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Der Mann ohne Eigenschaften Jetzt winkt wirklich eine Art Ende

27.10.2010 ·  Die Geschichte von Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist selbst eine unglaubliche Geschichte. Nun scheint sie einen Abschluss gefunden zu haben: als DVD mit der „Klagenfurter Ausgabe“.

Von Alard von Kittlitz
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Da ringt ein Schriftsteller mehr als zwanzig Jahre mit einem Roman von monströsen Dimensionen. Der Autor ist arm, seine Arbeit wird kaum beachtet. Bei schlechter werdender Gesundheit schreibt er an einem Buch, das in aller philosophischen Rigorosität danach fragt, ob das Leben in der nachmetaphysischen Moderne noch glücklich sein kann. Und dann stirbt der Autor, bevor er sein Urteil zu Papier bringen kann. Was der Nachwelt bleibt, ist eine riesige Baustelle.

Der Öffentlichkeit wird erst in den Jahren nach dem Tod Robert Musils klar, was zu seinen Lebzeiten unbemerkt geblieben ist. „Der Mann ohne Eigenschaften“ wird von der Londoner „Times“ schon 1949 zum Jahrhundertroman ausgerufen. In der Hoffnung, vielleicht doch noch Aufschluss zu bekommen über das, was im Roman folgen sollte, macht sich die Editorik an den immensen Nachlass. Am Ende der Bemühungen aber setzt sich die Auffassung durch, der Roman sei Fragment geblieben, weil der Autor selbst an der Konzeption eines Endes gescheitert sei. Als Beleg für diese Position findet sich in jeder Buchhandlung ein dickes Rowohlt-Taschenbuch mit Kapitelentwürfen aus dem Nachlass. Was darin hoffnungsvoll beginnt, mit einer Fortführung des Romans, regrediert allmählich in heillose Konfusion. Kapitel wiederholen sich mit nur geringfügigen Veränderungen, brechen ab, werden zu Skizzen und Kreisbewegungen, flüchtigen Notizen, Kürzeln und Fragezeichen.

Dann erschien im vergangenen Jahr eine DVD. Als „Klagenfurter Ausgabe“ findet sich darauf das Gesamtwerk Musils in einer neuen Edition, herausgegeben von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino: alles, was Musil zu Lebzeiten veröffentlicht hat, außerdem der gesamte Nachlass, transkribiert oder als Faksimile einsehbar, darunter bislang völlig Unbekanntes. Auf der Hülle ist der Inhalt aufgelistet. Als dritter Punkt steht dort: „Der Mann ohne Eigenschaften - Fortsetzung“. Man öffnet die betreffende Datei und findet eine aus Nachlassfragmenten zusammengesetzte detaillierte Skizze des Romanendes - nachvollziehbar, klar, plausibel. Die DVD ist das Resultat langjähriger Mühen und einer Editionsgeschichte, die sich in ihrer Komplexität und Zerstrittenheit höchstens mit der von Kafka oder Wittgenstein vergleichen ließe. Um zu verstehen, wieso es so lange dauern musste, bis etwas so Einleuchtendes wie die Klagenfurter Lösung erscheinen konnte, ist ein Rückblick auf die zerrissene Geschichte des „Manns ohne Eigenschaften“ und seines Autors nötig.

Ruhm ohne Geldwert

Als 1930 der erste Teil des Romans bei Rowohlt erscheint, sagt Ernst Rowohlt stolz: „Musil - das wird mein deutscher Klassiker.“ Die Kritiker überschlagen sich mit Lobeshymnen: Groß wie Proust sei das, groß wie Joyce. Thomas Mann schreibt über Musils „einschneidende Bedeutung für die Entwicklung, Erhöhung, Vergeistigung des deutschen Romans“. Der Autor beginnt heimlich vom Nobelpreis zu träumen. Doch der „Mann ohne Eigenschaften“ verkauft sich schlecht. So bleibt die vom Autor ersehnte Erleichterung seiner angespannten finanziellen Situation aus, auch nach dem Erscheinen erster Kapitel aus dem zweiten Band 1933. Freunde und Gönner greifen Musil finanziell unter die Arme. Diese Abhängigkeit aber kränkt den Stolz des Autors. In einem Interview klagt er: „Dass du nicht berühmt bist, ist natürlich; dass du aber nicht genug Leser zum Leben hast, ist schändlich.“

