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Montag, 13. Februar 2012
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Dankesrede zur Verleihung des Hebelpreises No wishes, so isches

11.05.2010 ·  Arnold Stadler ist ein würdiger, geradezu idealer Hebelpreisträger im Jubiläumsjahr. Hebel, so meint er, sei ein Geheimnis, kein Rätsel. Denn Rätsel ließen sich lösen.

Von Arnold Stadler
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Sehr verehrte Damen aus nah und fern, liebe Herrn, Wiesentäler Weltbürger und Freunde von Johann Peter Hebel an seinem 250.Geburtstag!

Me moss bim Boue ou as Abreisse dengke, man muß beim Bauen auch ans Abreißen denken! sagte jener sonderbare Mann bei uns zu Hause. Dort lebte dieser Baumeister, der also von der Vergänglichkeit eines solchen Hauses wusste, und selbstverständlich auch von unserer eigenen, und von unserem Gast-auf-Erden-Status, als hätte er Hebels Gedicht „Die Vergänglichkeit“ gelesen.
Unser schlampiger Baumeister wollte mit diesem Satz wohl all seine Schlamperei entschuldigen, seinen ganzen Pfusch, ja nicht zu solide! Und wir dachten, daß er so baute, weil er so dachte, und lachten. Dabei spielte er auch noch mit dem Klang des Wortes Abreisen-Abreißen, das sich beinahe wie eines anhört. Die Bauherren wollten einen solchen Satz schon gar nicht hören, denn wer baut, lebt, und will nichts von so etwas wissen.
Aber vielleicht war der Baumeister auch einfach nur ein Dichter und weise wie Hebel, und wir verstanden das nur nicht. Der Mann hatte vielleicht sogar Hebel gelesen, kannte seine Verse über die Ruine von Rötteln, und hatte von da seine Lehre über die Vergänglichkeit aus der „Vergänglichkeit gezogen.
Gerade als Baumeister hatte er vielleicht daran gedacht, dass er ja nur an zukünftigen Ruinen arbeitet. Vielleicht war er fast so weise und heiter wie eine gute Figur aus einer von Hebels Kalendergeschichten oder wie Hebel selbst, unser Hausfreund.
Doch wir lachten und schüttelten den Kopf über diesen Satz: Me moss bim Boue au as Abreisse denchke! - als wäre der Mann nicht ganz bei Trost, wie man früher noch sagte. Aber das war nicht sein einziger Satz.
Die meisten konnten ja gar nicht sprechen, aber einzelne gab es immer, denen etwas zu sagen glückte. Solche Menschen galten bei uns bestenfalls als Originale. Denn das Unverwechselbare hatte schon damals keinen Marktwert mehr und fast alle wollten sein wie die anderen, und ja nicht mit ihrem Leben und den dazugehörenden Sätzen auffallen und nicht ihr Leben führen, sondern ein anderes, jenes, das von ihnen erwartet wurde.

