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Aktualisiert: 23.06.2014, 06:55 Uhr

Peter Bieri zum Siebzigsten Bitte umsteigen in Richtung Denken

Als Pascal Mercier schreibt er Romane, unter seinem richtigen Namen über den freien Willen und die Würde. Peter Bieri, dem Philosophen, der mit dem Nachtzug der Vernunft reist und darüber auch noch verständlich schreibt, zum Siebzigsten.

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© Julia Zimmermann Peter Bieri

Gibt es überhaupt Zeit? Der englische Philosoph John McTaggart hat ihre Existenz einst mit dem Argument bestritten, dass wir bei ihrer Beschreibung nicht um ein widersprüchliches Vokabular herumkommen. Kann doch ein einzelnes Ereignis nicht zugleich gegenwärtig, vergangen und zukünftig sein. Um also erläutern zu können, was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bedeuten, müssen wir von einem solchen Ereignis sagen, dass es Zukunft war, Gegenwart ist und Vergangenheit sein wird. Doch wer Worte wie „war“, „ist“ und „sein wird“ verwendet, der setzt schon voraus, was er erläutern möchte. Aus diesem Zirkel, so McTaggart in seinem berühmten Aufsatz von 1908 – man kann ihn leicht im Internet finden –, gibt es kein Entrinnen. Die Zeit sei nicht widerspruchsfrei zu erörtern, und darum sei sie eine Illusion.

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Simsalabim, da war die Zeit weggedacht, wenngleich natürlich unklar blieb, warum dann auch McTaggart nicht mehr da ist. Er ist ja nicht im Raum verschwunden. So einfach hat es sich der Philosoph Peter Bieri jedoch nicht gemacht und ein glänzendes Buch darauf verwendet, jenes auch in seiner ausführlichen Form so merkwürdige wie durchdachte Argument zu knacken. Das war 1971, der in Bern geborene Bieri, der außerdem Indologie und Anglistik studiert hat, wurde damit an der damals ersten philosophischen Adresse, in Heidelberg bei Dieter Henrich und Ernst Tugendhat, über „Zeit und Zeitlichkeit“ promoviert. Nach Stationen in Bielefeld und Marburg folgte er 1993 seinem Lehrer Tugendhat an der Freien Universität in Berlin nach, um diesen Lehrstuhl dann kurz vor seiner Emeritierung aus Protest gegen eine wissenschaftsfremde Hochschulpolitik zu räumen.

Gegen Vereinfachungen

Da war Bieri bereits ein überaus erfolgreicher Autor von Romanen unter dem Pseudonym Pascal Mercier. Vermutlich ist die Schnittmenge der Leserschaft von „Der Klavierstimmer“ (1998) oder des inzwischen sehr prominent verfilmten „Nachtzugs nach Lissabon“ (2004) und den McTaggart-Analysen überschaubar geblieben; trotz mehr als zwei Millionen verkaufter Exemplare des „Nachtzugs“.

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Ein reiner Fachphilosoph mit unterhaltsamer Freizeitverwendung in der Schmökerzone ist Bieri dennoch nicht. Seine Aufsätze tragen oft Fragen im Titel: „Sind die Dinge farbig?“ oder „Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel?“. Darin zeigt sich seine problemlösende Einstellung, die Philosophie ist für ihn kein Museum der Weltanschauungen, aber ihre Probleme sind für ihn auch nicht nur selbsterzeugten Spezialistenrätsel. Denken heißt mehr, als scharfsinniges Begriffsschach zu spielen. Umgekehrt haben Bieris Bücher über den freien Willen („Das Handwerk der Freiheit“, 2001) und über die Würde („Eine Art zu leben“, 2013) vor manchen anderen zu diesen Begriffen den Vorzug, dass ihr Autor nicht einfach nur der guten Sache die Daumen drückt.

Und wo objektive Ratlosigkeit herrscht, etwa in der Frage, wie Nichtphysikalisches, Mentales nämlich, kausal zu wirken vermag, hält er eben dies fest. Seine These, in Übereinstimmung mit eigenen Überzeugungen zu handeln, heiße auch dann frei sein, wenn es dafür materielle Ursachen gebe, war gegen Vereinfachungen dieser Frage gerichtet.

Ordnung der Rationalität und des Herzens

In einem Vortrag über die Erträge der sogenannten analytischen Philosophie hat Bieri einmal das Ideal logischer Klarheit vom Ideal unterschieden, sich mittels Sprache möglichst verständig auf die Welt zu beziehen. Bieri, der über alle Fähigkeiten zu ersterem gebietet, hält es mit letzterem. Diese Unterscheidung erklärt vielleicht auch den „Pascal“-Anteil seines Roman-Pseudonyms: Die Ordnung der Rationalität und die Ordnung des Herzens waren schon für Blaise Pascal, den Geometriker mit theologisch passioniertem Geist, nicht kongruent.

Und die Herkunft des „Mercier“-Bestandteils? Den philosophischen Romanen des Aufklärers Louis-Sebastien Mercier könnten Bieris Sympathien gewiss gelten. Aber der Schweizer Uhrmacher und der französische Champagner-Produzent gleichen Namens sind als Paten erfrischender Rationalität auch nicht zu verachten. An diesem Montag wird Peter Bieri, der uns damals im Studium die Zeit wiedergegeben hat, siebzig Jahre alt.

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