11.11.2009 · 1972 erschien Enzensbergers einziger Roman „Der kurze Sommer der Anarchie. Bonaventura Durrutis Leben und Tod“, eine vielstimmige Montage. Der Held erscheint als eine Projektionsfläche kollektiver Phantasie.
Von Richard KämmerlingsUnbekannte, namenlose sprechen hier: ein kollektiver Mund.
Seinen bekanntesten Satz hat Hans Magnus Enzensberger nie gesagt. Dass er 1968, im berüchtigten Kursbuch 15, die Literatur für tot erklärt habe, gehört zu den ihrerseits nicht totzukriegenden Mythen seiner Biographie. Tatsächlich hatte er in seinen „Gemeinplätzen, die Neueste Literatur betreffend“ sich mit dem Verhältnis von schriftstellerischer Tätigkeit und Revolution auseinandergesetzt und war dort zu dem Schluss gekommen, dass eine „revolutionäre“ Literatur nicht existiere und in der „spätkapitalistischen Gesellschaft“ auch gar nicht existieren könne.
Gegen die damals üblichen Forderungen nach politischer Indienstnahme des Autors stellte er die faktische Unwirksamkeit der Literatur auf die „Massen“, wie man damals in einer Mischung aus Schaudern und Verachtung gern sagte. 1972 erschien Enzensbergers einziger Roman „Der kurze Sommer der Anarchie. Bonaventura Durrutis Leben und Tod“, eine vielstimmige Montage aus Zeitdokumenten, Erinnerungen, Interviewäußerungen und Propagandaschriften über den Helden des Spanischen Bürgerkriegs und zugleich ein eindringliches Monument der Trauer für eine gescheiterte Utopie. Durruti, dessen „¡No pasarán!“ zum größten gemeinsamen Nenner einer in die Defensive geratenen Weltrevolution geworden war („Vietnam ist unser Spanien“), wird von Enzensberger geschildert als eine Projektionsfläche kollektiver Phantasie – bei seinen Anhängern wie Feinden gleichermaßen. Nicht in quellenkritisch verifizierbarer Überlieferung liegt die historische Wahrheit, sondern in der Kraft der unüberprüfbaren Legende. „Die Geschichte ist eine Erfindung, zu der die Wirklichkeit ihre Materialien liefert.“ Über Ilja Ehrenburgs knappe Erinnerungen an Durruti heißt es, sie fingen „ein Stimmengewirr auf, ein gesellschaftliches Produkt. Unbekannte, Namenlose sprechen hier: ein kollektiver Mund.“
So aufwendig Enzensbergers Recherchen zum Leben des Anarchistenführers waren, ist nicht die Zerstörung des Mythos das Ziel, sondern seine möglichst exakte Zeichnung, in einer selbst wiederum anarchistischen Kakophonie der Stimmen. Die Eingangsszene des Romans, das Chaos-Begräbnis des Volkshelden in Barcelona, wird zum emblematischen Bild dieses Lebens – ein grandioses Spektakel jenseits aller Hierarchien. Planlos, spontan, urgewaltig. Ebenso ist die Geschichte das Resultat der Einbildungskraft vieler. Das Volk macht sich große Männer, die Geschichte machen. Folgerichtig ist auch der historische oder biographische Roman eine „kollektive Fiktion“. Die „tote“ Literatur ersteht in ihrer politischen Wirkung wieder auf, weil sie selbst Produkt der Masse ist. Der Autor tritt, ähnlich wie später in Kempowskis „Echolot“, hinter das Werk zurück: „Der Rekonstrukteur verdankt seine Autorität der Unwissenheit. Er hat Durruti nie gekannt, er war nicht dabei, er weiß es nicht besser.“
1968 allerdings war Enzensberger dabei, rückblickend hat er sich jedoch als bloßer „Beobachter“ der revolutionären Umtriebe gedeutet. Dabei hatte er doch immerhin nach seiner Rückkehr aus Kuba in Frankfurt zur Schaffung „französischer Verhältnisse“ aufgerufen. In „Erinnerungen an einen Tumult“ schrieb Enzensberger 1984: „1968, eine Jahreszahl, in der sich das Imaginäre eingenistet hat. Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen und Projektionen hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen Jahr passiert ist.“ Die Erinnerung könne daher „nur eine Form annehmen: die der Collage“. Wenn Enzensberger je eine Autobiographie schriebe, müsste er also das Verfahren des „Durruti“, diese Poetik der Anarchie, auf sich selbst anwenden. Das Leben als kollektive Fiktion. „Enzensberger“ ist ein Roman, an dem wir alle schreiben.