„Allemannnische Gedichte“

Ein Schriftsteller hat es ja nicht mit der Mehrheit zu tun, das ist die Aufgabe der Soziologen, Politiker und Meinungsforscher, sondern mit der Sprache, und dem einzelnen Menschen, und ist sein und ihr Anwalt, möglicherweise über seinen und ihren Tod hinaus.
Auch hier, in Alemannien, sprechen nun jene, die nicht auffallen wollen, wie im Traumschiff-Fernsehen, und wollen nicht unverwechselbar sein, sondern - anscheinend, sage ich - verwechselbar. Angefangen mit der eigenen Sprache, die man den Kindern schon im Kindergarten austreiben will. Alle sollen gleich sprechen!
Die Muttersprache, das Alemannische, zum Beispiel, ist doch für solche Zeitgenossen nur ein Nachteil im schon mit der Geburt beginnenden Konkurrenzkampf, als wäre das Leben nichts anderes,- und als wären diese Mütter Darwinistinnen.
Manche fürsorgliche Mutter spricht nun schon mit ihrem Kind nicht mehr die Muttersprache, sondern versucht es auf hochdeutsch, um den sogenannten Anschluß nicht zu verlieren. Als wäre die Muttersprache keine Sprache, sondern ein Hindernis. So dachten und denken aber Leute wie mein Baumeister nicht.
Und Hebel dachte auch nicht so, und die Dichter in aller Welt und ihre Leserinnen und Leser, die Hebel und seine und ihre Muttersprache lieben, dachten und denken auch nicht so. Aber das, nicht so zu denken, hilft ja in unserer globalisierten Welt nicht viel. Oder? Hebel hat es einmal versucht, das Gehörte aufzuschreiben, und es ist ihm geglückt, und wie! Das sind seine „Allemannnischen Gedichte“. Aber - es braucht doch den richtigen Leser oder Sprecher, damit das Eigentliche der Sprache des Dichters, welches jenseits der Information liegt, vernehmbar wird. Goethe, der selbst die wunderbarsten Gedichte schrieb, war jedenfalls nicht der Richtige dafür. Er konnte das allenfalls beurteilen, so wie er das Persische von Hafis und andere schöne Übersetzungen beurteilen konnte. Denn es kommt doch auf den Klang an bei einem Gedicht und bei einem poetischen Satz. Und dafür gibt es bis zum heutigen Tag keine Schrift und keine Zeichen, die den Klang genauso wiedergäben, wie wenn wir eine alemannische Stimme Hebel vortragen hörten. Man muß es schon wissen.

„Mamme“

Das Wort „meinen“ hängt mit „minnen“ zusammen, also mit „lieben“.
Langeweile gab es in unserer Sprache nicht. Die Sache schon. Das ist etwas, das sich heute an einem Abend, das heißt: Fernsehabend einstellt, wenn nicht das richtige Programm kommt. Das Wort gab es auch, aber Lankweil, Langeweile: das hieß bei uns, das heißt, in unserer Sprache: Heimweh, ob Sie es glauben oder nicht. Diese Sprache wird immer weniger. Anderen kann das egal sein. Mir nicht.
Meine Sprache gehörte tatsächlich auf die Rote Liste der bedrohten Sprachen.
Ja, damals, als es noch eine Muttersprache gab und die Welt auch keineswegs heil war, fielen die Wörter „wir“ und „Sprache“ fast noch zusammen. Einerseits. Und andererseits schien es mir, dass Sprache und Sprachlosigkeit, und dass Sprache und Fremdsprache auch zusammenfielen. Dass die Sprache meine erste Fremdsprache war. Dass Muttersprache und Fremdsprache zusammenfielen in meinem Mund. Und mit dem Wort „Mamme“ machte ich mich auf den Weg.
Es gibt aber auch Kinder und Dichter, deren erstes Wort „Nein!“ gewesen sein soll - oder gleich „Auto“. Das heißt, der Mensch ist verschieden, und das ist auch schön.
Und stellen Sie sich vor: Mein Großvater erzählte mir noch von der Englischen Gefangenschaft nach dem 1. Weltkrieg, und sagte mir, wie viel er „midgmachd“ habe, und dieses Wort: „,itgemacht“, hieß in unserer Sprache keineswegs: Mitgemacht, sondern soviel wie „ge- und erlitten“. Also fast das Gegenteil dessen, was „Mitmachen“ im Zeitalter von „Deutschland sucht den Superstar“, (dessen letztjähriger Preisträger im übrigen auch aus dem Johann-Peter-Hebel-Land stammt. Zur Erinnerung: sein Name, im vergangenen Jahr noch halb Deutschland bekannt, ist Daniel Schumacher).
Meine Großmutter, wäre aus dem Wiesental gewesen oder gleich aus Hausen, hätte - ihr Leben erwägend - „wie einmal das Wiesental hinauf und hinunter“ gesagt, auf Wiesentälerisch.
Wir alle, die wir auf die Welt gekommen sind: uff d´Wearlt kumme (wie die Umschreibung des in unserem Alemannischen nicht existierenden Verbs „geboren werden“ lautet), haben in unserer Grundausstattung (fragen Sie Ihren Vertragshändler!) das sinnlose Streben nach Glück und den Schmerz.

