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Der Mann ohne Eigenschaften : Jetzt winkt wirklich eine Art Ende

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Auf einer Tagung im Jahr 1988, zu der die beiden Musil-Forschungsstellen aus Trier und Klagenfurt zusammenkamen, trat Eibl vor die versammelten Mitarbeiter und hielt eine silberne Scheibe in die Luft: „Dies“, sagte Eibl, „ist eine CD-Rom.“ Es war eine Bibel-Edition aus Amerika. Eibl hatte ähnliches mit Musil vor, und während Aspetsberger das als Verrat an der andauernden Arbeit empfand und Frisé sich mit Kommentaren zurückhielt, erkannte der junge Walter Fanta das Potential der neuen Technik sofort. Eine CD-Rom-Ausgabe, so hoffte er, würde erlauben, die 1988 längst verhärteten Fronten in der Musil-Forschung wieder miteinander in Dialog zu bringen.

Hat Musil überhaupt jemals einen Schluss für den Roman im Kopf gehabt?

Auf der einen Seite standen die Anhänger jener Position, die schon Martha Musil und später lange Frisé innehatten. Dieser Auffassung zufolge musste der Nachlass nur in die rechte Ordnung gebracht werden, um das Romanende zu finden. Auf der anderen Seite standen die Editoren, die in dem Zettelwust nur noch ein verwahrlostes Experimentierfeld zu sehen vermeinten. 1936 hatte Musil auf einigen Seiten Papier ein Konzept für einen Schlussteil niedergeschrieben, den er analog zum Anfang des Romans „Eine Art Ende“ nennen wollte. Das Ende hätte darin bestanden, dass die beiden Geschwister Ulrich und Agathe nach Italien fahren, wo ihre Liebe in einen Inzest mündet, in dem die Utopie der vollkommenen Verschwisterung zweier Menschen ihre krasseste Steigerung, aber auch ihr Scheitern erfährt. Danach wäre der Erste Weltkrieg ausgebrochen und Ulrich als Soldat verschwunden.

Suche nach einer hoffnungsvollen Lösung

Fanta ist der Auffassung, dass dieses Ende von Musil am Ende so nicht publiziert worden wäre. Der Autor habe in seiner Arbeitsweise eine Tendenz zur Sublimation gehabt, und in den letzten Nachlasskapiteln fänden sich deutliche Hinweise darauf, dass Ulrich und Agathe, statt nach Italien zu reisen, schlicht in seinem Garten bleiben sollten, in einem vollkommen offenen, schließlich aber auch bewegungslosen Gespräch. Fanta meint, Musil hätte eine Weile noch versucht, über die völlige Entropie zwischen den Geschwistern hinauszuschreiben, das aber nicht zuwege gebracht.

Nach dieser Sicht auf den Roman wäre ein völlig neues Licht auf die wohl wichtigste Utopie des Romans geworfen. Während das „Leben in der Liebe“ der Geschwister ursprünglich - und bis heute auch in den Köpfen jener Leser, die nach dem Abbruch des Romans oberflächlich in der Musilforschung stöbern - an seinem radikalen Vollzug, am Inzest scheitern und zerschellen sollte, ist Fanta nicht überzeugt, dass Musil bei dieser negativen Wendung geblieben wäre. „Der Zusammenbruch der Kultur um ihn herum ließ Musil nach einer anderen, hoffnungsvolleren Lösung suchen“, sagt Fanta.

Besonders wichtig ist für Fanta eine Nachlassseite aus dem Januar und Februar 1942. Wenige Wochen vor seinem Tod schrieb Musil Gedanken auf, nach denen die Romanhandlung mit den zirkulären Geschwistergesprächen plötzlich abbrechen sollte. Statt, wie ursprünglich geplant, noch zu beschreiben, wie die Geschwister getrennt werden, was aus den übrigen Figuren wird, wie der Krieg kommt, dachte Musil darüber nach, den Geschwisterkapiteln einen von Ulrich verfassten Epilog anzuhängen. Darin hätte der Protagonist auf den Ersten und auch den Zweiten Weltkrieg zurückgeblickt, auf die Erlebnisse mit der Schwester und den übrigen Figuren, und sie in ein philosophisches Gerüst aus Wissenschaft und fernöstlicher Philosophie gebettet.

Verdientes Ende

Fantas Gedanken, die er im Gespräch mit beeindruckender Leichtigkeit an Textstellen und Briefen festmacht, wirken ungeheuer plausibel. Seine Edition bedeutet allerdings keineswegs, dass nun das „wahre“ Ende des Romans gefunden wäre. Doch sie stellt eine Version der letzten Pläne Musils vor, die überzeugender wirkt als alle Anläufe zuvor.

2012 wird der Rowohlt-Verlag die Exklusivrechte am „Mann ohne Eigenschaften“ verlieren. Der Text wird dann der ganzen Welt gehören und vermutlich in zahllosen verschiedenen Auflagen erscheinen. Die Herausgeber der „Klagenfurter Ausgabe“ wollen allerdings das Gespräch mit dem Rowohlt-Verlag suchen. Denn die DVD ist ein Spielzeug für Gelehrte, für normale Leser ist das gedruckte Buch nicht zu überbieten. Viele Musil-Texte sind nur schwer zu bekommen. Eine gedruckte Version des Lesetextes der „Klagenfurter Ausgabe“ wäre daher ein Segen. Und sie wäre auch das, was Musil, der Verkannte und als gescheitert Bezeichnete, dieser Riese der deutschen Literatur, verdient hat.

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