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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Das Amerika des Louis Begley Aufzeichnungen aus zwei Stürmen

 ·  Sandy ist für Millionen von New Yorkern eine Geschichte von zwei Städten: Uptown und Downtown. So wie die Präsidentschaftswahl die Geschichte von zwei Nationen erzählt: den Armen und den Reichen.

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© AFP Reparaturen nach dem Sturm: Szene aus Babylon, New York

Geliebt und verwöhnt zu werden ist angenehm. Seit der Monstersturm Sandy an unserer Tür rüttelt, bekommen wir, meine Frau und ich, Anrufe und E-Mails von Verwandten und Freunden aus Europa und Asien, die um unsere Sicherheit besorgt sind. Keine Angst, sage ich. Die Flutwellen schwappen bis zu den Fenstern im zehnten Stock unseres Hauses, aber wir hier oben, im dreizehnten und vierzehnten, haben trockene Füße.

Ich konnte leicht witzeln. Unsere Wasser- und Stromversorgung funktionierte ohne Unterbrechung, Telefon- und Internetverbindungen auch. Die Unannehmlichkeiten, die Sandy uns beschert hat, sind kaum der Rede wert: Unsere Haushälterin, die draußen in Long Island wohnt, konnte bis heute Morgen nicht zur Arbeit kommen; eine Aufführung von „Figaros Hochzeit“ in der Metropolitan Opera, auf die wir uns gefreut hatten, fiel aus; die „New York Times“ lag nicht wie sonst täglich auf unserer Türschwelle, so dass wir unsere Morgendosis an schlechten Nachrichten online einnehmen mussten; mein Club hat das Dinner für die neuen Mitglieder, das heute hätte stattfinden sollen, abgesagt (ich hatte nicht vorgehabt, hinzugehen); und die American Academy of Arts and Letters vertagte das für nächste Woche geplante gemeinsame Dinner auf den Januar 2013.

Sorgen gemacht hatte uns unser Häuschen im östlichen Long Island, einem Teil der Welt, den die Leser meiner Schmidt-Romane gut kennen. Aber zu unserem Erstaunen ist dort nichts beschädigt, das hat uns unser Mann für alles berichtet.

Leiden mit Komfort

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele meiner Nachbarn an der Upper East Side genauso lässig von Sandy reden und damit bestätigen, wie weise der Spruch meiner Mutter ist: Wenn du schon leiden musst, dann versuch wenigstens, mit Komfort zu leiden.

Das beweist auch, dass die Geschichte von Sandy eine Geschichte von zwei Städten ist. Von Uptown und Downtown. Den Reichen und den Armen. Manchmal müssen die Reichen natürlich das Elend der Armen teilen. So wohnen zum Beispiel manche meiner schicken Freunde im coolsten Teil von Lower Manhattan, sie hatten keinen Strom, konnten nicht telefonieren, und manche hatten auch kein Wasser. Ihre Straßen waren nachts dunkel und hatten sich in Wasserwege mit auf- und ab schaukelnden Autos verwandelt - ein unheimliches Schauspiel.

Besonders leid tun mir meine Freunde nicht. Sie können sich, wenn ihnen danach ist, im „Carlyle“ einquartieren. Mein Mitgefühl habe ich mir für jene „47 Prozent“ der Amerikaner aufgehoben, für die Mitt Romney nur Verachtung übrighat, für die New Yorker in den Außenbezirken der Stadt, die Leute in Long Island und Westchester, in New Jersey und den Küstengebieten von Connecticut, die alles Mögliche versuchen, um zu ihren Arbeitsplätzen zu kommen; für die Polizisten und Feuerwehrleute, die ihr Leben in Gefahr bringen, und für die Rettungsmannschaften, die oft von weit her angereist sind und sich abmühen, die Stromversorgung wieder in Gang zu setzen und unser überflutetes Transportsystem leer zu pumpen; für die Obdachlosen. Die Liste ist kurz, aber sie zeigt, wo mein Herz ist.

Ein paar herzzerreißende Fälle

Der Wahlkampf um die Präsidentschaft ist während Sandy so langsam geworden, dass die europäischen, in den Vereinigten Staaten arbeitenden Journalisten Zeit übrighatten und mehr als ausführlich über die Verwüstungen durch den Sturm berichteten.

