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Der Mann ohne Eigenschaften : Jetzt winkt wirklich eine Art Ende

  • -Aktualisiert am

Riese unter Geistesriesen: Robert Musils Büste im Schiller-Nationalmuseum in Marbach Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Geschichte von Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist selbst eine unglaubliche Geschichte. Nun scheint sie einen Abschluss gefunden zu haben: als DVD mit der „Klagenfurter Ausgabe“.

          Da ringt ein Schriftsteller mehr als zwanzig Jahre mit einem Roman von monströsen Dimensionen. Der Autor ist arm, seine Arbeit wird kaum beachtet. Bei schlechter werdender Gesundheit schreibt er an einem Buch, das in aller philosophischen Rigorosität danach fragt, ob das Leben in der nachmetaphysischen Moderne noch glücklich sein kann. Und dann stirbt der Autor, bevor er sein Urteil zu Papier bringen kann. Was der Nachwelt bleibt, ist eine riesige Baustelle.

          Der Öffentlichkeit wird erst in den Jahren nach dem Tod Robert Musils klar, was zu seinen Lebzeiten unbemerkt geblieben ist. „Der Mann ohne Eigenschaften“ wird von der Londoner „Times“ schon 1949 zum Jahrhundertroman ausgerufen. In der Hoffnung, vielleicht doch noch Aufschluss zu bekommen über das, was im Roman folgen sollte, macht sich die Editorik an den immensen Nachlass. Am Ende der Bemühungen aber setzt sich die Auffassung durch, der Roman sei Fragment geblieben, weil der Autor selbst an der Konzeption eines Endes gescheitert sei. Als Beleg für diese Position findet sich in jeder Buchhandlung ein dickes Rowohlt-Taschenbuch mit Kapitelentwürfen aus dem Nachlass. Was darin hoffnungsvoll beginnt, mit einer Fortführung des Romans, regrediert allmählich in heillose Konfusion. Kapitel wiederholen sich mit nur geringfügigen Veränderungen, brechen ab, werden zu Skizzen und Kreisbewegungen, flüchtigen Notizen, Kürzeln und Fragezeichen.

          Dann erschien im vergangenen Jahr eine DVD. Als „Klagenfurter Ausgabe“ findet sich darauf das Gesamtwerk Musils in einer neuen Edition, herausgegeben von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino: alles, was Musil zu Lebzeiten veröffentlicht hat, außerdem der gesamte Nachlass, transkribiert oder als Faksimile einsehbar, darunter bislang völlig Unbekanntes. Auf der Hülle ist der Inhalt aufgelistet. Als dritter Punkt steht dort: „Der Mann ohne Eigenschaften - Fortsetzung“. Man öffnet die betreffende Datei und findet eine aus Nachlassfragmenten zusammengesetzte detaillierte Skizze des Romanendes - nachvollziehbar, klar, plausibel. Die DVD ist das Resultat langjähriger Mühen und einer Editionsgeschichte, die sich in ihrer Komplexität und Zerstrittenheit höchstens mit der von Kafka oder Wittgenstein vergleichen ließe. Um zu verstehen, wieso es so lange dauern musste, bis etwas so Einleuchtendes wie die Klagenfurter Lösung erscheinen konnte, ist ein Rückblick auf die zerrissene Geschichte des „Manns ohne Eigenschaften“ und seines Autors nötig.

          Arbeit am intellektuellen Niveau der Literatur: Robert Musil

          Ruhm ohne Geldwert

          Als 1930 der erste Teil des Romans bei Rowohlt erscheint, sagt Ernst Rowohlt stolz: „Musil - das wird mein deutscher Klassiker.“ Die Kritiker überschlagen sich mit Lobeshymnen: Groß wie Proust sei das, groß wie Joyce. Thomas Mann schreibt über Musils „einschneidende Bedeutung für die Entwicklung, Erhöhung, Vergeistigung des deutschen Romans“. Der Autor beginnt heimlich vom Nobelpreis zu träumen. Doch der „Mann ohne Eigenschaften“ verkauft sich schlecht. So bleibt die vom Autor ersehnte Erleichterung seiner angespannten finanziellen Situation aus, auch nach dem Erscheinen erster Kapitel aus dem zweiten Band 1933. Freunde und Gönner greifen Musil finanziell unter die Arme. Diese Abhängigkeit aber kränkt den Stolz des Autors. In einem Interview klagt er: „Dass du nicht berühmt bist, ist natürlich; dass du aber nicht genug Leser zum Leben hast, ist schändlich.“

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