eine über Haltungerkundung vermittelte Erkenntniserzeugungsweise ist. Sie birgt das ungeheure Potential, andere solcher Produktionsarten von Wissen auf vielfältige, nicht vorhersehbare Art zu verbinden, von der simulativen Modellbildung über die ruhige Meditation bis zum spielerischen Kalkül. In Frankes Spätwerk „Flucht zum Mars“ (2007) steht ein sinnreiches Bild für die Wechselwirkung von Erkenntnisgegenstand und Erkenntnisweise in der Kunst, nämlich die Verschmelzung von Sternenreisenden mit ihrem Raumschiff: Sie „rochen die Veränderung der Luft, die mit neurochemisch wirkenden Mitteln durchsetzt war“ (wie mit dem Rauschmittel Sprache), und dann meldet sich eine „sonore Stimme“, um sie in ihrem Zustand „zwischen Wachen und Träumen“ nicht allein zu lassen, sondern in eine „veränderte Existenzform“ hinüberzugeleiten.

Diese Stimme heißt „Erzählen“. Über den großen Erzähler Herbert W. Franke, der an diesem Sonntag sein neuntes Lebensjahrzehnt vollendet, kann man nichts Wahrhaftigeres sagen als die Worte, mit denen der Sun-Koh-Roman „Die Tarnkappe“ endet: „Er war eben ein Wundermann und stand mit der verhexten Wissenschaft auf gutem Fuß.“

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