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Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o : Sprache ohne jeden Umweg

Seit Jahren aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis: Ngugi wa Thiong’o im Mai 2017 in Barcelona Bild: EPA

Seit Jahren gilt er als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis. In seiner Heimat wurde der kenianische Schriftsteller inhaftiert und gefoltert. Zum achtzigsten Geburtstag Ngugi wa Thiong’os.

          „Möchtest du gern in die Schule?“, fragt die Mutter ihren Sohn, und keine Frage könnte dem jungen Njoroge willkommener sein. Als einzigem unter seinen Geschwistern steht ihm der Weg zur höheren Bildung offen, und was er mit dem künftigen Schulbesuch verbindet, ist so gewaltig, dass es kaum eingelöst werden kann: gesellschaftlicher Aufstieg, räumliche Veränderung nicht nur innerhalb der kenianischen Heimat, sondern ins aus der Ferne lockende Europa. Dass die Realität dieser Vision nicht standhalten wird, ahnt man als Leser des autobiographisch grundierten Romans „Abschied von der Nacht“ (im englischen Original: „Weep not, child“) rasch.

          Was aber die Träume des Jungen bedroht, wird erst allmählich klar. Eine Schlüsselszene hierzu ist die Erzählung von Njoroges Vater im Kreis der Großfamilie: Er berichtet von der Erschaffung der Welt und insbesondere der Gegend, in der die Familie lebt. Von einem mythischen Paar, das den Boden zuerst bestellte und ihn an die Nachkommen vererbte, bis der Schöpfergott sich verärgert abwandte, Missernten kamen und schließlich die Weißen, die sich nun auf dem Land breitmachten und den Schwarzen allenfalls ein Dasein als Kleinpächter gestatteten. Das zu hören erbittert einen von Njoroges Brüdern, eines kommt zum anderen, und am Ende entlädt sich der Groll in einer Orgie von Gewalt, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Und zugleich deutlich macht, dass es in einem repressiven Umfeld zur Emanzipation des Einzelnen wie der Gruppe mehr bedarf als Bildung.

          Als „Abschied von der Nacht“ 1964 erschien, hatte es sein damals sechsundzwanzigjähriger Autor trotz allem auf die Universität im ugandischen Kampala geschafft. Er schrieb auf Englisch und nannte sich James Ngugi, erst später nahm er den Namen Ngugi wa Thiong’o an und verfasste seine Romane von 1978 an in der Sprache seines Volks, der Kikuyu, in der festen und nachvollziehbaren Überzeugung, dass nichts einer Kultur so gefährlich ist wie der Verlust ihres Idioms. Er wurde wegen eines Theaterstücks in seiner Heimat ohne Prozess inhaftiert und gefoltert – davon erzählt etwa sein Gefängnistagebuch, das unter dem deutschen Titel „Kaltgestellt“ erschienen ist. Er fand in England Asyl, wurde mit Romanen wie „Der gekreuzigte Teufel“ oder den Memoirenbänden „Träume in Zeiten des Krieges“ und „Im Haus des Hüters“ weltweit bekannt und gilt seit einigen Jahren als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis.

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          Es ist oft bemerkt worden, dass Ngugi wa Thiong’os Sprache keine Umwege geht, dass sie die Dinge klar, manchmal fast holzschnitthaft benennt. Soweit man dies den Übersetzungen ablesen kann, trifft das zu, ebenso aber, dass diese Sprache zugleich Leerstellen lässt, die wiederum allen Anschein von Eindeutigkeit durchkreuzen. Immer schwingt darin etwas mit, das strikte Aussagen in ihr Gegenteil verkehren kann, und gerade in den Memoirenbänden nimmt sich der Erzähler oft gegenüber seinen Protagonisten, die nicht selten zu Antagonisten werden, so weit zurück, dass die Widersprüche einer verworrenen Zeit gerade nicht aufgelöst werden.

          Gewalt, Terror, der vom Staat ausgeht, Folter und Zerstörung friedlicher Gemeinwesen: Natürlich gibt es all das im Werk von Ngugi wa Thiong’o, mehr noch, dieses Werk ist wesentlich von der Auseinandersetzung damit geprägt. Aber es gibt auch die andere Seite. Das Schlussbild von „Herr der Krähen“, dem voluminösen, bislang letzten Roman des Autors, erinnert in dieser Hinsicht an die letzte Szene aus dem vierundvierzig Jahre zuvor erschienenen Debüt: In einem zerstörten Land finden sich jenseits aller ideologischen und gesellschaftlichen Fronten diejenigen, die als Liebende oder als Familienangehörige einander stützen, gerade weil die Last für sie allein zu schwer zu tragen wäre. Als wollte es der Autor, vielleicht wider besseres Wissen, bei dem finsteren Befund seiner Gesellschaftsdiagnose nicht belassen. An diesem Freitag feiert Ngugi wa Thiong’o seinen achtzigsten Geburtstag.

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