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Daniel Kehlmanns neues Buch: „Lob“ Ein Ave Maria für Stephen King

26.07.2010 ·  In seinem neuen Buch „Lob“ gibt er vor, als Schriftsteller der bessere Kritiker zu sein und gefällt sich in der Rolle des überlegenen Gelehrten. Aber wie gut ist Daniel Kehlmann als Kritiker? Und als Kritiker der Kritiker?

Von Julia Encke
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In der sehr sehenswerten Dokumentarfilmserie „Durch die Nacht mit . . .“, in der jeweils zwei Prominente einen Abend miteinander verbringen und im Auftrag des Senders Arte von zwei Kamerateams begleitet werden, trafen im vergangenen Jahr in Wien der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der Kabarettist, Schauspieler und Autor Josef Hader aufeinander.

Sie tranken am Bahnhofskiosk Espresso und unterhielten sich über Hunde, sie setzten sich in eine Gondel des Prater-Riesenrads, besuchten das leere Theater in der Josefstadt. Und sie kauften in einer Buchhandlung dem jeweils anderen ein Buch: „Das hier ist ganz phantastisch, kennen Sie das?“, fragte Kehlmann Hader, zog Philip Roth' Roman „Exit Ghost“ aus dem Regal, drehte es um, begutachtete den Klappentext und entschuldigte sich sofort: „Dass ich da jetzt draufstehe, wusste ich nicht. Ich wusste es wirklich nicht! Ich habe das gelobt. Das Buch hat allenthalben schlechte Kritiken bekommen, weil das einfach mal wieder an der Zeit war. Vorher hatte Roth gute Kritiken, jetzt war wieder eine schlechte fällig. Gerade bei Roth kann man das gut verfolgen: Welche Bücher gut und welche schlecht besprochen werden, hat mit der Qualität der Bücher eigentlich gar nichts zu tun.“ - „Das ist also reine Saisonsache?“, fragte Hader. - „Ja. Das ist deprimierend, aber es ist so.“

Literaturkritiker, die böse Großmutter des Kasperltheaters

Den Kabarettisten schien das nicht wirklich zu beeindrucken, so wie er sich auch auf Kehlmanns Klagen über die Kritik der eigenen Werke nicht einlassen wollte. Er wolle ja nicht wehleidig klingen, sagte Kehlmann, er frage sich aber schon, was man sich von der Literaturkritik eigentlich bieten lassen müsse über die Jahre, ohne dass man irgendeine Form des Einspruchsrechts habe. „Naaaa“, meinte Hader da nur. Die Kritiker seien Teil des Kasperltheaters. Sie seien das Krokodil oder die böse Großmutter, keine Instanz, der er zubillige, Urteile zu fällen.

Daniel Kehlmann schreibt nicht nur Romane und Erzählungen. Er schreibt seit Jahren auch Essays und Literaturkritiken - und das nicht nur über Philip Roth. Gerade ist im Rowohlt-Verlag ein neuer Band erschienen, „Lob - Über Literatur“, welcher, neben Kehlmanns Poetikvorlesung in Göttingen, den Dankesreden zum Thomas-Mann-Preis und zum Kleist-Preis und seiner umstrittenen Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele im vergangenen Jahr, zahlreiche Texte versammelt, die der Autor für die großen Tageszeitungen, darunter auch die Frankfurter Allgemeine, über die Werke seiner Schriftstellerkollegen geschrieben hat. Es ist nicht das erste Kehlmann-Buch dieser Art: „Lob“ ist gewissermaßen der Nachfolgeband zu „Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher“, der vor fünf Jahren, kurz nach der „Vermessung der Welt“, erschien; darin ging es um Voltaire, Stendhal, Sacher-Masoch, Hamsun, Tolkien, Céline, Updike und auch Helmut Krausser. Jetzt sind Thomas Bernhard, Truman Capote, Coetzee, Stephen King, Beckett und Roberto Bolaño dran. Und Kehlmann lobt nicht nur. Er kritisiert auch, fällt sein Urteil, was interessant ist und gut und sehr oft begründet - was angesichts der Kritik an der Literaturkritik, die auch in diesem Buch immer wieder auftaucht, aber eine Frage aufwirft: Ist Daniel Kehlmann, dessen Zitate als sogenannte „Blurbs“ zu Werbezwecken auf dem Rücken der von ihm besprochenen Bücher wieder auftauchen, mit seinen Kritiken nicht auch Teil dessen, was Josef Hader als „Kasperltheater“ abtut? Ist der Schriftsteller als Kritiker eine andere Instanz als jene Literaturkritik, gegen die Kehlmann manchmal gerne Einspruch erheben würde und die für Hader gar keine Instanz ist? Oder suggeriert Daniel Kehlmann, als Schriftsteller der bessere Kritiker zu sein?