„Schmerz“ und „Scherz“ reimen sich auch

„Der Schmerz ist der Grund-Riß des Seins“. Das hat Heidegger in das Gästebuch jenes Mannes geschrieben, der auch auf meinen Fotos ist, die heute vor fünfzig Jahren aufgenommen wurden, hier in Hausen. Ich habe Fotos vom 10. Mai 1960, vom Festumzug und den Gästen, und alle, die heute vor fünfzig Jahren auf den Fotos zu erkennen waren für mich, sind dann früher oder später gestorben: Martin Heidegger, der Hebel-Preisträger von 1960, seine Frau Elfride, sein Bruder Fritz, den ich immer noch mit seiner Tasche „die Stadt“ auf- und ab gehen sehe, wie Meßkirch damals hieß. Meßkirch war und ist die erste Stadt meines Lebens, in auch ich das sogenannte Licht der Welt erblickt habe, in der Stadt der Städte, von damals 3500 Einwohnern. Eher zufällig, weil die Hebamme nicht mehr ins Haus kam. Und in die Schule eher notgedrungen, fuhr ich dann von Rast nach Meßkirch und noch lieber zurück.
„Schmerz“ und „Scherz“ reimen sich auch, bilden in der deutschen Sprache einen sogenannten „reinen“ Reim, als wäre es zum Hohn, während „rein“ und „Reim“ ein sogenannter unreiner Reim wären: Noch auf dem Foto sehe ich, dass es ein Scherz war, den das Foto festhält, und wie sie lachten, der Philosoph und sein Bruder, das Kunsthändlerpaar Beyeler aus Basel, der Kunsthistoriker Heinrich Wiegand Petzet und alle sehr erwartungsvoll an jenem vielversprechenden 10. Mai.
Darauf reimt sich der Schmerz des Betrachters: Der schöne 10. Mai 1960! Wie die Festgäste aus dem Auto steigen. Nein, das waren noch Limousinen, und das Unglück des Fotografen ist es, nicht mit auf dem Bild zu sein.
Ein halbes Jahrhundert genügt, und schon ist es Abend. Fotos bleiben etwas länger. Und nun sind alle auf jenen Fotos tot. Nur manche Jungen von einst leben noch.
So wie ich. Damals freute ich mich an einem solchen Tag auf eine Wurst und ein Bluna, ja, ein Bluna, als ich etwa „so groß wie eine Schwertlilie war und der Himmel noch nach der Liebe des Himmels zur Erde roch“.
Und jetzt freue ich mich am Hebelpreis, das konnte ich ja damals beim Meßkircher Wurstschnappen am Schmotzige Dunschdig noch nicht wissen. Eigentlich komme ich aus Mesopotamien. Das ist da, wo die junge Donau und der Rhein am nächsten zusammenfinden, als wollten sie ineinanderfließen, um dann jedoch aneinander vorbei in ganz verschiedenen Meeren zu münden.

