11.11.2009 · Wenn Hans Magnus Enzensberger Jugendbücher schreibt, dann schickt er seine Figuren auf Reisen, die sie einer fulminanten Bilderflut aussetzen, so lange, bis sie selbst sagen: Es ist gut.
Von Tilman SpreckelsenAber seine Augen sind so sonderbar, sehr hell und ziemlich grün.
Wer sich die Augen reibt, verwundert von dem, was er da gerade gesehen hat, der will wieder zurück ins Normale. Bloß keine Wunder, sagt diese Geste, bitte nichts, das der Welt widerspricht, in der man sich gerade so mühsam eingerichtet hat. Und wenn man dann die geballten Fäuste von den Augen nimmt, darf es gern so grau und langweilig wie möglich sein, Hauptsache, es ist wie immer.
Wenn aber Robert sich die Augen reibt, die „so sonderbar, sehr hell und ziemlich grün“ sind, dann ist nichts mehr wie immer. Robert, der die ihm verschriebenen Augentropfen heimlich gegen klares Wasser ausgetauscht hat, sieht in Momenten zwischen Wachen und Schlafen das, was nicht ist (oder: nicht mehr, oder: nicht hier), und gleitet dann irgendwann vollkommen in eine Kaskade von Visionen: Nowosibirsk 1956, Australien 1946, Deutschland 1930. Sonderlich aktiv tritt der Zeitreisende dabei allerdings nicht auf. Am liebsten schaut er zu, aus hellen, grünen Augen.
Wenn Hans Magnus Enzensberger Jugendbücher schreibt wie jenes, „Wo warst du, Robert?“ betitelt, oder Bilderbücher wie jüngst das von Rotraut Susanne Berner illustrierte „Bibs“ (So einfach wie aufregend: das Bilderbuch „Bibs“ von Enzensberger und Berner), dann gehen diejenigen, die darin am Anfang der spannungsärmsten Seite der Welt ausgeliefert sind, von diesem Sprungbrett aus auf Reisen, die sie einer fulminanten Bilderflut aussetzen, so lange, bis sie selbst sagen: Es ist gut. Manche, wie Bibs, erschaffen unterwegs aus dem Wäschekorb heraus einen ganzen Kosmos. Andere, wie der äußerst kurzsichtige Hase Esterhazy, den Enzensberger gemeinsam mit Irene Dische schrieb und von Michael Sowa bebildern ließ, münzen ihren besonderen Blick auf die Welt in ein Interpretationsverfahren um, das die große Geschichte lächelnd ignoriert und selbst die Berliner Mauer (und deren Fall) aufs Eigenwilligste wertet.
Keiner von ihnen macht Wind, keiner betritt die Bühne, auf der sie sich am Ende dann doch noch nolens volens wiederfinden, mit Getöse, alle aber gehen ihren Weg, nachdem sie den Dingen lange wach und beinahe amüsiert zugeschaut haben. Auch Robert, unter all diesen Augenmenschen der liebenswerteste und am wenigsten verstandene: „Ich weiß doch nicht, was dem Jungen fehlt, denkt seine Mutter, er hat doch alles.“ Der Erzähler denunziert sie mit keinem Wort dafür, dass zwischen ihrer Welt und der ihres Sohnes ein Abgrund verläuft. Aber er macht ebenso deutlich, dass es für Robert Zeit ist, auf seine Reise zu gehen. Er schickt ihn auf den Weg, er schubst ihn geradezu. Dass er ihn den Rückweg alleine finden lässt, ist nur konsequent – und beweist sein ungeheures Vertrauen in all diese Träumer mit Partisanen-Augen. Schon dafür wird man den Jugendbuchautor Enzensberger außerordentlich schätzen.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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