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Arnold Stadler zum Sechzigsten : Ein hinreißender Stoffhändler aus Oberschwaben

Arnold Stadler bei der Verleihung des Kleist-Preises 2009 im Berliner Ensemble Bild: Julia Zimmermann

Als Schriftsteller bringt er die Sehnsucht zum Blühen, als Mittvierziger ist er 1999, zehn Jahre nach seinem Romandebüt, mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet worden: Arnold Stadler zum Sechzigsten.

          Von Rast aus besehen, ist Meßkirch groß, nämlich zwanzigmal so groß. Was die Einwohner angeht. Zur Heimat zählt neben dem Geburtsort Meßkirch und Rast auch Kreenheinstetten, wo 1644 der Barockprediger Abraham a Sancta Clara geboren wurde. Von dort sieht man an klaren Tagen den Bodensee, Kloster Beuron liegt um die Ecke, eine verwinkelte Welt, und wenn sie auch mit dem schwäbischen, so ist sie doch nicht mit einem echten Meer gesegnet. Zu diesem aber zog es Arnold Stadler mit aller Macht hin.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Denn Rast, das Fünfhundert-Seelen-Dorf in Oberschwaben, war für ihn Zelle und Nest in einem, erst als jungem Erwachsenem gelang ihm die Landflucht. Für die Abgeschiedenheit seiner ersten achtzehn Jahre hat er sich mit ausgedehnten Fernreisen und einem doppelten Studium belohnt. So kam das Landkind zunächst in kirchliche Obhut. Stadler studierte katholische Theologie in München, Rom und Freiburg, danach wurde er mit einer Arbeit über „Das Buch der Psalmen und die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts“ promoviert.

          Seinen Landsleuten hat er seine als eng empfundene Kindheit und Jugend auf die naheliegendste und am Ende großzügigste Weise vergolten, indem er sie zum Gegenstand seiner Romane machte. Und dann war da ja noch ein Riese, an dem er sich abarbeiten musste: Martin Heidegger, größter Sohn Meßkirchs, Weltstar der Philosophie. Als der achtzigste Geburtstag des Denkers in der Stadthalle - „wo sonst die Kürungen des berühmten Meßkircher Höhenfleckviehs stattfanden“ - gefeiert wird, sitzt der fünfzehnjährige Arnold auf der Tribüne und hört einen japanischen Redner den Satz sprechen: „Del glößte Denkel seit Plato“. Mit dem Satz habe er nichts anfangen können, obwohl er den Namen Plato schon einmal gehört hatte - so beschreibt es Stadler in seinem Romandebüt „Ich war einmal“ von 1989.

          Ein Höhepunkt seines Schaffens

          Heideggers frühes Hauptwerk „Sein und Zeit“ liest er mit Begeisterung und wie einen Roman. Ein Satz des Philosophen dürfte Stadler besonders gefallen haben: „Denn es bedarf der Besinnung, ob und wie im Zeitalter der technisierten gleichförmigen Weltzivilisation noch Heimat sein kann.“ Das ist die grundlegende Frage, auf die Stadlers Frühwerk Antworten sucht, besonders in den später zusammen mit dem Debüt zur Trilogie zusammengefassten Romanen „Feuerland“ (1992) und „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ (1994). Der Stadler-Ton ist ausgebildet, dieser autobiographisch grundierte, ironisch bis derbe Klang, der so gut zum ewigen Spießrutenlauf der Liebessehnsucht passt.

          Zwei Romane später ist Stadler 1999 mit Mitte vierzig Büchner-Preisträger. In jenem Jahr erschien der Roman „Ein hinreißender Schrotthändler“, ein Höhepunkt seines Schaffens. Es geht darin um eine Kritik an der Institution der Ehe. Der frühpensionierte Geschichtslehrer und „promovierte Träumer“ und seine Handchirurgin-Gattin geraten in den Erkenntniszustand, dass ihre Beziehung ein Nebeneinanderherleben war. Betrügt ihn die Frau mit dem Schrotthändler? „Als Kind hatte ich Angst vor dem Scheintod. Es war die Angst, lebendig begraben zu sein. Dann habe ich doch geheiratet.“

          Fragen des Glaubens

          1999 ist Arnold Stadler nicht nur im deutschen Literaturbetrieb ganz oben angekommen, sondern auch daheim. In der Meßkircher Buchhandlung ist neben den ortsüblichen Themenpaketen - die Bibel und religiöse Schriften sowie ausgewählte Werke Heideggers - ein drittes im Schaufenster zu sehen: sämtliche Bücher Stadlers. In den folgenden Jahren wendet sich der Autor Themen zu, die ihn wegführen von der Erkundung des Ichs und der Heimat. So überrascht er 2005 mit „Mein Stifter“, einer Liebeserklärung an den Verfasser des doppelbödigen Bildungsroman-Klassikers „Der Nachsommer“. Auch nehmen zunehmend Fragen des Glaubens Raum ein in Stadlers Schaffen. Der mache ihm das Leben leichter und einst das Sterben sanfter, zitiert er gern den Kirchenvater Laktanz. Nur konsequent, dass der Roman „Salvatore“ 2009 die Stadler-Gemeinde polarisiert, gewiss auch, weil Stadler mit radikalem Ernst einen Protagonisten zeigt, der durch Pasolinis Film „Das 1. Evangelium - Matthäus“ in einen Glaubenssucher verwandelt wird. Ein solches Bekenntnisbuch scheint nicht in unsere Zeit zu passen, in der - mit Stadler zu sprechen - anstatt die Seele zu reinigen und zu beichten, geduscht wird.

          Als Freund der Flüsse hat sich der Schriftsteller im Wendland an der Elbe einen Rückzugsort geschaffen, als Metropole bevorzugt er Berlin, aber seinen hortus conclusus, den elterlichen Bauernhof in Rast, den hat er wie seine „Schwarzwaldtannensehnsucht“ nie aufgegeben. An diesem Mittwoch wird Arnold Stadler sechzig Jahre alt. Man darf also noch lange mit ihm rechnen.

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