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten flieht Musil mit seiner jüdischen Frau Martha aus Berlin nach Wien, der „Mann ohne Eigenschaften“ wird in Deutschland bald darauf verboten. 1938 steht Musil kurz vor der Veröffentlichung einer Fortsetzung, da wird von einem Balkon am Wiener Heldenplatz verkündet, die Österreicher wollten heim ins Reich. Wieder fliehen die Musils, dieses Mal in die Schweiz, zunächst nach Zürich, dann nach Genf, wo der Schriftsteller schnell vereinsamt. Als Exilant darf Musil nicht publizieren. Dennoch schreibt er weiter, stoisch, unglücklich, aber auch im Glauben, er werde noch zwanzig weitere Lebensjahre haben. Er trinkt kannenweise Kaffee und raucht wie ein Schlot. Die Gesundheit des Autors, der bereits einen Schlaganfall erlitten hat, wird davon nicht besser.

An einem Morgen im April 1942 stirbt Musil an einem abermaligen Schlaganfall. Keine Zeitung bringt einen Nachruf. Die Nachbarn wissen nicht, wer das war, der da gewohnt hat. In einem großen Büfett im stillen Arbeitszimmer liegen zwölftausend Seiten Papier, vollgeschrieben in teilweise kaum lesbarer, winziger Schrift, auch entziffert bleibt der Inhalt vieler Notizen kryptisch. Musils Nachlass ist genauso immens wie das Romanprojekt, das er nicht hat zu Ende bringen können.

„Lieber Herr Pfarrer“, schreibt nur einen Monat nach Musils Tod seine Witwe an den Schweizer Pfarrer Robert Lejeune, einen Freund des Ehepaares, „es ist mir nicht wohltuend, den Nachlass zu ordnen, sondern es ist eine fast nicht auszuhaltende Verzweiflung; denn es ist furchtbar, klar zu sehen, wie alles hätte werden können - und nicht mehr werden kann.“ Martha Musil weiß, dass ihr Mann eine Idee hatte, wie der Roman ausgehen soll.

Das Ringen um eine Buchfassung, die das Publikum lesen kann

1943 erscheint in winziger Auflage ein von ihr selbst herausgebrachter Fortsetzungsband des „Manns ohne Eigenschaften“. Darin finden sich nicht bloß die sogenannten „Druckfahnenkapitel“, die Musil für das österreichische Publikationsprojekt bereits freigegeben, nach dessen Scheitern allerdings immer wieder umgearbeitet hatte. Martha Musil hängt diesen Kapiteln außerdem eine Zusammenstellung verschiedener Entwürfe aus dem Nachlass an, die sich zusammengestellt wie ein Romanende lesen. In ihrer Auswahl bemüht sich die Witwe in erster Linie um Leserfreundlichkeit, um eine nachvollziehbare Linie. Dabei würfelt sie allerdings Ideen und Kapitel durcheinander, die entstehungsgeschichtlich weit auseinanderliegen und einem prüfenden Blick so nicht lange standhalten können.

Die nachhaltigere Leistung Martha Musils besteht in der Bewahrung des Nachlasses für kommende Generationen. Sie besteht in ihrer Kontaktaufnahme mit Rowohlt nach dem Krieg, in dem Ernst, den sie im Umgang mit dem Nachlass an den Tag legte. Martha Musil wollte ihn selbst herausgeben. Während der Verhandlungen mit Rowohlt aber trat ein ehrgeiziger junger Mann an sie heran, der ihr seine Mitarbeit anbot: Adolf Frisé.

Als Frisé 1931 im Alter von 21 Jahren erstmals den „Mann ohne Eigenschaften“ gelesen hatte, war das ein literarisches Erweckungserlebnis, das ihn neben einer hymnischen Besprechung auch dazu bewegte, Musil Briefe zu schreiben, schließlich ihn auch zu besuchen. An den Inhalt des Gesprächs konnte sich Frisé später kaum erinnern, auch wenn es immer wieder zur Legitimation des eigenen Rechts auf die Position als Herausgeber diente.

Adolf Frisé stritt darum lange und unnachgiebig - mit Rowohlt, Martha Musil und, nach deren Tod 1949, mit ihren Nachfahren. Später, als er im Sommer 1951 in einem riesigen Zimmer in Rom endlich den Nachlass vor sich ausbreitete, mag die Freude über den Sieg einem Schwindel über die bevorstehende Arbeit gewichen sein: An Ernsts Sohn, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, schrieb Frisé aus Rom, der Nachlass sei „aufregend inhaltsreich“, es sei allerdings „eine Heidenarbeit, zunächst einmal nur das Wesentliche herauszuspüren“. Frisé sollte sein Leben der Edition von Musils Nachlass widmen. Wie der Autor selbst litt auch er bei seiner Arbeit lange unter großer finanzieller Knappheit, insbesondere während der Arbeit an seiner ersten Edition des „Manns ohne Eigenschaften“. Die erschien zum Jahreswechsel 1952/53, und mit ihr erst begannen der Autor und sein Nachlass in der deutschen Öffentlichkeit stattzufinden.

