11.11.2009 · Enzensberger ist nicht nur ein Vielgereister, er stellte den Tourismus auch auf ein theoretisches Fundament: Die Wegbereiter der Fernreisebewegung waren die Romantiker, dann kamen Neckermann und Thomas Cook. Bei Enzensberger selbst waren Tourismus und Dienstreise hingegen kaum unterscheidbar.
Von Jürgen KaubeJede Flucht kritisiert das, wovon sie sich abwendet.
Tourist ist, wer ohne Not und Auftrag reist. Hans Magnus Enzensberger erscheint als ein ständiger Tourist. Stranda am norwegischen Storfjord, Lanuvio in den Albaner Bergen, die Insel Tjøme auf der anderen Seite Norwegens, Middletown in Connecticut (Stipendientourismus), Havanna (Revolutionstourismus) - der Autor war noch nicht vierzig und hatte schon mehr als ein Dutzend Wohnorte hinter sich. Mögen zu ihnen auch noch andere Motive als touristische geführt haben, so ist die Freude daran, es mit dem ständigen Aus- und Wiedereinreisen, einer Art Lustmigration, ernst zu nehmen, bei Enzensberger doch ganz offenkundig. Später konnte er darum sein „Ach, Europa“ mit Wahrnehmungen aus sieben Ländern bestücken, darunter der unübertrefflichen, wie es dem geschieht, der nach Italien umziehen und dort Mobiliar anmelden will. Eine Anthologie von Berichten über die schlimmsten Reisen hat er 1995 unter dem Titel „Nie wieder“ herausgegeben.
Schon 1958 aber hatte Enzensberger seine „Theorie des Tourismus“ publiziert, die sich seitdem als ein klassischer Beitrag zur Soziologie dieses genuin modernen Sachverhalts behauptet. Dass sie mit gegeneinandergesetzten Auszügen aus Reiseberichten von Jean Paul und Max Frisch einsetzt, darf als Indiz für die Erkenntnisfunktion gelesen werden, die der Tourismus für den modernen Schriftsteller hat. Enzensberger analysiert die Vergnügungsreise geradezu als einen Fall lebensmächtiger Kunst. Denn Tourismus ist für ihn institutionalisierte und massenwirksam gewordene Romantik. Mit ihrem Fernweh, der Suche nach der echten Natur- und Vergangenheitserfahrung, nach Landschaft, Kathedrale und Ruine hat diese ästhetische Bewegung - die erste europaweite - gewissermaßen vorgeübt, was danach von Thomas Cook, Neckermann und Studiosus in Wirtschaftsform gebracht wurde. Insofern schaut sich der Schriftsteller im Touristen selbst an. Insbesondere der freischaffende Schriftsteller kleiner Formen, der wie Enzensberger sein eigenes Erleben und die eigene Unruhe zur Erwerbsquelle hat.
Der dienstreisende Tourist
Dass Enzensberger auch ideologisch so oft umzog, gehört in diesen Kontext eines Unternehmertums, das sich Ladenhüter gar nicht leisten kann. „Der Tourismus ist die Industrie, deren Produktion mit ihrer Reklame identisch ist“ - könnte man es ähnlich nicht auch für das Handwerk des Intellektuellen sagen? Darum wohl auch kommt in seiner Theorie des Tourismus die Faultier-Variante des im Wachschlaf verbrachten Strandurlaubs gar nicht vor, wird der Tourist vielmehr als ganz auf der Suche nach Schönheit, Authentizität und Sehenswürdigkeit befindliches Wesen beschrieben.
In seinen eigenen Reiseberichten macht Enzensberger die Probe darauf, ob solche Suche auch unsentimental sowie ohne Naivität und also auch ohne Kulturkritik am Mittouristen durchgeführt werden kann. Man muss Zoo und Museum, die Geschwister des Tourismus, nur nennen, um zu sehen, dass Enzensbergers Faible für Alexander von Humboldt genau hieraus kommt: aus der Begeisterung dessen, der in puncto seiner eigenen Mobilität zwischen Tourismus und Dienstreise nicht unterscheiden mag und darum eine Epoche liebt, in der beides für einen kurzen historischen Augenblick zusammenfiel.