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Erzähler Herbert W. Franke : Die Stimme des Unbekannten

Als der in Österreich geborene Herbert W. Franke sich zwanzig Jahre nach dem Ende von „Sun Koh“ 1956 der freiberuflichen Publizistik zuwandte und damit eine Doppelkarriere als Verfasser von einerseits populärwissenschaftlicher, andererseits belletristischer Literatur begann, ging es ihm freilich um mehr als das, was den Nazis an „Sun Koh“ missfallen hatte – um mehr als die bloße spekulative Konstruktion von technischen, sozialen und politischen Szenarien des Künftigen. Franke hatte, bevor er Schriftsteller wurde, Physik, Chemie, Psychologie und Philosophie studiert, 1950 über Elektronenoptik promoviert, an der Technischen Hochschule Wien und in der Werbeabteilung von Siemens gearbeitet. Nach alledem war er umfassend dazu gerüstet, eine vom Nationalsozialismus zerstörte Traditionslinie fortzusetzen, deren Gipfel der beste aller expressionistisch-modernistischen Science-Fiction-Romane markiert, Alfred Döblins Roman „Berge Meere und Giganten“ (1924). Worum es Döblin gegangen war und was nun Franke neu in Angriff nahm, war die Selbstbehauptung literarischer Sprache unterm Beschuss mit wissenschaftlich-technischer Protokollsatzmunition in einer Welt der Effizienz und Rationalität. Diese Selbstbehauptung kämpft wie ein Judoka; sie setzt dem Zungenschlag der Laborgehirne nicht irgendein inspiriertes Gelalle entgegen, sondern arbeitet mit dem Vokabular dieses Zungenschlags selbst, um ihm Wahrheiten zu entlocken, auf die es von selbst nicht kommt.

Dutzende Grenzgänge zwischen Ästhetik und Technik

Eins der schönsten Lehrbeispiele dieser Kampftechnik liefert Franke in seinem raffiniertesten Roman, „Zentrum der Milchstraße“ (1990), wo er ohne jede konventionell sentimentale Einfühlsamkeitsrhetorik das komplexe Seelenporträt einer Figur zeichnet. Die junge Wissenschaftlerin Mona Schnaider wird von einem technokratischen Verhörspezialisten einer „Sonderbefragung“ über den ausgeschiedenen Forscherkollegen Alwin Katz unterzogen. In dürrsten, nur einmal verräterisch stockenden Worten erfahren wir alles darüber, wie diese Frau wirklich zu diesem Mann steht – „Berufliches Ziel?“ „Raumfahrt.“ „Persönliches Ziel?“ „Raumfahrt.“ „Hattest du ein Verhältnis mit Alwin Katz?“ „Nein.“ „Gab es eine persönliche Beziehung zwischen dir und Katz?“ „Nein.“ „Hat Katz ein bestimmtes Raumfahrtprogramm erwähnt?“ „Nein... Ja... Eine Reise zum Mittelpunkt der Milchstraße. Es war ein Scherz.“ „Hast du im letzten Jahr etwas von Alwin Katz gehört?“ „Nein.“ „Dein größter Wunsch, was fällt dir dazu ein?“ „Reise zum Zentrum der Milchstraße“. So erzählt man von Sehnsucht ohne das kleinste Spurenelement von Kitsch.

Herbert W. Franke
Herbert W. Franke : Bild: Andreas Hübner

Franke kann das, weil er den Unterschied zwischen Empfinden und Erklären besser kennt als die Konkurrenz von der Kitschfraktion, was freilich nicht heißt, dass er nicht auch sehr gut erklären könnte, was ihm erklärungsbedürftig und -würdig scheint. Sein Entwurf einer naturwissenschaftlich-kybernetisch unterrichteten Ästhetik „Phänomen Kunst“ (1967) ist ebenso konzis und elegant wie seine bis heute in ihrer multiperspektivischen Materialdurchleuchtung unerreichte Tiefenmeditation über die Veränderung unserer Welterschließung unter Computereinfluss „Das P-Prinzip. Naturgesetze im rechnenden Raum“ (1995).

Alles, was man erklären kann, lässt sich indes auch immer in die Weltwandelverfahren der Kunst einspeisen, so dass Franke zum Beispiel an Computern eben nicht nur das interessiert, was sie uns wissen lassen, sondern auch Computergraphik und Computermusik. Dutzende Grenzgänge zwischen Ästhetik und Technik hat er ausprobiert und davon für seine Literatur stets Neues gelernt; man muss sich seinen Geist wohl als Membran zwischen Verstehen und Staunen vorstellen.

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