Lose Enden

Diese Edition nahm sich ähnlich weitreichende Freiheiten wie die von Martha Musil, wenn Frisé auch mehr Zeit, Übersicht, Geduld und kritisches Urteil besaß. In dem von ihm herausgegebenen „Mann ohne Eigenschaften“ waren den „Druckfahnenkapiteln“ bunt aus dem Nachlass zusammengemischte Entwürfe, Skizzen und Ideen angefügt, die durch Frisés Kunstfertigkeit tatsächlich einen teleologischen Zug entwickelten und zum Anschein einer balancierten Romanstruktur führten. Für sein Projekt war Frisé sogar dazu bereit, die Namen von Figuren bei Bedarf zu ändern. Heute weiß man, dass er sich dabei unwissentlich auch mit Material befasste, das zu Protoromanen des „Manns ohne Eigenschaften“ gehörte. Frisés Vorgehensweise erklärt sich aus seinem Urteil, die editorische Kunst bestünde darin, die Unentschiedenheit des Autors unsichtbar zu machen.

Aber immer mehr Musilianer forderten Zugang zum Nachlass, den Frisé eifersüchtig verwehrte. Die Debatte um den rechten Umgang mit dem Nachlass wurde aggressiv und öffentlich in den Feuilletons der deutschen Zeitungen geführt. Und obwohl das Publikum schon in den Sechzigern eine Neuedition zu fordern begann, dauerte es bis 1978, bevor Frisé so weit war.

Der 1978er „Mann ohne Eigenschaften“ prägt nach wie vor das öffentliche Bild des Romans. Diplomatisch, aber auch seltsam lax hatte Frisé für diese Ausgabe eine Lösung gewählt, in der in einem ersten Buch alle zu Lebzeiten des Autoren veröffentlichen Kapitel zusammengefasst sind. In dessen zweitem Band, „Aus dem Nachlass“, kamen die Druckfahnenkapitel und dann, für den Leser kaum nachvollziehbar, in rückwärtsgewandter chronologischer Ordnung, alles, was sich im Nachlass an Entwürfen und Skizzen zum Roman finden lässt. Das ist das Buch, das bis heute in den Läden steht.

Neuanfang im digitalen Format

Walter Fanta hat Glück gehabt, ihm ist der einschüchternde Anblick, der sich Martha Musil nach dem Öffnen des Büfetts und Adolf Frisé in dem Salon in Rom bot, erspart geblieben. Fanta, Haupteditor der Klagenfurter Edition, kam zum ersten Mal mit dem Nachlass von Robert Musil in Berührung, bevor er auch nur eine Zeile von dessen Werk gelesen hatte. 1985 wurde dem damaligen Germanistikstudenten vom Klagenfurter Professor Friedbert Aspetsberger ein Job angeboten. Aspetsberger hatte gemeinsam mit Frisé und Karl Eibl den Plan gefasst, den Nachlass zu digitalisieren. Die schnöde Arbeit verrichteten studentische Hilfskräfte.

Auf einer Tagung im Jahr 1988, zu der die beiden Musil-Forschungsstellen aus Trier und Klagenfurt zusammenkamen, trat Eibl vor die versammelten Mitarbeiter und hielt eine silberne Scheibe in die Luft: „Dies“, sagte Eibl, „ist eine CD-Rom.“ Es war eine Bibel-Edition aus Amerika. Eibl hatte ähnliches mit Musil vor, und während Aspetsberger das als Verrat an der andauernden Arbeit empfand und Frisé sich mit Kommentaren zurückhielt, erkannte der junge Walter Fanta das Potential der neuen Technik sofort. Eine CD-Rom-Ausgabe, so hoffte er, würde erlauben, die 1988 längst verhärteten Fronten in der Musil-Forschung wieder miteinander in Dialog zu bringen.

Hat Musil überhaupt jemals einen Schluss für den Roman im Kopf gehabt?

