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Der Mathematiker Poesie der Zahlen

11.11.2009 ·  Wie tief wurzelte Enzensbergers Nähe zur Mathematik? Er entdeckte sie, als er die politischen Bewegungen scheitern sah. Und er zeigte an ihr, wie durchlässig die Grenzen zwischen den Terrains von Poesie und Wissenschaft sein können.

Von Helmut Mayer
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Ich bin kein Mathematiker, ich bin Wegelagerer.

Die Bemerkung fällt in den frühen Frankfurter Poetikvorlesungen und klingt im Rückblick fast ein wenig zu bescheiden. Manche Zuhörer werden damals die Ausführungen über „topologische Strukturen in der modernen Literatur“ für eine etwas kokette Entwendung technischen Vokabulars gehalten haben. Das kybernetische Zeitalter war schließlich noch nicht zu Ende und der Literatur samt der weiland poetischen Inspiration mit mathematischem Instrumentarium zu Leibe zu rücken ein öfters geübtes Verfahren.

Aber Enzensbergers Hang zur Mathematik wurzelte tiefer. Sie als Mittel der Entzauberung einzusetzen, dagegen sprach schon die Faszination, die sie offenbar jenseits aller Indienstnahmen von Anfang an auf ihn ausübte. Wobei es diesen Dichter nicht zu einer poetischen Privatmathematik à la Paul Valéry zog und auch die literarische Applikation kombinatorischer oder anderer mathematischer Prinzipien seine Sache allenfalls am Rande war – mit Ausnahme des recht detaillierten Entwurfs seines „Poesie-Automaten“ aus den siebziger Jahren, der sich nach eigenem Bekenntnis einer Fluchtbewegung nach dem Scheitern der politischen Bewegung verdankte.

Im Wald der mathematischen Metaphern

Man könnte das auch so formulieren: Für den rein rhetorischen oder nachahmenden Gebrauch war diesem Autor die Mathematik zu nahe. Dafür wusste er doch ein wenig zu gut und mit den Jahren anscheinend sogar immer besser, wovon er sprach, wenn er Fibonacci und von Neumann, Gödel, Turing und Cantor anführte. Oder sagen wir es vorsichtiger, vermutlich doch besser als einige jüngere Dichter, die es ihm darin nachtaten. Dass Enzensberger Gödels Diagonalisierungstrick oder die Definition einer Turing-Maschine auf Anhieb parat hat, daran möchten wir nicht zweifeln. Die Poesie der Wissenschaft, hielt er einmal programmatisch fest, liege nicht offen zutage, sondern stamme aus tieferen Schichten. Um sie aufzuspüren, gilt es ein Gefühl dafür entwickeln, wie die Wissenschaftler verfahren. Um bei der favorisierten Mathematik zu bleiben: gar nicht unbedingt in den Höhen von Gödels Beweistheorie, sondern zum Beispiel in denkbar elementarer Zahlentheorie, wie es Enzensberger in seinem „Zahlenteufel“ vorgeführt hat: das Kinderbuch als Arbeit an einer „Kultur, die sich durch profundes mathematisches Nichtwissen auszeichnet“. Und die Mathematik doch brauchen könnte, nicht um deren verblüffender Brauchbarkeit, sondern gerade um der Poesie willen, die sich in ihren Erfindungen zeigt, die man auch für Entdeckungen halten kann – oder umgekehrt.

Einnehmendere Plädoyers für durchlässige Grenzen zwischen den Terrains von Wissenschaft und Künsten findet man kaum. Ein mathematisch belesener Wegelagerer also, der mit einer Lesart von Gödels berühmtem Satz weiß, „Gewissheit = Inkonsistenz“, und sich zur intellektuellen Erfrischung gerne im metapherngespickten Mathematikwald der „Wurzeln, Fasern, Keime, Büchel, Garben, Hüllen, Knoten, Schlingen, Schleifen, Strahlen, Fahnen, . . .“ umtut. Wenn er aus ihm hervorbricht, geht es immer noch darum, uns um einige vermeintlich Gewissheiten zu erleichtern.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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