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Christa Wolf: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud Der ungeteilte Himmel

14.06.2010 ·  Christa Wolfs „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist ihr erster Roman seit 14 Jahren. Ein Buch der Suche, ein Buch über Kalifornien und über die Kämpfe des letzten Jahrhunderts - und ein Buch, in dem sich der Blick der Erzählerin auf ihr Leben verändert.

Von Volker Weidermann
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Sie war mit dem blauen Pass gekommen, im September 1992. Mit dem Pass eines untergegangenen Landes wollte sie nach Amerika einreisen. „Das war eine Trotzreaktion“, schreibt sie, und natürlich bedeutete das Ärger. Der rotblonde Officer studiert den Pass so genau, als wolle er ihn auswendig lernen, richtet seine eisblauen Augen auf die Einreisewillige und fragt: „Germany?“ Darauf sie, doppelt trotzig: „Yes. East Germany.“ Er telefoniert, versichert sich, wundert sich, kontrolliert noch einmal, stempelt schließlich, winkt sie durch und fragt abschließend: „Are you sure, this country does exist?“ Die Reisende versichert kühl: „Yes, I am.“ Eine Lüge. Sie weiß es ja besser. Das Land, dessen Behörden ihr einst den blauen Pass ausstellten, gibt es nicht mehr. Gibt es nur noch in Gedanken, in Erinnerungen, als Stempel hier in diesem Dokument. Macht das nicht auch den Menschen, dessen Existenz von diesem blauen Untergangspapier dokumentiert wird, zu einer schwankenden, einer zweifelhaften Erscheinung?

An Zweifeln und Selbstzweifeln jedenfalls wird es dieser Schriftstellerin aus dem Vergangenheitsland in den nächsten Monaten nicht fehlen. Neun Monate wird sie hier als Stipendiatin des „Getty-Center for the History of Art and the Humanities“ im westlichsten Westen verbringen, in Santa Monica, am Pazifischen Ozean, in der Sonne. Die Ereignisse in der Welt und drüben, in ihrer alten Heimat, werden ihr Leben um- und umwirbeln. Es ist eine Reise, auf der sie sich so weit wie möglich von der Heimat entfernt und sich so dicht wie möglich der Selbsterkenntnis nähert. Eine Reise in die Welt, eine Reise zu sich selbst.

Ein unmöglicher Satz

„Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist der erste Roman Christa Wolfs seit vierzehn Jahren, seit 1996 „Medea: Stimmen“ erschien. Es ist das radikale Bekenntnisbuch einer Schriftstellerin, die einst die bedeutendste Autorin der DDR gewesen ist, ein Buch der Suche und des Abschiednehmens, ein kämpferisches Buch, ein Buch über die Kämpfe des letzten Jahrhunderts, ein Buch der Verzweiflung, die sich allerdings in der kalifornischen Sonne und unter tatkräftiger Mithilfe eines Engels in eine Art leise, vage Zuversicht verwandelt. Die sich vor allem aber verwandelt durch das Erzählen selbst, das Erzählen von einer ganzen Epoche: „Daß der Gedankenstrahl die Zeitschichten rückblickend und vorausblickend durchdringen kann, erscheint mir als ein Wunder, und das Erzählen hat an diesem Wunder teil, weil wir anders, ohne die wohltätige Gabe des Erzählens, nicht überlebt hätten und nicht überleben könnten“, heißt es schon auf den ersten Seiten des Romans.

Es ist tatsächlich ein Buch, in dem es ums Überleben geht. Die Schriftstellerin, die eine Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik von der Gründung bis zum Untergang gewesen ist, erlebt hier, in Kalifornien, eine existentielle Krise. Sie hatte die DDR lange Zeit mit großen Hoffnungen und großer Treue begleitet, hatte sie jahrelang auch in offizieller Funktion repräsentiert und war doch schon bald in Konflikte mit den Behörden und den Vordenkern der staatlichen Kulturpolitik geraten. Über mehrere Jahrzehnte wurde sie von der Stasi bespitzelt, mal offensiv und auffällig, um sie einzuschüchtern, jahrelang aber auch maximal unauffällig, durch scheinbar gute, vertraute Freunde. Jetzt, kurze Zeit vor ihrer Abreise, hat sie sich in der zuständigen Behörde ihre Akten kommen lassen. Tagelang quälte sie sich durch die erbärmlich geschriebenen Berichte ihres Lebens, das aus dieser bürokratischen Beobachtungsperspektive klebrig, dürr und zweifelhaft erscheint. Das soll mein Leben gewesen sein?

Und dann war die Mitarbeiterin der Behörde noch mit einem weiteren dünnen Aktendeckel ihres Lebens zu ihr gekommen. Eine Akte, die sie ihr eigentlich gar nicht zeigen durfte. Denn es ist diesmal keine Akte über die Schriftstellerin als Opfer, sondern dies ist eine sogenannte „Täterakte“, die von jedermann eingesehen werden darf - nur nicht vom Täter, von der Täterin selbst. Sie aber darf sie heimlich lesen. Und sie, die Schriftstellerin, ist wie erstarrt: Das hatte sie vergessen. Ein unmöglicher Satz. Ein lächerlicher, ein unglaubwürdiger Satz. Ja, niemand wird ihn ihr glauben, eigentlich glaubt sie ihn sich selber nicht. Sie, die Autorin der Selbsterforschung und der Wahrheitssuche - sie hat vergessen, das sie eine Weile lang Informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit gewesen ist und Berichte über Kollegen schrieb. „Das hatte sie vergessen.“ Dieser Satz ist der Angelpunkt des Romans. Um diese Achse dreht sich das Leben der Autorin und ihre Welt.