Eine Beinahe-Liebesgeschichte auch dies

Der Bodensee, auch nur eine schön geratene Ausbuchtung des Rheins, ist unser Hintersee. Wo man im übrigen auch jene Mundart spricht - oder sprach, die Hebel gleich im ersten und zweiten Satz seiner Vorrede zu den Allemannischen Gedichten als geographischen Rahmen dieser Sprache ortet.
Kannitverstan ist ein Landsmann von mir.
Und außerdem: auch ich stehe mit den alten Fragen vor Ihnen.
Vor ein paar Tagen, genauer: am 20.April stand ich in Basel, wo ich in der Universität am Petersplatz über das Glück sprechen, d.h. öffentlich nachdenken sollte. Bevor ich darüber nachdachte, wusste ich es noch…
Ich sagte, daß das Glück nichts Werktägliches sei, sondern etwas Sonntaghaftes.
Daß es das Glück gebe. Daß es mit Spaß nichts zu tun habe. Daß aber das Kapital der Schriftsteller die Beschreibung jenes Unglücks sei, das als Glück gedacht war. Und daß es ein Glück sei, daß es, zum Beispiel diesen und jenen Menschen gebe, und daß es Hebel gegeben habe und immer noch gebe. Und daß es ein Glück sei, Hebel zu lesen.
Das Glück sei literarisch nicht so interessant und nicht so ergiebig. Also vergegenwärtige der Schriftsteller, den ich meine, das Leben, wie es geworden war mit dem Verlangen nach jenem Glück, das ein Traum geblieben war oder sich tatsächlich als Traum herausstellte. Diese Wahrheit nehme der Schriftsteller aus dem Leben.
Ja, der Schriftsteller, den ich meine, war und ist nicht auf der Welt, um sich über den Menschen und sein Leben, das als Glück gedacht war und sich als Schmerz herausstellte, lustig zu machen. Nicht zum Spaß ist er da und schreibt, sondern ihm, dem Menschen, der nie ganz auf der Welt war, ist und sein wird, und dazu als Gast, irgendwie, ein Denkmal zu setzen.
Das ist aber nun ganz schön pathetisch, nicht? Aber ich bin über einen wie Hebel darauf gekommen, freilich auch über mich und meine Augen und meinen linkshändigen Kopf.

Das Erstaunlichste an Hebel

Ein paar Stunden später und ein paar Schritte weiter stand ich vor Hebels Geburtshaus, das heißt: vor jener schönen Tafel. Ja. Zur einen Seite hin, nach hinten, der Rhein, wie er aufs Eleganteste vorbeifloss und sich in einer großen Kurve entschloß, daß es nun in Richtung Karlsruhe und dem Norden weitergehen solle. Ich sah Hebels Geburtshaus, eingespannt zwischen Wasser und eine Straße.
Heute, an diesem schönen 10.Mai, können Hebels Geburt in Basel und sein Leben danach bis zum seinem Tod in Schwetzingen in einem Satz vorkommen, in einem Satz gesehen und gelesen werden.
Und mir fiel „Die Vergänglichkeit“ ein, das Hebelgedicht, welches auch den berühmten „Basler Totentanz“ in sein unvergängliches Gedicht aufgehoben und gerettet hat. Die Bilder an der Wand der Predigerkirche waren ja zu Lebzeiten Hebels von nachgeborenen Basler Bilderstürmern im frühen 19. Jahrhundert zerstört worden, weil sie sich schon damals für diese anstößigen Bilder schämten. Heute ist das eine Sache für das Historische Museum der Stadt Basel. Der Totentanz konnte als Fanal der Vergänglichkeit, die nicht mehr in die neue Zeit passte, zwar abgeräumt werden, aber dahinter ist nun das Spitalgebäude auch eine Art Totentanz, von heute. Kurz: Hebel hat zwischen Rhein und Totentanz das Licht der Welt erblickt. Zwischen einem Fluß und einem Friedhof.
Das Erstaunlichste für mich an Hebel ist jedoch dies: Daß seine eigentlich oftmals trostlosen und ungeschminkten Einsichten so daherkommen, als wäre es Zuversicht. Ich darf nicht vergessen, daß Hebel ein hoher protestantischer Geistlicher war, und als solcher Repräsentant. Aber wenn ich ihn las, habe ich das immer vergessen. Zu meinem, dem Glück des Lesers.
Wie es bei ihm selbst war, das kann ich vielleicht am ehesten aus der Abgründigkeit, ja Bodenlosigkeit manches seiner Sätze erahnen, will nicht sagen: herauslesen. Aber immer war er (soll ich „trotz allem“ sagen?) irgendwie heiter. Denn ich höre immer noch heraus, daß da doch ein Boden unter seinen Füßen ist.
Ja, seine, Hebels Kunst ist ernst und heiter, und das Leben ist auch so, du saugescheiter Schiller! „Unpoetisch“ ist eigentlich auch nicht schlimm, aber wenn einer als Dichter daherkommt! Gescheit sein ist vielleicht für das Schreiben zu wenig, aber die auf Vermittlung bedacht sein müssen, die Menschen und die Dichter, und auch die Lehrer, denen wir alle so viel verdanken ein Leben lang, können dann etwas damit anfangen und zeigen. Und es ist auch ein Glück, daß wir gezeigt und beigebracht bekommen haben, wie das Lesen und Schreiben geht, das Leben und lernen.