Auf der einen Seite standen die Anhänger jener Position, die schon Martha Musil und später lange Frisé innehatten. Dieser Auffassung zufolge musste der Nachlass nur in die rechte Ordnung gebracht werden, um das Romanende zu finden. Auf der anderen Seite standen die Editoren, die in dem Zettelwust nur noch ein verwahrlostes Experimentierfeld zu sehen vermeinten. 1936 hatte Musil auf einigen Seiten Papier ein Konzept für einen Schlussteil niedergeschrieben, den er analog zum Anfang des Romans „Eine Art Ende“ nennen wollte. Das Ende hätte darin bestanden, dass die beiden Geschwister Ulrich und Agathe nach Italien fahren, wo ihre Liebe in einen Inzest mündet, in dem die Utopie der vollkommenen Verschwisterung zweier Menschen ihre krasseste Steigerung, aber auch ihr Scheitern erfährt. Danach wäre der Erste Weltkrieg ausgebrochen und Ulrich als Soldat verschwunden.

Suche nach einer hoffnungsvollen Lösung

Fanta ist der Auffassung, dass dieses Ende von Musil am Ende so nicht publiziert worden wäre. Der Autor habe in seiner Arbeitsweise eine Tendenz zur Sublimation gehabt, und in den letzten Nachlasskapiteln fänden sich deutliche Hinweise darauf, dass Ulrich und Agathe, statt nach Italien zu reisen, schlicht in seinem Garten bleiben sollten, in einem vollkommen offenen, schließlich aber auch bewegungslosen Gespräch. Fanta meint, Musil hätte eine Weile noch versucht, über die völlige Entropie zwischen den Geschwistern hinauszuschreiben, das aber nicht zuwege gebracht.

Nach dieser Sicht auf den Roman wäre ein völlig neues Licht auf die wohl wichtigste Utopie des Romans geworfen. Während das „Leben in der Liebe“ der Geschwister ursprünglich - und bis heute auch in den Köpfen jener Leser, die nach dem Abbruch des Romans oberflächlich in der Musilforschung stöbern - an seinem radikalen Vollzug, am Inzest scheitern und zerschellen sollte, ist Fanta nicht überzeugt, dass Musil bei dieser negativen Wendung geblieben wäre. „Der Zusammenbruch der Kultur um ihn herum ließ Musil nach einer anderen, hoffnungsvolleren Lösung suchen“, sagt Fanta.

Besonders wichtig ist für Fanta eine Nachlassseite aus dem Januar und Februar 1942. Wenige Wochen vor seinem Tod schrieb Musil Gedanken auf, nach denen die Romanhandlung mit den zirkulären Geschwistergesprächen plötzlich abbrechen sollte. Statt, wie ursprünglich geplant, noch zu beschreiben, wie die Geschwister getrennt werden, was aus den übrigen Figuren wird, wie der Krieg kommt, dachte Musil darüber nach, den Geschwisterkapiteln einen von Ulrich verfassten Epilog anzuhängen. Darin hätte der Protagonist auf den Ersten und auch den Zweiten Weltkrieg zurückgeblickt, auf die Erlebnisse mit der Schwester und den übrigen Figuren, und sie in ein philosophisches Gerüst aus Wissenschaft und fernöstlicher Philosophie gebettet.

Verdientes Ende

Fantas Gedanken, die er im Gespräch mit beeindruckender Leichtigkeit an Textstellen und Briefen festmacht, wirken ungeheuer plausibel. Seine Edition bedeutet allerdings keineswegs, dass nun das „wahre“ Ende des Romans gefunden wäre. Doch sie stellt eine Version der letzten Pläne Musils vor, die überzeugender wirkt als alle Anläufe zuvor.

2012 wird der Rowohlt-Verlag die Exklusivrechte am „Mann ohne Eigenschaften“ verlieren. Der Text wird dann der ganzen Welt gehören und vermutlich in zahllosen verschiedenen Auflagen erscheinen. Die Herausgeber der „Klagenfurter Ausgabe“ wollen allerdings das Gespräch mit dem Rowohlt-Verlag suchen. Denn die DVD ist ein Spielzeug für Gelehrte, für normale Leser ist das gedruckte Buch nicht zu überbieten. Viele Musil-Texte sind nur schwer zu bekommen. Eine gedruckte Version des Lesetextes der „Klagenfurter Ausgabe“ wäre daher ein Segen. Und sie wäre auch das, was Musil, der Verkannte und als gescheitert Bezeichnete, dieser Riese der deutschen Literatur, verdient hat.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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