18.09.2009 · Seit Dienstag ist Dan Browns „The Lost Symbol“, eine hochspannende Freimaurer-Schnitzeljagd in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten, auf dem Markt. Lorenz Jäger hat ihn gelesen und entwirrt ein faszinierendes Symbolgeflecht.
Von Lorenz JägerSieht Robert Langdon zu viel? Nein: In Washington, D.C. drängen sich die sprechenden Zeichen ja förmlich auf, und als „Symbologe“, der in Harvard lehrt, folgt Langdon nur seiner akademischen Berufung, wenn er stets aufs Neue an die reichhaltige freimaurerische Emblematik und Bilderwelt denkt. Der mysteriöse und, mit einer abgeschnittenen Hand im Capitol, auch sehr gruselige Fall, den er zu lösen hat, verlangt es. Bevor man nun über den Helden von Dan Browns neuem Spannungsschmöker lächelt, sollte man sich klarmachen, dass Robert Langdons „Symbolologie“ in besseren Kreisen als politische Ikonographie bekannt ist, dass es hier also um die Anwendung des „iconic turn“ in der Gattung des Verschwörungs-Thrillers geht. Die Spuren, die der heutige Detektiv sucht, sind nicht mehr positivistisch zu erhebende Fingerabdrücke oder Aschenreste, sondern kulturwissenschaftlich zu deutende Bilderbotschaften. Wer sie erkennt, kann bei Dan Brown die großen Menschheitskatastrophen abwenden. Auch der gebildete Leser hat in dieser Hinsicht fast alles schon bei sich zu Hause.
Sogar die These des Romans selbst. Gotthold Ephraim Lessing entwarf im späten achtzehnten Jahrhundert in seinen „Gesprächen für Freimäurer“ die Figur eines Mannes, der sich mit den einschlägigen Klopfzeichen der Bruderschaften zu melden pflegt. „Er ist von denen, die in Europa für die Amerikaner fechten“, sagt Falk zu seinem Gesprächspartner Ernst, der erwidert: „Das wäre nicht das Schlimmste an ihm“, worauf Falk eine merkwürdige Einzelheit mitteilt: Der Mann habe „die Grille, dass der Kongress eine Loge ist; dass da endlich die Freimaurer ihr Reich mit gewaffneter Hand gründen“.
Ein Mann von unbestimmt-mediterraner Herkunft
Eine Grille, das wäre eine fixe Idee, die von historischer Kritik nicht mehr korrigierbar ist. Gerade darum handelte es sich aber nicht, wenn vom Anteil der Freimaurer bei der Gründung der Vereinigten Staaten die Rede ist: George Washington und Benjamin Franklin, um nur die bekanntesten Streiter für die Unabhängigkeit der Neuen Welt zu nennen, waren nun einmal in die Logengeheimnisse eingeweiht. Und stets schwanken die Bruderschaften, ob sie sich dies nun als ihr historisches Verdienst zuschreiben oder ob sie die Sache herunterspielen sollen, um nicht ihrerseits einer „Verschwörungstheorie“ Vorschub zu leisten.
Auf den Bau des salomonischen Tempels führen die Freimaurer ihre Mythologie zurück. „Tempel“ heißt auch der jeweilige Versammlungsort der Brüder. Mit dieser Gründungslegende ist der Anspruch eines eigenen, überkonfessionellen, nicht mehr kirchlichen Weiheortes erhoben. Das göttliche Wesen heißt dort „Allmächtiger Baumeister aller Welten“. Indem die Maurer sich außerhalb der Konfessionen stellten, erhoben sie einen intellektuellen Überlegenheitsanspruch; man war „aufgeklärt“ gegenüber den Frommen, zugleich aber „eingeweiht“ in eine universelle Weisheit, die die Schranken der Bekenntnisse hinter sich ließ und durch das maurerische Geheimnis, die Pflicht zur Verschwiegenheit, geschützt war. Salomonische Weisheit: Wir begegnen ihr in Dan Browns Roman in dem vielleicht allzu sprechenden Namen des Großmeisters der Freimaurer, Peter Solomon. Dieser, von unbestimmt-mediterraner Herkunft, ist ein Mann der unermesslichen Reichtümer und ein Menschheitswohltäter dazu. Und er, Langdons alter Freund und Mentor, wird aufs grausamste entführt und verstümmelt.