Das ist nur eine Kirche!

Es kommt auch auf den Dichter an, und am meisten kommt es vielleicht doch auf den Schüler an. Und ihnen voraus, auf die Eltern. Auf die kommt es, so glaube ich, auch noch an. Das verhindert manchmal noch mehr die Begegnung mit der Poesie, die doch das Herz eines Gedichtes ist, und nicht irgendwelche in fünffüßigen Jamben transportierten Gedanken und Absichten und Belehrungen.
Das Schönste an und bei Hebel ist doch dies: Daß wir etwas von ihm haben.
Daß er das Schöne mit dem Wertvollen verbindet, daß er aufs Schönste zu belehren vermag, und wie er etwas sagt, was gesagt sein muß. Miscere utile dulci, das Nützliche mit dem Schönen verbinden, heißt das auf Lateinisch. Und wäre es in einem Kalender. Das machte er.
Man muß aber schon Augen und Ohren haben für so etwas, also vielleicht auch, Entschuldigung, etwas Poesie im Bauch mitbringen.
Es ist vielleicht auch bei Hebel so wie beim Freiburger Münster: Es kommt auch auf den Leser und Betrachter an, auf die Augen und den Kopf dahinter: Vor vielen Jahren stand ich vor dem Freiburger Münster, am sogenannten Renaissance-Portal, denn es regnete, und ich hatte eine Wurst in der Hand, die ich auch aß. Das tat ich immer sehr gerne auf dem Münsterplatz, der doch eigentlich auch ein schön gepflasterter ehemaliger Friedhof ist, oder nicht? - Neben mir standen zwei Amerikaner, die auf ihre Frauen warteten, die, kaum, daß sie ins Münster hineingegangen waren, auch schon wieder herauskamen. Und als sie wieder herauskamen, sagte die eine zu ihrem Mann: „It's only a church!“- Das ist nur eine Kirche!
Also war auch das erklärt.

Verlust und Verschwinden

Diesen Satz könnte ich genausogut, auf Hebel verwandt hören: „It's only a Poet!“.
Das ist nur ein Dichter!
Ich las, daß Hebel mit dem Gedanken spielte, Pfarrer von Freiburg zu werden. Aber er hätte ja niemals Münsterpfarrer werden können - oder allenfalls dann, wenn er katholisch geworden wäre. Das ist meine Erklärung dafür, daß er es nicht gemacht hat.
Die Daten seines Lebens sind bekannt:
Geboren in Basel, als Gastarbeiterkind, und auch aufgewachsen in dieser Stadt seines Lebens, sowie- mit einer ebenso lebenslänglichen Anhänglichkeit hier in Hausen. Gestorben ist der Dichter auf einer Dienstreise in Schwetzingen, als höchster Repräsentant der von ihm mitunierten Landeskirche des neuen Baden von Napoleons Gnaden. In Schwetzingen ist Hebel auch begraben. Letzteres eher zufällig. Und als wäre es nicht genug:
Längst ereilte die Geburtsstelle wie den Ort der letzten Ruhe in Schwetzingen ein ähnliches Schicksal: Sowohl das Geburtshaus wie auch die Grabstätte sind eingeholt von der neuen Zeit, als hätte auch dies Hebel in seinem Gedicht „Die Vergänglichkeit“ schon vorausgesehen, als hätte er aus dem Verlust und Verschwinden schon im Voraus ein Gedicht gemacht.
Der alte Friedhof in Basel mit dem berühmten Totentanz an der Wand der Predigerkirche ist verschwunden, von Straßen überfahren das wirklich schön gestaltete Grab in Schwetzingen ist noch da und eine Pilgerreise für Hebelfreunde und den großartigen Literarischen Führer durch die Bundesrepublik Deutschland wert, doch den dazugehörenden Friedhof gibt es auch nicht mehr. Das Grab ist nun auch längst zwischen dazugekommene neue Straßen eingezwängt.

