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Veröffentlicht: 14.09.2016, 14:39 Uhr

Michel Houellebecq Der Mann ist ja gar kein Linker!

Spätestens seit seinem Roman „Unterwerfung“ ist Michel Houellebecq jedem ein Begriff. Nun verrät sein Freund und Übersetzer Gavin Bowd, was den Schriftsteller bewegt. Und seit wann er den Islam für gefährlich hält.

von Niklas Bender, Straßburg
© AFP Erst kamen die „Elementarteilchen“, dann die „Unterwerfung“: Der Schriftsteller Michel Houellebecq.

Letzte Woche, pünktlich zur „Fête de l’Humanité“, die in Frankreich den Beginn des linksradikalen Politikjahres markiert, sind die „Mémoires d’outre-France“ von Gavin Bowd erschienen. Bowd lehrt französische Literatur an der ehrwürdigen St-Andrews-Universität in Schottland, ist (Ex-?)Kommunist und seit 2005 Übersetzer von Michel Houellebecqs Romanen ins Englische. Mehr noch, Houellebecq ist sein Freund, und Bowd hatte die erste internationale Tagung zum Werk des Autors organisiert.

In seinem Buch erzählt Bowd von einem Abendessen in Houellebecqs Pariser Wohnung vom Januar 2013. Meeresfrüchte, Lammragout, Absinth und Côtes du Rhône werden in großen Mengen vertilgt; Houellebecq, von seiner Frau Marie-Pierre Gauthier getrennt, genießt die Begleitung einer jungen Literaturstudentin. Die Stellungnahmen des Autors, wie Bowd sie notiert hat, sind radikal: „Ich werde ein Interview geben, in dem ich zum Bürgerkrieg aufrufe, um den Islam in Frankreich zu vernichten. Ich werde dazu aufrufen, Marine Le Pen zu wählen!“ Bowd fährt fort: „Inès widerspricht dieser politisch inkorrekten Parteinahme, die offenbar noch weitere Pariser Intellektuelle betrifft, die einst links standen: Renaud Camus oder Robert Ménard... Michel antwortet sogleich: ‚Der Front National ist keine rechtsextreme Partei. Er ist nicht Drumont. Er ist nicht Daudet...‘ ‚Aber alle deine Freunde sind linke Bobos, die Mélenchon wählen. Mit solchen Äußerungen wirst du nie den Nobelpreis bekommen!‘“

Annäherung an den Front National

Bowd nimmt Houellebecqs Tirade als Ausgangspunkt seines Buchs und fragt sich, wie es kommen konnte, dass Intellektuelle mit einst kommunistischen Affinitäten sich jetzt dem Front National annähern. Eine wirkliche Reflexion auf die politische Entwicklung Europas wird nicht daraus, dazu sind Bowds Erinnerungen zu anekdotisch; sein Parcours als Kommunist nach dem Fall der Mauer ist vielleicht typisch für einen Teil der Intelligenzija Großbritanniens, auf Außenstehende wirkt er bizarr. Aber die Geschichten, die er aus Literatur, Politik und Presse berichtet, sind mitunter interessant.

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Tatsächlich stand und steht Houellebecq linken Denkern nahe: Nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ sah man ihn um Bernard Maris trauern, einen Wirtschaftswissenschaftler, der dem großen Publikum durch seine freitäglichen Streitgespräche auf dem Radiosender France Inter bekannt war. Trotz solcher Sympathien ist Bowds Idee, ausgerechnet Houellebecq als Aufhänger für eine Analyse des politischen Rechtsrucks der letzten dreißig Jahre zu bemühen, verfehlt – und symptomatisch. Seine Vorstellung, Houellebecqs „ideologische Wurzeln“ lägen im Kommunismus und der Schriftsteller würde irgendwie dem richtigen, sprich: linken Lager angehören, findet sich bei vielen Denkern, Literaturwissenschaftlern, Journalisten. Der linksliberale „Nouvel Observateur“ hat denn auch das erste Kapitel der „Mémoires d’outre-France“ als Skandalon abgedruckt.

Tatsächlich muss mit Blindheit geschlagen sein, wer Houellebecq eindeutig links situieren oder seine politisch-literarische Entwicklung dort beginnen lassen wollte. Die Karriere des Schriftstellers hat 1991 mit einem großen Essay zu H.P. Lovecraft begonnen: „Gegen die Welt, gegen das Leben“. Der Einfluss dieses amerikanischen Autors auf ihn findet selten Erwähnung: Die Durchschlagskraft von Lovecrafts phantastischen Horrorgeschichten gründet auf dem Spiel mit Angst, jenem Gefühl, das einer fortschrittlichen Zukunftshoffnung diametral entgegensteht und das auch Houellebecqs Romane durchzieht. Wenn es im Werk Houellebecqs Gründe zur Hoffnung gibt, entsprechen diese selten linken Ideen: In der Gegenwart gibt es Inseln der Geborgenheit dank liebender Frauen, in der Zukunft eventuell Erlösung dank Gentechnik. Die Besessenheit von körperlichem Verfall, die Hinwendung zu Gentechnik, kurz: die biologische Ader des Autors situiert ihn nicht gerade links.

Die dümmste aller Religionen

Die antiislamischen Einlassungen Houellebecqs wiederum sind nicht neu, sie haben sich nur verstärkt: Bereits im Roman „Elementarteilchen“ (1998) findet sich die Bemerkung, der Islam sei die dümmste der monotheistischen Religionen, eine Bemerkung, die einer Figur zugeschrieben wird und erst ein paar Jahre später, aus dem Mund ihres Autors, skandalisierte. Houellebecq manipuliert nicht nur geschickt Emotionen und Vorurteile, er ist auch Meister darin, die Verantwortung dafür durch raffinierte Spiele mit Figuren- und Erzählerrede zu verschieben.

Aber wenn ein Schriftsteller über Jahrzehnte immer wieder um ein Thema kreist, dann mag er noch so geschickt jonglieren: es ist eine Obsession. Literaturkritik und -wissenschaft, durch die Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler so abgeklärt wie kurzsichtig, haben Rauch gesehen, aber nicht das Feuer. Ist Houellebecq rechtsextrem? Sicher nicht, sein Werk hat nur eine Tendenz, und die weist nicht nach links. Seine persönlichen Sympathien wiederum sind gut verteilt. Ob das Strategie ist oder seinem Naturell entspricht, ist offen: Immerhin erfährt Bowds Leser von Houellebecqs Nobelpreis-Ambitionen. Das ist vielleicht der Clou dieser Memoiren.

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