Denn Mal’akh, der Oberschurke des Romans, will sich mit der einfachen maurerischen Karriere von Lehrling, Geselle und Meister nicht begnügen. Nicht einmal die von Dan Brown höchst malerisch geschilderte Zeremonie der Einweihung in den obersten, den 33. Grad befriedigt ihn.
Die schlechthin vollkommene Form
Schon bald nach der Einführung der Freimaurerei waren im achtzehnten Jahrhundert neue Grade der Einweihung aufgeblüht. Die Prätention auf höhere Geheimnise und auf das Alter der Überlieferung bedeutete in der Freimaurerei auch einen Anspruch auf größere Autorität. So erklären sich die verschiedenen Hochgradsysteme, eines phantastischer als das andere. Unter ihnen hat der „Alte und Angenommene Schottische Ritus“, dem Peter Solomon vorsteht, weltweit das größte Ansehen. Er ergänzt die Legende vom Bau des salomonischen Tempels durch die einer Herkunft der höheren Maurerei aus dem Orden der Tempelritter. Tatsächlich entstand er in seiner heutigen Form in den Vereinigten Staaten des frühen neunzehnten Jahrhunderts.
Wenn das Schillern zwischen aufklärerischer Ideologie und praktischem Geheimnis der Kern der Freimaurerei in allen ihren Graden und Systemen ist, dann gilt dies auch für die von ihnen bevorzugten architektonischen Symbole. Im Roman spielt die Form der Pyramide eine Schlüsselrolle; in ihr, irgendwo in Washington, soll die geheime Pforte zu den letzten Geheimnissen verborgen sein, die Mal’akh um jeden Preis finden will.
Auch hier stößt man auf einen wahren Kern. Die Pyramide galt im achtzehnten Jahrhundert als die schlechthin vollkommene Form, ganz unabhängig von ihrer sakralen Funktion im alten Ägypten. Sie wurde gleichsam mit-säkularisiert. In ihr, so hat es László Földényi bündig formuliert, „entdeckte sich der Rationalismus wieder“. Die Form der Pyramide wurde zum sichtbaren Zeichen der Allmacht des Gedankens, mithin der ans Ziel gekommenen architektonischen Aufklärung, sie war ein Frühkubismus. Das ist die wirkliche Verbindung zwischen der Pyramide und der „utopischen Gesellschaft“, die nach Ansicht von Langdon das Ziel der Väter der amerikanischen Verfassung war. Zugleich stand Ägypten für eine überkonfessionelle Weisheit, ja Magie; und diese leuchtete gerade den Aufgeklärten ein.
Alles nur Philanthropie und Veredelung
Das will aber sagen: Nichts von dem, was Dan Brown und sein Held Robert Langdon an Symbolen finden, ist gänzlich ohne Wert für die Sache, aber alles ist ins grelle Licht des – zugegeben: sehr guten – Thrillers für ein Massenpublikum getaucht und verliert darum auch wieder. Langdon, und mit ihm Brown, sieht jede antikisierende politische Ikonographie als Hinweis auf alte Mysterien. Und da geht ihm sein Renner nun sozusagen durch.
Peter Solomons Schwester Katherine arbeitet am sensationellen Projekt einer „Noetic Science“, einer Überwissenschaft, die bei näherem Hinsehen viel Ähnlichkeit mit der „Dianetik“ des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard aufweist. Die Hauptidee – „Es ist erschütternd, wie viel von unserem Potential ungenutzt bleibt“ – klingt wie ein Sekten-Flyer. Mit der Kraft der Gedanken soll die Materie verändert werden. Zugleich erkennt man die Ähnlichkeiten mit der Ideenwelt der Hochgradmaurer. Das kabbalistische Buch „Sohar“, das bei diesen in hohem Ansehen steht, ist es, das auch Katherine den Weg in ihre neue Wissenschaft weist.
