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Veröffentlicht: 08.05.2017, 16:38 Uhr

Thomas Pynchon wird achtzig Der Anti-Paranoiker

Sein Schreiben ist ein Mittelweg zwischen Pulp und Joyce, mit Ausschlägen in beide Richtungen: Zum achtzigsten Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon.

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© ddp Images Von ihm existieren nur Fotos, die mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind: Thomas Pynchon als junger Mann in Matrosenuniform.

Von 1973 bis 1990 musste Amerika auf einen neuen Roman von Thomas Pynchon warten. Wir Deutschen hatten es damals besser: Hier war just 1973 als erste Übersetzung eines seiner Bücher „Die Versteigerung von No. 49“ herausgekommen, dann drei Jahre später „V“, Pynchons Debütroman von 1963, und schließlich 1981 „Die Enden der Parabel“, jenes Buch, mit dem der Schriftsteller 1973 seine erste Werkphase abgeschlossen hatte. Doch dann warteten wir mit, denn nun wusste man auch hierzulande, mit wem man es bei Pynchon zu tun hatte: dem ungewöhnlichsten Schriftsteller seiner Generation.

Andreas Platthaus Folgen:

Dass er an diesem Montag seinen achtzigsten Geburtstag begeht, ist eine der wenigen Gewissheiten, die wir über diesen Autor haben. Denn er macht aus seiner privaten Existenz ein Geheimnis: Pynchon tritt nicht öffentlich auf, er gibt keine Auskunft über sich selbst, es existieren nur Fotos von ihm, die mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind, und selbst eine Sammlung von 120 Briefen an seine Literaturagentin, die 1998 als privates Geschenk an die Pierpont Morgan Library gelangten, sind auf seine Bitte hin sekretiert worden, nachdem sie eine kurze Zeit lang frei zugänglich waren. Pynchon hat seine Gründe für diese radikale Verweigerungshaltung konsequenterweise nie mitgeteilt, aber sie hat ihn weltweit nur noch interessanter gemacht, als er es durch seine Bücher ohnehin wäre. Und das will etwas heißen.

Metahistorische und metanarrative Maßstäbe

Denn binnen nur eines Jahrzehnts hatte er mit seinen ersten drei Romanen, „V“, „The Crying of Lot 49“ (1966) und „Gravity’s Rainbow“, wie „Die Enden der Parabel“ im Original heißen, die amerikanische Literatur auf den Kopf gestellt. Hier bemühte sich jemand erkennbar nicht mehr um Fortsetzung einer Erzähltradition, welcher Art auch immer, sondern hatte eine völlig neue Struktur fürs Romanschreiben gefunden, einen Mittelweg zwischen Pulp und Joyce, mit Ausschlägen in beide Richtungen. Die Figuren erwiesen sich schon durch ihre sprechenden Namen – Benny Profane heißt der Protagonist von „V“, Oedipa Maas die zentrale Figur in „The Crying of Lot 49“, Tyrone Slothrop die aus „Gravity’s Rainbow“ – als Wiedergänger jenes Romanpersonals, das in den dreißiger und vierziger Jahren die amerikanischen Groschenhefte bevölkert hatte, doch zugleich führten der kulturelle Anspielungsreichtum und die ständig zwischen Alltagsbanalitäten und Stilvirtuosität wechselnden Tonfälle bei Pynchon dieses im „Ulysses“ eingeführte Prinzip auf einen neuen Höhepunkt. Nur versöhnte Pynchon solche stilistischen Gegensätze nicht mehr, wie es James Joyce noch durch die Folie von Homers Epos getan hatte – in den frühen Romanen des Amerikaners kam eine zersplitterte Welt zum Ausdruck, die mit dem Zivilisationsbruch in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auch den Anspruch auf erzählerische Geschlossenheit verloren hatte.

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Pynchon gewann mit „Gravity’s Rainbow“ 1974 den National Book Award; allerdings musste sich der mehr als tausendseitige Roman die Auszeichnung mit einer Erzählungssammlung von Isaac Bashevis Singer teilen. Und der Pulitzerpreis wurde ihm gegen das Votum der Jury vorenthalten, weil sein Buch dem Pulitzerpreis-Vorstand als zu konfus und obszön erschien. Vielleicht sollte darum der nächste Roman ein rein historischer Stoff werden: „Mason & Dixon“, doch der literarische Spiel- und Erkenntnistrieb Pynchons ließ die Arbeit daran noch viel länger währen, als schon die Arbeit an „Gravity’s Rainbow“ gedauert hatte. Als der Roman 1997 nach fast einem Vierteljahrhundert erschien, bot er moderne Figuren im Prosakostüm einer Gründungserzählung der Vereinigten Staaten. Pynchon hat damit aufs Neue metahistorische und metanarrative Maßstäbe gesetzt. Die er neun Jahre später mit „Gegen den Tag“, seinem umfangreichsten Buch, einem Romanpanorama vom Fin de Siècle bis in die Zwanziger, noch einmal übertraf, weil er darin weit über Amerika hinausgriff – und damit wieder an „Gravity’s Rainbow“ anknüpfte.

Ein kompromissloser Aufklärer

Aber sein eigentliches Comeback nach der langen Romanpause seit 1973 war 1990 „Vineland“ gewesen, ein kalifornisches Zeitbild wie schon 24 Jahre zuvor „The Crying of Lot 49“, wobei nun aber die Skurrilität der Figuren das Untergründige des Gesellschaftsporträts als zentrales Prinzip abgelöst hatte. Dadurch reduzierte Pynchon seinen Ruf als eines sowohl privaten wie literarisch unzugänglichen Autors auf die Rolle des sozialen Sonderlings, was es ihm überhaupt erst möglich machte, „Mason & Dixon“ doch noch zu beenden: Er hatte nun ein großes Publikum. Und nachdem er es durch seine beiden Riesenromane von 1997 und 2006 zuverlässig wieder verloren hatte, schob er die Krimikomödie „Inherent Vice“ ein, bevor er 2013 mit „Bleeding Edge“, seinem bislang letzten Roman, das Amerika nach den Anschlägen vom 11. September zum Gegenstand machte. „Dieser Augenblick hat uns genau gezeigt, was wir geworden sind, was wir die ganze Zeit waren“, wie es im Buch heißt – es klang wie ein Schlussstrich unter das eigene Schreiben.

Im deutschen Sprachraum hat Pynchon in Elfriede Jelinek seine begeistertste Fürsprecherin gefunden, die schon 1976 in ihrem Nachwort zu „V“ zutreffend festgestellt hat: „Für diesen Autor gibt es nur zwei Möglichkeiten: Paranoia oder Anti-Paranoia.“ Seine Figuren stehen für Ersteres, er selbst für Letzteres – Pynchon ist ein kompromissloser Aufklärer. Dass er im Gegensatz zu seiner Bewunderin Jelinek (die „Gravity’s Rainbow“ mitübersetzt hat) den Literaturnobelpreis nicht bekommen hat, ist ein Witz der Literaturgeschichte, der selbst wie aus einem Roman von Thomas Pynchon klingt.

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