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David Grossman zum Sechzigsten : Aus der Verletzlichkeit wächst die Kraft

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In Jerusalem geboren: David Grossman, der am 25. Januar 2014 sechzig Jahre alt wird. Bild: dpa

Die Werke des israelischen Schriftstellers David Grossman gehören zu den großen Lektüren unserer Zeit. Man wächst als Mensch, wenn man seinen Romanen und Erzählungen begegnet. Heute wird er sechzig Jahre alt.

          David Grossmans Bücher sind bevölkert von unvergesslichen Charakteren und so vielschichtig in ihren Themen wie in ihrer literarischen Ausgestaltung.Antrieb seines Schreibens sei der Wunsch, sich selbst besser zu verstehen, hat Grossman einmal gesagt. Zentrale Ereignisse und Entwicklungen in seinem Leben habe er immer nur verstehen können, „indem ich eine Geschichte darüber erzählt habe“. Die scheinbare Einfachheit dieses poetologischen Konzepts entspricht seiner persönlichen Bescheidenheit. Denn zur Wahrhaftigkeit des Erzählten gehört, für Grossman nicht nur die Erkundung des Eigenen, sondern gleichrangig auch andere Perspektiven, Tonlagen und Gefühle.

          In allem, was er tut und schreibt, sucht Grossman das Gespräch - zwischen Völkern, Kulturen und den politischen Lagern im Nahost-Konflikt ebenso wie zwischen individuellen Lebensweisen, Erfahrungen und Empfindungen.

          Die zweite Generation der Schoa-Opfer

          Bereits im Alter von neun Jahren wurde er als Kind-Reporter vom Rundfunk engagiert und begriff zwischen all den Interviews, Nachrichten und Hörspielen, „dass das Leben und die Menschen das größte Rätsel sind“. Die Kunst des Zuhörens hat er sich bewahrt. Das war bereits in seinem Debüt „Das Lächeln des Lammes“ (1983) über die Freundschaft eines jungen israelischen Soldaten mit einem alten Araber zu erkennen und fand seine eindrucksvolle Fortsetzung in wichtigen Romanen wie „Stichwort: Liebe“ (1986) über die Identitätskrise der zweiten Generation der Schoa-Opfer zwischen dem Erbe der jüdischen Diaspora und dem erstarkenden neuen Israel sowie im kafkaesken Liebesbriefprotokoll „Sei du mir das Messer“ (1999).

          Von der Macht des Verdrängten und Verschwiegenen handeln auch seine Jugendbücher „Der Kindheitserfinder“ (1994), „Zickzackkind“ (1996) und „Wohin du mich führst“ (2001) sowie zahlreiche Essays.

          Geboren in Jerusalem, ist Grossman, der sich seit langem für eine Zwei-Staaten-Lösung ausspricht, ein Befürworter klarer geographischer Grenzen. Jenseits seiner Überzeugung, dass den Palästinensern ebenso eine Heimat zusteht wie den Israelis, geht es ihm um das Überwinden von Begrenzungen, zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern, Alter und Jugend, Lebenden und Toten.

          Magisches Denken bannt die Angst

          Sein 2009 erschienenes Hauptwerk „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ erzählt von Ora, einer israelischen Mutter, deren Sohn sich freiwillig zu einem Militäreinsatz gemeldet hat. In ihrer Sorge um ihn klammert sie sich an die Hoffnung, dass schlimme Nachrichten ungeschehen bleiben, solange sie ihre Empfänger nicht erreichen können. Darum verlässt sie ihr Heim und begibt sich auf eine Wanderung durch ihr Land und ihre Vergangenheit.

          Überall auf der Welt haben Menschen diesen bewegenden Roman über die angstbannende Macht magischen Denkens und Redens seither im Bewusstsein gelesen, dass kurz vor seiner Vollendung Grossmans Sohn Uri in den letzten Tagen des Libanon-Kriegs 2006 getötet wurde. Die Mischung aus Zartheit, Verletzlichkeit und Zärtlichkeit, die alle seine Werke beseelt, ist um eine untröstliche Dimension reicher geworden.

          Keinerlei Pathos, keinerlei Selbstmitleid

          Doch die Weisheit dieses Schriftstellers, der allein hierzulande unter anderem mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, bleibt fern jeglicher Abgeklärtheit. „Die Umarmung“, eine ergreifende kleine Parabel über die Ur-Geste menschlicher Zuwendung, las sich wie eine Antwort auf die unausgesprochene bange Frage, ob und wie Grossman zur Welt der Lebenden zurückfinden würde.

          Als Schriftsteller müsse er sich seinen Empfindungen aussetzen, sagte er - und das gehe nur, wenn man ungeschützt sei. „Indem ich über Trauer und Verlust schreibe, kann ich zwar die Wirklichkeit nicht verändern, aber ich bin auch kein Opfer meiner Angst und Trauer.“ Grossman beschwört die Verletzlichkeit als Quelle für die Kraft zur Veränderung: So auch in seiner 2013 erschienenen vielstimmigen Totenklage „Aus der Zeit fallen“, in der sich Mütter und Väter, die ein Kind verloren haben, zu einem Trauerchor zusammenfinden. In diesem Werk von höchster Intensität gibt es keinen falschen Ton, kein Pathos und kein Selbstmitleid.

          Manchmal, wenn er in der Abgeschiedenheit seines Arbeitszimmers ohne Fax, E-Mail und Telefon sitze und über die Fakten des Lebens phantasiere, hat David Grossman einmal gesagt, habe er das Gefühl, „die Welt in einer Weise zu berühren wie nie zuvor“. Wer seine Bücher liest oder das Glück hat, ihm persönlich zu begegnen, erfährt diese Berührung unmittelbar. Am Samstag, 25. Januar, wird er sechzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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