11.11.2009 · Intelligente und klar artikulierte Poeten gibt es wenige. Hans Magnus Enzensberger ist eine Ausnahme. In einem Metier, das sich meist ins Dunkel hüllt, gehört er zu den raren aufklärerischen Geistern. Eine freundschaftliche Würdigung des Schriftstellers Lars Gustafsson.
Von Lars GustafssonUnd dass wir noch nicht tot sind.
Ich suchte nach einem Wort. Und ich fand, was ich suchte: Auf Deutsch heißt es „Kläranlage“. „Besonders für Wasserreinigung“, sagt mein kluges deutsches Wörterbuch. Also: Kann man auf Deutsch von „einer intellektuellen Kläranlage“ reden? Das wäre, meine ich, eine Beschreibung von Mang, der jetzt also das reife Alter erreicht. In seinem Essay über Pablo Neruda - übrigens ein feines Beispiel seines Talents, vernichtend zu schreiben, ohne eigentlich ein unhöfliches Wort zu äußern - redet er von „der weitverbreiteten Tendenz der Intellektuellen, die Intelligenz zu denunzieren“.
Vielleicht liegt es daran, dass die Intellektuellen in der Regel nicht besonders intelligent sind, oder vielleicht an etwas anderem, aber intelligente und ganz artikulierte Poeten gibt es wenige. Mang gehört zu den Ausnahmen. Die neulich verstorbene Dichterin Inger Christensen war eine weitere. In einer poetischen Tradition voller Schamanen und Vestalinnen, wo viel Rauch aus der Unterwelt steigt, kommen diese aufklärerischen Geister eigentlich ganz selten vor.
Innere Freiheit
Eine Frage, die man im philosophischen Lehrsaal von Zeit zu Zeit bekommen kann, ist diese: Wie kommt es, dass die französischen Philosophen, ein Diderot, ein Voltaire, ein Holbach, so viel leichter und angenehmer zu lesen sind als Fichte und Hegel? Die Antwort, die ich meinen Studenten immer gab, ist einfach: Hegel und Fichte waren Professoren. Diderot und Voltaire waren freie Schriftsteller, die sich also bemühen mussten, ein Publikum zu gewinnen. Sie mussten mit anderen Worten nicht nur intelligent, sondern auch anziehend sein. Sie brauchten eine Eigenschaft, eine Säuerlichkeit, die ihre Gedanken reizend, ärgernd, befreiend machen konnte. Unter fast ausnahmslos ernsten Frauen und Männern der Gegenwartspoesie verwirklicht Mang, ein öffentlicher Intellektueller, viel mehr das Ideal der Aufklärung als das modernistische. Das gilt für den Poeten und für den sehr aktiven Kritiker Hans Magnus Enzensberger.
Ich muss gestehen, dass mein Leben, meistens in Lehrsälen, Redaktionskorridoren und ländlichen Häusern mit allzu kleinen Schreibtischen verbracht, ohne die lange und lehrreiche Freundschaft mit Mang viel langweiliger wäre. Es hat nicht nur mit seiner auffallenden, lebhaften Intelligenz zu tun, sondern auch mit etwas anderem: Er verbreitet um sich herum das Gefühl von jemandem, der sehr frei ist. Ich habe bei Mang zu Hause oft beobachtet, wie er das Telefon klingeln lässt, ohne sich auch nur einen Augenblick darum zu kümmern, wenn etwas in der Unterhaltung ihn wirklich interessiert hat. Diese innere Freiheit hat etwas Bestechendes. Man fühlt sich selbst frei.