Der Geburtstagsbrief

Und der Mensch riskiert ein Leben lang, überfahren zu werden. Eines Tages fing er mit dem Schreiben an, und wurde zu Hebel. Eines Tages oder auch nachts muß er sich hingesetzt haben und zu schreiben begonnen haben. Wie es wohl war, als er von hier, nun Waisenkind, in die Welt hinausgeschickt wurde?
Eine Ahnung davon gibt uns Hebel in seinem Geburtstagsbrief vom 10.Mai 1812 an Gustave Fecht, „früh 8“, also heute vor 198 Jahren und fünf Stunden. Aber das können Sie selbst nachlesen.
Und noch eindringlicher als in seinem Geburtstagsbrief, hat Hebel, so möchte ich es sagen: in einem Geburtstagsgedicht jene drängenden Fragen des Menschen, auf die es nur vorläufige Antworten gibt, vergegenwärtigt, in seinem Gedicht „Die Vergänglichkeit“. „Mit der Mutter war für Hebel auch Basel verloren“ las ich. Nicht aber die Muttersprache! In Karlsruhe, wohin er bald nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vormund im Alter von 14 Jahren geschickte wurde, hat man eine andere Sprache gesprochen, eine städtisch-moderne-Amts- und Umgangssprache, etwas Verwechselbares wie überall.
Den anderen, für die Sprache nichts als Information ist, die man in jede Sprache übersetzen kann, mochte dies egal sein. Hebel nicht. Daher hat er, viel später, als wäre es ein Nachruf, seine „Allemannischen Gedichte“ geschrieben. Das wäre doch gar nicht nötig gewesen, denn es war auf der Höhe seiner Vita Activa. Aber so dachte und - empfand Hebel nicht.
Bei Hebel, so las ich ihn, fallen Sprache und Muttersprache, und die Straße von Hausen nach Basel mit so etwas wie Heimat und Welt zusammen. Mit etwas Verlorenem und so Aufgehobenen. Wie die Mutter und der Vater, die es auch nicht mehr gibt, und doch.

Den Vater lernte er nie kennen

Wie auch ich aus Erfahrung weiß, wie es ist, wenn man vom Land in die Stadt kommt, mit einer eigenen Sprache, lachten sie, schon in Meßkirch, noch nicht ganz auf der Welt, nicht aus der Welt, sondern aus der Hinterwelt, dachten sie und lachten, als klappte es mit dem Sprechen noch nicht so richtig. Und doch: Hebel hat in seinem Erzählgedicht „Die Vergänglichkeit“, Fragen aufgeworfen, die er, der Mensch, sich stellen muß, die von ihm, dem Menschen, gestellt sein wollen. Das sind solche Fragen, auf die es gar keine Antworten gibt, die aber gestellt werden müssen, damit der Mensch ein Mensch bleibt, und weil der Mensch ein Mensch ist.
Warum bin ich?
Von wo komme ich? Wohin gehe ich? Wo bin ich? Was mache ich hier? An der Straße zwischen Brombach und Steinen oder zwischen Steinen und Brombach, da, wo Hebels Mutter in seinem Beisein starb, auf dem Nachhauseweg. Und der dreizehnjährige Hebel sah es und hat viel später, als er in Jahren war, von denen man sagt, daß es die besten seien, aus allem ein Gedicht gemacht, „Die Vergänglichkeit“ heißt es, und als „Gespräch zwischen Vater und Sohn“ zur Sprache gebracht. Von seinem Vater und einem solchen Gespräch konnte Hebel schon gar nichts wissen, denn der Vater war ja schon gestorben, als der Sohn gerade ein Jahr alt war. Aber wo, wenn nicht in der Dichtung, ist so etwas möglich? Es waren zwei Ochsen, welchen die Beiden hinterher, nebenher oder vorausgingen, als hätte Hebel Laotse gekannt - oder das Brechtgedicht: „Die Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“.
Ob nun mit Ochsen oder Eseln, Dromedaren oder Elephanten, Zugfperden oder mit dem Traktor, einem Ferrari oder zu Fuß. Ob Vater oder Sohn, Großvater und Enkel.
Unterwegs zwischen Steinen und Brombach waren da Zwei wie zwischen Leben und Tod.
Und es war Nacht. Und alles sternenklar.