Aber ein paar herzzerreißende Fälle sind vielleicht nicht überall bekannt: Breezy Point in Brooklyn, ein zauberhafter altmodischer Ort mit kleinen Häusern am Strand, brannte in einem Feuer, das die Stürme zu einem Flächenbrand angefacht hatten, bis auf den Grund nieder; auf Staten Island ertranken zwei Kinder, zwei und vier Jahre alt, eine Brandungswelle hatte sie der Mutter aus den Armen gerissen; in Brooklyn wurden von Überflutung bedrohte Pflegeheime evakuiert, ebenso zwei berühmte Kliniken in Downtown Manhattan, die ohne Stromversorgung nicht mehr arbeiten konnten.

Aus dem Downtown Langone Medical Center, dessen Notstromgenerator zusammengebrochen war, wurde ein siebzehnjähriges Mädchen kurz nach einer Hirnoperation den weiten Weg bis zur West 161. Street in das Columbia Presbyterian gebracht. David Remnick berichtete im „New Yorker“ von dieser Hilfsaktion und zitierte die Mutter des Mädchens: „Alle haben uns einfach wunderbar geholfen. Ich bin aus Boston, aber New York - da konnte man nur staunen“.

Wenn man nach guten Nachrichten sucht, findet man sie hier: bei den New Yorkern. Sie sind mutig, nachbarschaftlich, und sie wissen sich zu helfen, wie immer in einer Katastrophe - den 11. September 2001 eingeschlossen. In unserem Viertel blieben Geschäfte offen, auch als Sandy am schlimmsten wütete. Viele Angestellte, die wussten, wenn sie jetzt nach Hause führen, würden sie nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkommen können, entschlossen sich, in Lagerräumen oder irgendwelchen Kämmerchen in der City zu schlafen.

Amerikas Infrastruktur ist anfällig

Aus Sorge um Kunden, die verschreibungspflichtige Medikamente brauchten, blieb eine hochschwangere junge Apothekerin praktisch pausenlos in unserer Apotheke, weil es keiner ihrer Kollegen schaffte, zu ihrer Ablösung in die City zu kommen. In meine Anwaltskanzlei, die an den ersten beiden Tagen von Sandy offiziell geschlossen war, kamen trotzdem Anwälte und Mitarbeiter zu Dutzenden, um für ihre Mandanten an dringenden Fällen zu arbeiten.

Als Kindergärten und Schulen geschlossen waren und Babysitter und Kinderfrauen keine Möglichkeit hatten, zu ihren Schützlingen zu kommen, brachten Väter und Mütter, die ihre Kinder nicht bei Verwandten oder Freunden lassen konnten, sie mit ins Büro.

Wie anfällig Amerikas Infrastruktur ist, wurde grausam deutlich, als Katrina New Orleans verwüstete, und jetzt mit Sandy noch einmal. Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, sagte: Wir haben eine neue Realität: Extreme, durch die globale Erwärmung verursachte Wetterlagen treffen auf alte Infrastrukturen und alte Systeme. Gouverneur Cuomo hat verlangt, dass zum Schutz von Lower Manhattan Deiche und Fluttore gebaut werden. Die Kosten werden sich auf eine zweistellige Milliardenhöhe belaufen.

Die Überflutung und der Stromausfall, zu denen Katrina und Sandy führten, erfüllen einen nützlichen Zweck: Sie lenken die Aufmerksamkeit auf ein hässliches offenes Geheimnis - die dringende Notwendigkeit, unsere überalterte und marode Infrastruktur zu sanieren und zu modernisieren.

Die amerikanische Ingenieursvereinigung gab in ihrer höchst vertrauenswürdigen Benotung von 2009 keinem Bereich der amerikanischen Infrastruktur (angefangen von Brücken und Dämmen über das Stromnetz und Wasseraufbereitungsanlagen bis hin zu Schulen) eine bessere Zensur als C (durchschnittlich) und den meisten ein D (ausreichend) oder D minus.