Sehr amerikanisch an ihrem Projekt ist der unmittelbar praktische Charakter: Der reiche Bruder richtet ihr ein Superlabor ein, als ließe sich der Geist der Mysterien direkt am E-Meter oder am Lügendetektor beobachten.
Natürlich wird auch diesmal die überkonfessionelle freimaurerische Lehre als „Toleranz“ gerechtfertigt, überhaupt sind sie bei Dan Brown ganz harmlose Gesellen, die sich hauptsächlich der Organisation praktischer Wohltätigkeit widmen. Und dafür die Geheimnisse, Einweihungsgrade, Verkleidungen, Riten, Schweigepflichten? Dafür die esoterischen Lehren der Hochgrade? Dafür „Großmeister-Architekt“ (der zwölfte Grad), „Meister des Neunten Bogens“, „Großer Auserwählter und Vollkommener Maurer“, „Ritter des Degens“, „Prinz von Jerusalem“ und „Ritter vom Osten und Westen“, am Ende „Ritter Kadosch“ (mit Racheschwur gegen Papst und König) und „Souveräner General-Großinspekteur“ wie Peter Solomon? Alles nur Philanthropie und Veredelung des eigenen inneren Menschen? Die guten Leute, die diese Ansicht ernsthaft vertreten, glauben sich kurioserweise den „Verschwörungstheorien“ intellektuell haushoch überlegen.
Der inkarnierte Zweifel
Vielleicht darf man hier an Benjamin Disraeli erinnern, dem man nicht vorwerfen kann, in politischen Dingen leichtgläubig gewesen zu sein. Und doch gab er in seinem letzten Roman „Lothair“ (1870) den Geheimgesellschaften eine Rolle unter den großen europäischen Mächten. Und es waren die besten Köpfe der deutschen Maurerei, Lessing und Georg Forster, die auf die rein philanthropische Außendarstellung nicht viel gaben, sondern den Logen eine staats- und weltpolitische Aufgabe zuschrieben. Für Forster erfüllte die Maurerei eigentlich erst das Ziel der Geschichte. Es gebe, so schrieb Forster, ein „gemeinschaftliches Intresse der Menschheit und der Maurerei“. Für ihn stand die Freimaurerei in einer philosophischen Verfassungsgeschichte der Menschheit. In der Loge bereite sich die „Zukunft“ vor. Bald erschien ihm diese Zukunft in der Gestalt des Jakobinismus – aber damit sind wir nicht mehr bei der amerikanischen, sondern bei der Französischen Revolution.
Peter Langdon indes bleibt der liebenswürdige Held, der in alldem nur Konspirationsphantastik und schlechte Information erkennen will. Gut, dass ihm mit der bärbeißigen CIA-Oberen, der japanischstämmigen Frau Sato Inoue, der inkarnierte Zweifel gegenübersteht. Als sie Langdon zu Ermittlungszwecken nach den maurerischen Geheimnissen fragt, gibt er ihr den Bescheid, sich doch besser an einen Logenbruder zu wenden. Tatsächlich, so die Kluge, „würde ich lieber jemanden fragen, dem ich vertrauen kann“.
Ansturm auf den neuen Dan Brown
Der neue Thriller des amerikanischen Bestsellerautors Dan Brown hat in den Buchgeschäften der englischsprachigen Welt einen Ansturm
von Lesern ausgelöst. Seit Erscheinen von „The Lost Symbol“ am vergangenen Dienstag sei das Buch mehr als eine Million mal verkauft
worden, wie der Verlag Transworld am Donnerstag in London mitteilte. Allein in Großbritannien ging der Thriller in den ersten 36 Stunden
nach seiner Veröffentlichung mehr als 300.000 Mal über den Ladentisch. Damit verkauften sich in dieser Zeit schon mehr Exemplare des Buches, als bei jeglichen anderen Hardcover-Romanen für Erwachsene auf der Insel. Bislang war der bestverkaufte gebundene Roman für Erwachsene in Großbritannien „Hannibal“ von Thomas Harris, der seit seinem Erscheinen 1999 insgesamt 298.000 Mal verkauft wurde.