Provinz gibt es nicht

Egal ob es der Vater oder der Großvater war, Ochsen oder Esel oder Elephanten waren:
es hätte auch ein Traktor sein können, wenn es so etwas damals schon gegeben hätte, und es wären dieselben Fragen gewesen, auf die es ja keine Antwort gibt, auch von Hebel nicht: Das ändert nichts am Kern dieses Gedichts, am Gedanken, daß wir sterblich sind, über den wir niemals hinauskommen werden. Und daß wir „fromm“ sein sollen und nicht weiterfragen. Der Mensch, der Tuttlinger, Kannitverstan, auch Hebels Mensch ob als Vater oder Sohn, als Dichter oder nicht, ist unterwegs von hier nach dort, von Steinen nach Brombach oder umgekehrt, und weiter. Oder auch nur das Dorf hinauf und hinunter. Als wäre das Leben ein Road Movie.
Der Mensch ist unterwegs, von hier nach dort, vom Leben zum Tod. Aber unterwegs ist es auch schön.
Und diesem Leben gilt und gehört die ganze Liebe und Anhänglichkeit, die Aufmerksamkeit des so welt- wie heimatverbundenen Johann Peter Hebel. Er ist der schönste Beweis, daß es Provinzliteratur nicht gibt. Es gibt nur Weltliteratur - oder keine. Provinz gibt es nicht. Es gibt nur Welt. Wo Hebel mit seinen Sätzen hinkam, war er überall mitten auf der Welt. Und wäre es im Herz oder Hirn des Lesers gewesen, der Zentrale der lebenslänglichen Heimatlosigkeit, gerade dann wäre er mitten auf der Welt gewesen.

Ob Hebel einmal in Tuttlingen oder Duttlingen, der Stadt von „Kannitverstan“ war?
Eher nicht. Aber er wusste vom Menschen, wie es ihn auch in Tuttlingen oder Amsterdam gab. Darüber hinaus ist jeder Mensch so, sozusagen wie du und ich, wenn er vor dem Leben steht. (Das schöne Bild habe ich von Johanna Walser.)
Manchmal schüchtern wie Hebel, muß er dann doch fragen, was da los ist.
Hebel, diesem großen Erzähler, kam es gar nicht auf das Erfinden an, sondern auf das Erzählen einer Geschichte. Er hat sich dabei niemals in die Schar der Lügner und der Zyniker eingereiht. Er hat „ja“ gesagt zum Leben, noch in der Nacht zwischen Steinen und Brombach.
Er wollte gewiß auch, daß seine Leser etwas davon hatten, sodaß es vielleicht sogar am besten war, die Geschichte gleich für ganz viele zu schreiben. Von Anfang an erreichte Hebel mit seinen Gedichten und Geschichten die Menschen. Er liebte wohl seine Leser. Und er kannte sie.
Aber wahrscheinlich wollte er auch geliebt werden. Von ihnen.
Das kann ich mir denken.