Die Kosten einer Renovierung werden auf 2,2 Billionen Dollar geschätzt. Parallel dazu ist eine andere, genauso dringliche Investition nötig: Die Vereinigten Staaten müssen mit einem schnellen und zuverlässigen Internetzugang zu niedrigen Gebühren versorgt werden, auch in dünnbesiedelten Gebieten.

Sandy ist für Millionen von New Yorkern eine Geschichte von zwei Städten, und genauso ist der andere Sturm, der an unseren Küsten wütet, die Parlaments- und Präsidentschaftswahl, die am nächsten Dienstag entschieden wird, eine Geschichte von zwei Nationen, die dasselbe Land bewohnen, für die aber zwei Männer mit sehr verschiedenen Visionen und Programmen stehen, Barack Obama und Mitt Romney.

Der Haushaltsentwurf der Republikaner

In dem Haushaltsentwurf, der von Paul Ryan, dem Vizepräsidentschaftskandidaten Gouverneur Romneys, verfasst, von den Republikanern im Repräsentantenhaus übernommen und von Mr. Romney enthusiastisch begrüßt wurde, ist kein Posten für die beträchtlichen Investitionen vorgesehen, die das Land so dringend braucht. Dieser Entwurf gesteht in keiner Weise ein, dass der Klimawandel zu einer von Menschen gemachten Katastrophe zu werden droht, die dringendes Handeln auf nationaler und internationaler Ebene erfordert.

Dass Präsident Obama das Problem versteht und zum Handeln bereit ist, hat New Yorks regierender Bürgermeister Michael Bloomberg anerkannt und deshalb heute empfohlen, Obama für eine zweite Amtszeit zu wählen. Dagegen wollte Mister Romney, als ihm noch nicht klar war, welche politischen Auswirkungen auf seine Kandidatur Sandy haben würde, die Federal Emergency Management Agency, das Amt zur Koordinierung der Katastrophenhilfe, abschaffen; das war Teil seines Kostensenkungsplans mit dem Mantra „das sollen die Einzelstaaten machen“.

Weder im republikanischen Haushaltsplan noch in Mister Romneys Denken gibt es Platz für Finanzhilfe an die Einzelstaaten, die ihnen ermöglichen würde, mehr Lehrer, mehr Polizisten oder mehr Feuerwehrleute einzustellen. Was für ein Wunder: Wer seine Kinder in Privatschulen schickt und private Sicherheitsdienste anheuert, braucht diese Hilfe nicht.

Moralische Schande: Ungleichheit

In Romneys Programm, dessen Markenzeichen seine Voreingenommenheit für die Reichen und gegen die „47 Prozent“ ist, gibt es tatsächlich keinen Raum für irgendwelche Maßnahmen, die dazu führen könnten, dass wir uns mit einer Gefahr auseinandersetzen, die ebenso groß ist wie der drohende Zusammenbruch unserer Infrastruktur: mit der ökonomischen und moralischen Schande, dass in Amerika eine Ungleichheit des Einkommens und der Chancen herrscht.

Die oberen zwanzig Prozent auf der Einkommensskala verdienen sechzig Prozent des gesamten Einkommens, und die Spitzenverdiener, die ein Prozent ausmachen, verdienen weit mehr als die untersten vierzig Prozent zusammen. Soweit die Chancen eines Kindes von den finanziellen Ressourcen seiner Eltern abhängen, ist das Ergebnis ein erdrückender Nachteil.

Die Verschwendung des Kapitals an Begabung ist schändlich und für die Zukunft unserer Ökonomie auf lange Sicht schädlich. Mister Romney und der Haushaltsplan Ryans greifen Medicaid an, das Gesetz über bezahlbare Krankenversicherung, bekannt als Obamacare, das seit kurzem in Kraft ist, und ihr Angriff auf jede Form der Finanzhilfe für arme Familien kann alles nur noch schlimmer machen.

Sandy hat keine Kraft mehr. Der politische Sturm wird toben, bis die Wahllokale am 6. November, nächsten Dienstag, schließen.

Übersetzt von Christa Krüger.

Louis Begley, geboren 1933, lebt in New York und auf Long Island. Zuletzt erschien sein Roman „Schmidts Einsicht“ (Suhrkamp). Seinen obenstehenden Text schrieb er am 1. November.

Quelle: F.A.S.
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