Der Schriftsteller mit dem Panoramablick

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat dem 35-jährigen Autor einmal attestiert, in seinen Texten über Literatur als „grandioser Überblicker“ ganze Epochen und Werke zu beleuchten. Das stimmt. Daniel Kehlmann ist belesen. Er ist nicht zuletzt Literaturwissenschaftler. Er kennt sich aus. Wenn er etwa in „Lob“, in einem Text über „Holzfällen“, Thomas Bernhard als „Beobachter der menschlichen Hinfälligkeit auf der einen Seite“ und „versierten kulturpolitischen Fädenzieher auf der anderen“ beschreibt; wenn er analysiert, inwiefern es, wenn ein Werk seine Wirkung so sehr dem Abscheu verdankt, nicht völlig unwichtig sei, ob der Gegenstand dieses Abscheus etwas mit den Verhältnissen der realen Welt zu tun habe oder nicht - dann spricht daraus eine Kenntnis des Werks, die Kehlmann mit poetologischen Fragen zu verknüpfen weiß. Dasselbe gilt für seine Rede über Kleists „Mystik der Klarheit“, welche uns daran erinnere, dass „die Aufklärung nicht seicht und die Vernunft nicht ohne Geheimnisse sei“. Und es gilt für seine Anmerkungen zu Samuel Beckett, den Substrahierer und Reduzierer, dem er den Addierer und Hinzufüger James Joyce gegenüberstellt: Wollte Joyce die gesamte menschliche Kultur in ein oder zwei Bücher packen, versuchte Beckett alles Nebensächliche und Zufällige zu entfernen und zum Wesentlichen vorzudringen. Zwei Iren des zwanzigsten Jahrhunderts, die gegensätzlicher nicht hätten sein können.

„Ein Überblicker“ ist Daniel Kehlmann aber nicht nur, weil er den Ehrgeiz hat, die Literaturgeschichte panoramatisch zu erfassen und zu durchdringen. Er ist es auch, weil er es sein will. Er hat sich diese Rolle selbst ausgesucht, eine Rolle, mit der er an ein traditionsreiches, alteuropäisches Modell anknüpft: an den Schriftsteller als Gelehrten, der, insofern er sich nicht als romantisches Genie versteht, das vor allem mit sich selbst beschäftigt ist und sich gegen den Einfluss der Vorgänger abgrenzt, zugleich als Auskunftgeber für literarische Fragen auftritt und sich selbstverständlich und öffentlich mit den Werken großer Autoren beschäftigt. Es ist eine altmodische Rolle mit einem altmodischen Anspruch, was man allein daran sieht, dass Kehlmann in seiner Schriftstellergeneration als Gelehrteninstanz mit weltliteraturhistorischen Essay- und Kritikensammlungen in Deutschland so gut wie alleine dasteht. Natürlich schreiben auch andere Autoren Kritiken und Essays. Sie vermeiden dabei aber die Gelehrtenrolle oder haben explizit mit ihr gebrochen.