Er war nicht so streng mit dem Menschen

Hebels Klarheit rührt auch aus seinem Begehren, gelesen zu werden - er wollte gelesen sein. Ankommen und verstanden werden, es sind Geschichten aus Zeiten für Menschen, denen der Abend noch kein Fernsehabend war. Und die Schönheit und das Glück eines solchen Abends nicht davon abhingen, ob etwas Rechtes (eppes Readts!) in der Glotze kam oder nicht.
Man soll nicht sagen, es sei nicht so gekommen. Da ist Einiges „z'semmekeit“ (alem. für: „zusammengefallen“) seit seiner Vision, welche das Gedicht „Die Vergänglichkeit“ auch ist.
Hebels Augen sahen alles in einem milden Licht, er scheint mir ein weiser und von da heiter-schwermütiger Mensch gewesen zu sein, ein Mensch, clair-obscur, profund verwurzelt in seiner Sprache, in der er uns sein Bestes gab und schenkte. Als Schriftsteller, der wusste, wovon er sprach.
Er war nicht so streng mit dem Menschen, mit uns, auch weil er wusste, daß der Mensch ein Mensch war, und weil der Mensch ein Mensch war.
Und doch wissen wir gar nicht so viel von ihm, auch von Hebel nicht. Manches hätte ich aber doch gerne gewusst, und nicht aus Neugier, sondern aus Liebe.
Der Mensch, also auch Hebel, war und ist auch ein Geheimnis. Kein Rätsel. Das könnte nämlich gelöst werden.
250 Jahre: Dieses Alter ist schon ein Hinweis darauf, daß es sich bei diesem Geburtstagskind um eines handeln muß, das nicht mehr lebt, und doch unsterblich ist, sonst wären wir nicht hier.
Indes: 250 älter als manches Haus in den Neubaugebieten von heute, das, so fürchte ich, nicht mehr so alt werden wird, keine Geschichte mehr haben wird, hineingestellt in die Felder meiner Erinnerung, das sind auch die Felder meines Heimatdorfes, das immer noch Rast heißt.
Heute sind es 250 Jahre, da er sich aufmachte, 250 Mal hätte er die Sonne umrundet, heute.
Soviel ist das wiederum auch nicht. Gemessen am vermuteten Alter der Sonne.
Heute hätte er sie, unsere Lichtbringerin, 250 Mal umrundet. Man soll nicht sagen, das sei nichts.
So ist Hebel, der Dichter, zwar nicht unvergänglich gewesen, wie wir aus seinem Gedicht „Die Vergänglichkeit“ wissen, aber unsterblich geworden. Und dies ist auch etwas.
Und nun noch eine kleine Geschichte, der Pfarrer von Tuttlingen, der Stadt, von der aus sich „Kannitverstan“ in die Welt aufmachte, hat sie mir erzählt, und so gebe ich sie weiter.
Ich verneige mich vor dem frommen Dichter und guten evangelischen Seelsorger, der die Menschen kannte, und, ihnen entsprechend, sie beschrieb und für uns vergegenwärtigt.
Weiß aber nicht, ob er über folgende Geschichte gelacht hätte:
Ein Pfarrer, der mit seinem Mesner auf den Spuren des Apostels Paulus irgendwo im Orient unterwegs war, wurde von Terroristen entführt.
Dieser Geistliche soll ein begnadeter Redner gewesen sein, und hatte auch immer gerne gepredigt, sodaß es seinen Zuhörern, auch dem Mesner oftmals zuviel war.
Das Land, aus dem die Beiden stammten, weigerte sich nun, warum weiß ich nicht, das Lösegeld zu zahlen. Also beschlossen die Terroristen, die beiden Männer zu erschießen. Einen letzten Wunsch sollten sie allerdings noch freihaben, solche Unmenschen
waren diese Terroristen nämlich nicht.
Da sagte der Pfarrer: Ich möchte noch einmal eine richtig schöne Predigt halten.
Daraufhin sagte der Mesner, sein letzter Wunsch sei es, als erster erschossen zu werden.
Ich danke Ihnen.

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