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W.S. Merwin zum Neunzigsten : Alle Klänge auf der Klippe

In der Antike handelte die Gattung Epos nach einer lange Zeit unangefochtenen Lehrmeinung davon, wie die Menschen der Natur mal gemeinsam mit den Göttern, mal in Auflehnung gegen sie die Ressourcen zur Errichtung von Zivilisation und Kultur entreißen und welchen Preis sie dafür zahlen. Seit Europa bürgerlich wurden, kann man diese Art Epos nur noch mit schlechtem Gewissen schreiben, denn das bürgerliche Zeitalter hat seinen Reichtum nicht nur der Natur, sondern auch anderen Kulturen, Zivilisationen, Menschen abgerungen (wie allerdings auch schon die Griechen und Römer ihren Sklaven und sonstigen „Barbaren“, nur behaupteten jene nicht, sie hätten die Menschenrechte entdeckt).

Das moderne Epos ist entweder ein Lied der Geschichtsverstrickten (wie Pounds „Cantos“) oder Versuchsgelände für ein erst noch zu gewinnendes Verhältnis zwischen Kunstschönheit einerseits, Natur und Geschichte andererseits. Für den außereuropäisch-kolonialen Lebens- und Leidenszusammenhang hat der karibische Nobelpreisträger Derek Walcott mit „Omeros“ (1990) diese Arbeit getan. Außerhalb seiner (oder einer ähnlichen) Gestaltung einer Perspektive, die aus einer anderen Vergangenheit kommt als aus der europäischen Antike, kann man im Epos heute zum Beispiel Brüche in der Gegenwart als deren Chance besingen, sich zu entkommen, wie die phänomenale Ann Cotten in ihrem Versabenteuer „Verbannt!“ (2016):

Wir sind schon vor dem Tempel angekommen.

Er ähnelt etwas einem Umspannwerk.

Genauso legitim – Kunst darf, was sie kann – ist das Unternehmen, die zivilisierte Sprache für Naturtatsachen, ihre Namen für Feld, Wald, Wiese und Sinnestäuschung, wie in Oswald Eggers „Herde der Rede“ (1999)  auf Schlangenpfade zu schicken, die das lange Gedicht vom Erzählen emanzipiert:

Unter den Strauchbuchen wecke ich dich, liege wie

Siegel wiegend einer Hand, wie eine Spange Spundloch

Und Zunder, Tabbert, tief wie der Schlaf ist sehnsüchtig

Die Liebe stark, laub wie die Halbwälder beharrlich

W. S. Merwin vollbringt in „The Folding Cliffs“ eine Verflechtung aller drei Verfahrensweisen – dem Geschichtsbild der Sieger wird widersprochen wie bei Walcott, ein Bruch wird in immer reichere Folgebrüche zerspalten wie bei Cotten und das Naturschöne wird in Sprache getaucht, getauft wie bei Egger.

In sieben Kapiteln erzählt Merwin eine Geschichte von Kolonialismus, Widerstand und Lepra aus dem Hawaii des Neunzehnten Jahrhunderts, dessen Gestalten einen wuchtigen Roman hätten tragen können. Die Romanform jedoch hätte  den Einspruch des Dichters gegen die vom antiken Epos modernen abgeleiteten Konzeptionen des Historischen, von der christlichen Heils- bis zur bourgeoisen Fortschrittsgeschichte, nicht zur Geltung gebracht. Gegen die Allgemeinheitspostulate jener Konzeptionen setzt Merwin das wahre Detail – schon die ersten Verse holen im Allerkleinsten sehr weit aus:

Climbing in the dark she felt the small stones turn

along the spine of the path whose color kept rising in her mind

burned-in color moment of rust dried blood color other color

Das Detail ist das Mittel gegen den Bann der Macht, der im Buch eine noch schlimmere Krankheit ist als die Lepra, die auf der Insel „the separation sickness“ heisst: das Leiden, das die Menschen trennt.

Merwin spricht dagegen an, nicht laut, nicht anklagend, aber unbeirrbar, trotz schlechter Sichtverhältnisse in jener Dämmerung, von der eins seiner jüngsten Altersgedichte in „Garden Time“ redet,

that I would remember anything that is

here now anything anything

Am heutigen Samstag wird W. S. Merwin neunzig Jahre alt.

Quelle: FAZ.NET

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