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Daniel Kehlmann über Karl Kraus : Über Hitler war er im Bild

Karl Kraus, um 1925 Bild: IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus

Projekthilfe für einen schwierigen großen Autor: Der Schriftsteller Daniel Kehlmann bestreitet einen Abend mit und über Karl Kraus.

          Karl Kraus ist kein leichter Autor. Und das ist bescheiden formuliert. Es liegt an der Dichte seiner Sprach- und Gedankenarbeit, welche die meisten Leser unweigerlich als gnadenlos empfinden müssen. Und es liegt für diese Leser auch ein wenig daran, dass die Anlässe, an denen sich diese denkbar disziplinierte und gleichzeitig denkbar spielerische Spracharbeit entzündete, alles andere als geläufig sind. Erst recht gilt das natürlich, wenn man Kraus einem nicht deutschsprachigen Publikum vorstellen möchte, so wie es Jonathan Franzen mit seinem letztes Jahr erschienenen Buch „The Kraus Project“ tat, einer zweisprachigen und ausführlich kommentierte Ausgabe von Kraus’ großen Essays zu Heine und Nestroy.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Buch wird in einigen Wochen auch auf Deutsch erscheinen. Ein merkwürdiger Rückexport eigentlich, aber vielleicht nicht einmal ganz an der Rezeptionslage in Sachen Kraus vorbei: Was ein etwas breiteres Publikum betrifft, mag die Ferne zu Krausens Sprache und Welt in den Vereinigten Staaten auch nicht größer sein als hierzulande. Franzen versicherte sich für sein „Kraus Project“ der Mitarbeit eines anderen renommierten Schriftstellerkollegen und Bewunderers von Kraus: Daniel Kehlmann, der in seinen Wiener Studienzeiten sogar für einige Zeit zum stattlichen Stab der Mitarbeiter an den Kraus-Wörterbüchern der dortigen Akademie der Wissenschaften gezählt hatte.

          „In dieser großen Zeit“

          In Karlsruhe bestritt Kehlmann nun, assistiert von Moderator und Sprecher, einen Abend zu Karl Kraus: eine Art kleines „Kraus-Projekt“ in Gesprächsform. Dass dieser Autor schwierig sei, daran ließ Kehlmann zu Beginn gar keinen Zweifel aufkommen – Hölderlin und Jean Paul waren seine Vergleichsfiguren –, aber das durfte natürlich nur als Anreiz gelten für den Parcours durch einige Texte von Kraus mit zwischengeschalteten Erläuterungen in lockerer Form.

          Ein Ausschnitt aus dem ersten Text nach der Kriegserklärung im Sommer 1914, „In dieser großen Zeit“, machte den Anfang. Er zeigt den Kriegsgegner von Anbeginn, der die Begeisterunganfälle seiner Zeitgenossen und der in nationalen Taumel verfallenen Presse glossiert und der ein Jahr später an Szenen zu arbeiten beginnt, die zum großen Drama und Dokument der „Letzten Tage der Menschheit“ werden sollten. Aus ihm hatte Kehlmann die Szene mit Hugo von Hofmannsthal im Kriegsfürsorgeamt gewählt, und weiter ging es dann mit „Reklamefahrt zur Hölle“ und dem „Ehrenkreuz“ – zwei Texte, bei denen man unweigerlich den Vortrag von Kraus selbst im Ohr hatte, denn sie gehören ja zu den sehr wenigen, von denen Aufnahmen überliefert sind.

          Der Sprechstil der Zeit

          Kehlmann allerdings las sie selbst, was durchweg nicht überzeugend ausfiel, zumal auch noch zum Vergleich einlud, dass er dabei einigen Intonationen von Kraus unüberhörbar folgte. Mag sein, dass dahinter die Absicht stand, das Publikum nicht zu sehr durch den emphatischen Vortragsstil von Kraus zu verschrecken, auf dessen Zeittypik Kehlmann hinwies und den auch ein eingespieltes Tondokument Hofmannsthals erahnen ließ. Der Vortragskünstler Kraus kam dann aber doch auch in Ton und Bild vor, bevor es mit einem Ausschnitt aus der „Dritten Walpurgisnacht“ um die gern zitierte Passage ging: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Dass man immer noch erläutern muss, dass sie Auftakt zu einer furiosen Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten war, ist ein Skandal, und nicht bloß ein literaturgeschichtlicher. Kehlmann sprach es zum Schluss mit der nötigen Verve an und mit Blick auf ein jüngstes Beispiel solch offensiver Unkenntnis, das wir unlängst schon kommentierten. Weitere Kraus-Abende scheinen noch nicht geplant zu sein. Man sollte sie aber schon ins Auge fassen.

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