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Das Amerika des Louis Begley Aufzeichnungen aus zwei Stürmen

Sandy ist für Millionen von New Yorkern eine Geschichte von zwei Städten: Uptown und Downtown. So wie die Präsidentschaftswahl die Geschichte von zwei Nationen erzählt: den Armen und den Reichen.

© AFP Vergrößern Reparaturen nach dem Sturm: Szene aus Babylon, New York

Geliebt und verwöhnt zu werden ist angenehm. Seit der Monstersturm Sandy an unserer Tür rüttelt, bekommen wir, meine Frau und ich, Anrufe und E-Mails von Verwandten und Freunden aus Europa und Asien, die um unsere Sicherheit besorgt sind. Keine Angst, sage ich. Die Flutwellen schwappen bis zu den Fenstern im zehnten Stock unseres Hauses, aber wir hier oben, im dreizehnten und vierzehnten, haben trockene Füße.

Ich konnte leicht witzeln. Unsere Wasser- und Stromversorgung funktionierte ohne Unterbrechung, Telefon- und Internetverbindungen auch. Die Unannehmlichkeiten, die Sandy uns beschert hat, sind kaum der Rede wert: Unsere Haushälterin, die draußen in Long Island wohnt, konnte bis heute Morgen nicht zur Arbeit kommen; eine Aufführung von „Figaros Hochzeit“ in der Metropolitan Opera, auf die wir uns gefreut hatten, fiel aus; die „New York Times“ lag nicht wie sonst täglich auf unserer Türschwelle, so dass wir unsere Morgendosis an schlechten Nachrichten online einnehmen mussten; mein Club hat das Dinner für die neuen Mitglieder, das heute hätte stattfinden sollen, abgesagt (ich hatte nicht vorgehabt, hinzugehen); und die American Academy of Arts and Letters vertagte das für nächste Woche geplante gemeinsame Dinner auf den Januar 2013.

Sorgen gemacht hatte uns unser Häuschen im östlichen Long Island, einem Teil der Welt, den die Leser meiner Schmidt-Romane gut kennen. Aber zu unserem Erstaunen ist dort nichts beschädigt, das hat uns unser Mann für alles berichtet.

Leiden mit Komfort

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele meiner Nachbarn an der Upper East Side genauso lässig von Sandy reden und damit bestätigen, wie weise der Spruch meiner Mutter ist: Wenn du schon leiden musst, dann versuch wenigstens, mit Komfort zu leiden.

Der amerikanische Autor Louis Begley © Fricke, Helmut Vergrößern Louis Begley

Das beweist auch, dass die Geschichte von Sandy eine Geschichte von zwei Städten ist. Von Uptown und Downtown. Den Reichen und den Armen. Manchmal müssen die Reichen natürlich das Elend der Armen teilen. So wohnen zum Beispiel manche meiner schicken Freunde im coolsten Teil von Lower Manhattan, sie hatten keinen Strom, konnten nicht telefonieren, und manche hatten auch kein Wasser. Ihre Straßen waren nachts dunkel und hatten sich in Wasserwege mit auf- und ab schaukelnden Autos verwandelt - ein unheimliches Schauspiel.

Besonders leid tun mir meine Freunde nicht. Sie können sich, wenn ihnen danach ist, im „Carlyle“ einquartieren. Mein Mitgefühl habe ich mir für jene „47 Prozent“ der Amerikaner aufgehoben, für die Mitt Romney nur Verachtung übrighat, für die New Yorker in den Außenbezirken der Stadt, die Leute in Long Island und Westchester, in New Jersey und den Küstengebieten von Connecticut, die alles Mögliche versuchen, um zu ihren Arbeitsplätzen zu kommen; für die Polizisten und Feuerwehrleute, die ihr Leben in Gefahr bringen, und für die Rettungsmannschaften, die oft von weit her angereist sind und sich abmühen, die Stromversorgung wieder in Gang zu setzen und unser überflutetes Transportsystem leer zu pumpen; für die Obdachlosen. Die Liste ist kurz, aber sie zeigt, wo mein Herz ist.

Ein paar herzzerreißende Fälle

Der Wahlkampf um die Präsidentschaft ist während Sandy so langsam geworden, dass die europäischen, in den Vereinigten Staaten arbeitenden Journalisten Zeit übrighatten und mehr als ausführlich über die Verwüstungen durch den Sturm berichteten.

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Veröffentlicht: 03.11.2012, 16:00 Uhr