http://www.faz.net/-gr0-7ojrc

Gabriel García Márquez : Du sollst tanzen!

  • -Aktualisiert am

Gabriel García Márquez im Jahr 2004 Bild: picture alliance / dpa

„Ausländische Verleger und García Márquez - ganz schwierig“: Der deutsche Verleger des verstorbenen Schriftstellers erzählt von einer lang ersehnten Begegnung, dunklen Vorzeichen und einer glücklichen Fügung.

          Es war ein hartes Stück Arbeit, den größten ausländischen Autor des Verlags persönlich kennenzulernen. Die erste Hürde war die liebenswerte, aber auch märchenhaft mächtige Türsteherin des internationalen Gabo-Imperiums, seine Agentin Carmen Balcells. Auf deren Schreibtisch in Barcelona stapelten sich seit längerem meine höflichen Besuchsanfragen. „Der Tag wird kommen (wahrscheinlich)“, hatte es mehrmals rätselhaft geheißen, aber „niemand weiß wann.“ Begleitet von den Anmerkungen von Carmen Balcells’ liebenswerten Assistentinnen: „Ausländische Verleger und García Márquez - ganz schwierig.“

          Und dann, im November 2004, gerade war sein Kurzroman „Erinnerungen an meine traurigen Huren“ erschienen, ging es plötzlich ganz schnell. Treffpunkt: Guadalajara in Mexiko. Eine Buchmesse.

          In Englisch? Auf keinen Fall!

          Eine schöne Stadt, eine komische Stadt. Neben meinem kleinen Hotel gab es einen riesigen Supermarkt, in dem nur ein Produkt angeboten wurde, in Hunderten von Variationen: Tequila. Durch mein Navi am Ohr (Carmen Balcells’ Stimme aus Barcelona an meinem Handy) wurde ich zu einem geheimen Ort in der Stadt gelotst, wo das Treffen (wahrscheinlich) stattfinden würde (wenn es stattfinden würde). In einem Hotel im Zentrum wartete eine größere Gruppe Eingeweihter, Carmens Assistentinnen aus Barcelona, etwas düster blickende Bodyguards, mexikanische Messepräsidenten. Die Sache sehe gut aus für mich, hieß es. Zehn Minuten Audienz, aber Achtung: García Márquez’ Ehefrau Mercedes sei bei ihm ... Das klang wie eine Drohung. In meinen leicht zitternden Händen hielt ich einige Exemplare der „Traurigen Huren“, um dem Autor eine Freude zu machen. Über die Aufnahme des Buchs in Deutschland wollte ich vielleicht mit ihm sprechen (allerdings nicht über den heftigen Verriss des Buchs gleich nach Erscheinen von Elke Heidenreich in der F.A.Z.). Dann ging es erst mal nicht weiter. Warten. Dann doch, Aufbruch, durch einen langen Gang setzte sich die Delegation in Bewegung. Einer der Begleiter stellte mir eine letzte Frage: „In welcher Sprache wollen Sie mit ihm sprechen?“ Die Tür kam näher. „Äh, in Englisch.“ (Ich spreche kein Spanisch.)

          „Aha, das geht aber nicht. Gabriel García Márquez versteht Englisch, spricht aber aus politischen Gründen nicht in dieser Sprache.“

          Hier wurde ein Präsident begrüßt

          Die Tür ging auf, ich wurde für mein Kurzgespräch neben den großen García Márquez gesetzt, und er schaute mich erwartungsvoll an. In einer Übersprunghandlung vom Spanischen zum Italienischen produzierte mein Gehirn die Worte „Buon giorno, Gabriele“, um die Sprache der Yankees zu vermeiden, und Gabos Gesicht fing an zu strahlen: „Lei parla italiano?“ Das war meine Chance. In meinem löchrigen Italienisch tauschten wir uns über unsere Italienerlebnisse aus. Er hatte als junger Reporter eine Zeitlang in Rom gelebt und die besten romantischen Erinnerungen. Er bestellte uns ein Gläschen, es wurde locker, und Mercedes lächelte. Nach einer Stunde saß ich mit Gabo und allen anderen in einem kleinen Bus; denn der nun blendend gelaunte Gabriel hatte entschieden: Auf geht’s, alle zusammen in eine Tanzhalle. Und so begann der Abend, der sich seitdem in meinem Kopf mit den literarischen Szenen in García Márquez’ Romanen und Erzählungen vermischt hat.