In der Rolle des Gelehrten zwischen Lob und Tadel

Was Kehlmann anstrebt, scheint eine mehr oder weniger heutige Mischung aus Thomas Mann und Susan Sontag zu sein. Beide kommen in „Lob“ vor, auch der berühmte Besuch der 14-jährigen Susan in Manns Haus am San Remo Drive in Pacific Palisades, was sicher kein Zufall ist: Susan Sontag war die europäischste aller amerikanischen Gelehrtenschriftstellerinnen und in diesem Sinne altmodisch auch schon zu Lebzeiten. Thomas Mann wiederum ist, wie viele wissen, Autor eines riesigen Essaywerks, Kehlmann lobt diese Essays als „wohlformuliert“, „geistreich“, „treffend“ und „immer vollkommen richtig“. Er verteidigt Thomas Mann auch gegen Marcel Reich-Ranickis Diagnose, dass Mann, von wem auch immer er sprach, nur von sich gesprochen habe. Wenn einer es fertigbringe, von diesen anderen sprechend so von sich zu sprechen, dass er darin stets und zuverlässig das Wesentliche über die anderen treffe, so Kehlmann, dann sei das ein Kunststück. Darin könnte auch Daniel Kehlmanns eigener Maßstab liegen: über andere schreibend sich der eigenen Poetologie zu versichern.

Es gibt nun Leser, die den jungen Autor für seine selbstgewählte Gelehrtenrolle lieben, anderen ist sie entschieden zu unzeitgemäß. Was „Lob“ betrifft, ist dies zunächst aber gar nicht der Punkt. Merkwürdig ist vielmehr die Mischung aus hohem Ton des Lobs und Tadels und der gleichzeitigen grundsätzlichen und umfassenden Kritik an der Kritik. Da wird es dann larmoyant: Literaturkritiker sind für Daniel Kehlmann „angebliche Profis“, „hauptberufliche Beurteiler“ und „deutsche Kunstverständige“, die den „hoffnungsvollen Schöpfer von zwei Kurzgeschichten und drei Gedichten vor ein Mikrofon zerren“ und ihn „in die Rolle des selbstbewussten Auskunftgebers drängen“. Da muss man schon mal sagen, dass selbst die angeblichen Profis niemanden drängen können, der nicht gedrängt werden will; und dass Daniel Kehlmann selbst zu den Autoren gehört, die bereitwillig Interviews geben.

Attitüde des „überlegenen Überblickers“

Darüber hinaus stellt sich die Frage, was den nebenberuflichen vom und hauptberuflichen „Beurteiler“ grundsätzlich unterscheidet? Sind die einen qualifizierter als die anderen? Sprechen sie verschiedene Sprachen? Kehlmanns in „Lob“ versammelte Kritiken über Stephen King, J. M. Coetzee oder über das Regietheater sind lesenswert. Angreifbar sind sie trotzdem. Stephen King vorzuwerfen, dass ihm Schuberts „Ave Maria“ nichts anderes als „fades Zeug“ ist, wodurch seine Welt „platt, kulissenhaft und öde“ werde, ist dünkelhaft und absurd; und das Regietheater pauschal zu verurteilen, ohne einen Namen oder eine einzige Inszenierung zu nennen, selbst ein bisschen platt, kulissenhaft und öde.

Daniel Kehlmann, das legt die „Lob“-Lektüre nahe, begibt sich als Schriftsteller so schwungvoll in die Rolle des Gelehrten, dass er daraus eine Überlegenheit ableitet. Das ist nicht unbedingt angenehm und manchmal anmaßend. Wenn er Josef Hader gegenüber betont, Philip Roth' „Exit Ghost“ gegen die „saisonbedingte“ Kritik gelobt zu haben, klingt es so, als habe er den großen Roth vor der Kritik in Schutz nehmen müssen. Das muss er aber nicht. Viele Kritiker mochten „Exit Ghost“. Vielleicht muss sich Daniel Kehlmann aber mal fragen, ob seine „Überblicker“-Rolle oft nicht einfach nur Attitüde ist.

Daniel Kehlmann: „Lob - Über Literatur“. Rowohlt-Verlag, 191 Seiten, 18,95 Euro

Quelle: F.A.S.
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