          Wir betraten eine riesige Halle, an langen Tischen saßen Mexikaner, viele mit den großen Hüten, hinten im Raum spielte auf einem Podest eine Mariachi-Gruppe dampfende, fiebrige Musik, davor tanzten die Leute in bester Wochenendlaune. Und plötzlich erkannten die Ersten, wer gerade den Saal betreten hatte. Die Kunde sprang von Tisch zu Tisch, die Musiker stoppten abrupt, alle Menschen in der Halle standen auf, klatschten, verneigten sich, strahlten. Alle. Das war das Bild: Hier wurde eine Art Präsident begrüßt, der über allen Präsidenten Südamerikas stand. Aber der Präsident war ein Schriftsteller, der den Empfang sichtlich genoss. Dann setzten wir uns, die Musik ging weiter, ich solle unbedingt tanzen, sagte er mir noch, aber ich hatte erst einmal wieder Carmen Balcells am Handy, der ich den Verlauf des Treffens genau schildern musste, um dann das Handy an García Márquez weiterzugeben, sie wollte auch seine Version. Am nächsten Tag flog ich zurück ins graue November-Deutschland ohne magischen Realismus.

          Ein Wunder der Verwandlung

          In diesem grauen Land hatte mein Vorgänger Reinhold Neven DuMont auf Empfehlung des berühmten Übersetzers Curt Meyer-Clason 1970 bei Kiepenheuer & Witsch „Hundert Jahre Einsamkeit“ veröffentlicht und damit außerhalb der spanischsprachigen Welt seine größten Erfolge ermöglicht. Und mehr als das, dieses Buch alleine öffnete die Türen zur Entdeckung der südamerikanischen Literatur überhaupt in Deutschland. Als Mitte der siebziger Jahre die beiden großen Repräsentanten dieser Literatur, Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa, einmal nach Köln kamen, um einen anderen großen Autor des Verlags, Heinrich Böll, zu treffen, saß Reinhold Neven DuMont in einem Kölsch-Lokal mit einem Nobelpreisträger (Böll) und zwei zukünftigen Nobelpreisträgern zusammen. Er erinnert sich daran, wie freundschaftlich die beiden Südamerikaner bei diesem Treffen miteinander umgingen, denn kurze Zeit später brach zwischen diesen beiden eine legendäre Schriftstellerfehde aus, in der angeblich sogar die Fäuste sprachen. Wer dabei wem eine gelangt hatte, blieb bis heute im Nebel, so wie auch die Gründe für das Zerwürfnis. (War es eine Frau? War es García Márquez’ Freundschaft mit Fidel Castro? Berufskonkurrenz?)

          In guten Romanen und im Leben müssen nicht alle Fragen beantwortet werden. Und der spätere peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat sich wie viele andere große Autoren der Gegenwart angesichts des Todes von Gabriel García Márquez vor dem Werk dieses Giganten der Literatur verneigt. So wie wir alle, die an den Büchern dieses Zauberers gelernt haben, was Literatur überhaupt ist: das Wunder der Verwandlung der Wirklichkeit in Wahrheit mit den Mitteln der Sprache und des Erzählens.

          Der Autor ist Verleger von Kiepenheuer & Witsch.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Erwin Huber im Gespräch : „Die CSU hat ein Trauma“

          Als Parteivorsitzender bildete Erwin Huber mit Günter Beckstein das erste CSU-Führungstandem. Im FAZ.NET-Interview verrät er, was er über das Duo Söder/Seehofer und über eine Rückkehr von Karl-Theodor zu Guttenberg denkt.

          Erderwärmung – eine Pause? : Auch 2017 war ein Hitzejahr

          Kein Rekord, eine kleine Pause sogar, aber der Trend bleibt: Die mittlere Erdtemperatur kratzt an den Rekordwerten. Deutschland jedoch ist abgehängt, und eine Kälteanomalie bleibt bis 2018.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.