Zwei Planeten treffen aufeinander

Der Autorin? Wer ist sie, die da spricht, die Schriftstellerin aus der DDR, die ihre IM-Tätigkeit vergessen hatte? Im Buch ist sie mal Ich-Erzählerin, mal wird sie als „Du“ angeredet, mal als „sie“ in der dritten Person. Es ist eine schwankende Person, aber sie lebt bis in kleine Details hinein das Leben ihrer Schöpferin, das Leben der Schriftstellerin Christa Wolf, 81, der Autorin von „Kassandra“, „Der geteilte Himmel“ und „Nachdenken über Christa T.“. Es ist ihre Geschichte als Roman erzählt, aber es ist keine Autobiographie, denn je weiter das Leben dort in Kalifornien sich entwickelt, desto stärker werden die Traumelemente, die surrealen, die übersinnlichen Momente in diesem Leben. Aber die Basis ist die reale Lebensgeschichte der Christa Wolf. Sie war genau zu jener Zeit Stipendiatin in Santa Monica, sie hatte ihre eigene Stasi-Tätigkeit kurz zuvor in der Gauck-Behörde wiederentdecken müssen, und von Kalifornien aus hat sie sich dazu bekannt.

Ehrlich gesagt klingt dieses Verfahren auf den ersten Blick wie ein billiger Trick. Warum - wenn es um so wesentliche moralische Fragen des Lebens geht, warum bitte versteckt man sich da hinter einer halbfiktionalen Fassade, die keine Festlegungen ermöglicht, die der Autorin in jedem wesentlichen Punkt die Möglichkeit gibt zu sagen: Ja, leider ist dieser Teil nur erfunden. Das könnte ein Vorwurf an das Buch sein. Doch es trifft den Kern aus mehreren Gründen nicht. Erstens hat Christa Wolf ihre „Täter-Akte“ vollständig, zusammen mit Auszügen aus der „Opfer-Akte“, längst veröffentlicht, und jeder kann darin nachlesen, dass ihr aus diesen Berichten kein ernsthafter Vorwurf gemacht werden kann. Zweitens nutzt Wolf die Fiktion zu einer viel radikaleren Selbstdarstellung, als es in einem direkten Wirklichkeitsbericht möglich wäre. „Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mich weniger zu schonen, als die anderen“, schreibt sie. Eine Selbstentblößung, die zugleich aber auch eine exemplarische Geschichte ist, der Roman einer Epoche: „Mir ist klargeworden, dass ich mich als Exempel nehme, also von mir absehe, indem ich mich ganz auf mich zu konzentrieren scheine. Eine merkwürdige gegenläufige Bewegung“, schreibt Christa Wolf in ihrem Roman über die Figur, die von Christa Wolf schwer zu unterscheiden ist.

Das Hauptereignis dieses Romans heißt allerdings: Amerika. Oder besser: Kalifornien. Oder noch besser: die Begegnung der ostdeutschen Schriftstellerin Christa Wolf mit Kalifornien, mit den Amerikanern, der amerikanischen Lebenswelt. Es sind zwei Planeten, die hier aufeinandertreffen und aus dieser Fremdheit entsteht: eine neue Sicht auf die Welt. Ja, natürlich sieht die Erzählerin ungeheuer vieles, das ihr missfällt: die Armut vieler Menschen, der homeless people, die ihr immer wieder die Tränen in die Augen treibt. Die scheinbar oberflächliche Freundlichkeit der ersten Begegnungen. Das Fehlen jeder Alternative zum amerikanischen Lebensweg, die Unratsamkeit, das Wort „Kommunismus“ auch nur auszusprechen, das sind die Klischees, mit denen sie anreist und die sie sich auch gern bestätigen lässt.

Danke für Amerika

Doch je länger der Roman dauert, je mehr sich die Schriftstellerin aus dem fernen Osten auf dieses neue Land einlässt, desto freier wird der Blick. Das fängt schon mal gleich mit „Star Trek“ an: Die Autorin ist der amerikanischen Weltraumserie vom ersten Tag an verfallen. Mit einer frisch gemixten Margarita und einem Käsebrot setzt sie sich jeden Abend vor den Fernseher und schaut beglückt der märchenhaften Befreiung kolonisierter Völker in fernen Sonnensystemen zu. Ein bisschen scheint die Raumschiffmannschaft die Rolle einer idealen DDR-Besatzung zu spielen, wenn sie schreibt: „Wobei die Picard-Mannschaft vorführte, daß unbedingte Disziplin sehr wohl zusammengehen konnte mit einer durch männliches Understatement veredelten reifen Menschlichkeit.“ Utopie im Weltall. Mit ein, zwei Margaritas - toll! Es könnte so weitergehen, mit viel Highway 101, Abendessen beim Chinesen in L. A., Zukunftspartys mit rätselhaften Mixgetränken, der Strand, die Palmen und die Sonne.

Doch die Katastrophe bricht herein. Das IM-Bekenntnis und tägliche Verurteilungen aus den Zeitungen ihres Heimatlandes. Es wird Gericht gesessen über die ferne Repräsentantin-Ost, und sie kann und will sich nicht rechtfertigen. Selbstmordgedanken werden immer mächtiger. Fluchtgedanken. Das neue Land entwickelt einen regelrechten Sog. Die kalifornische Gegenwart, aber auch die Geschichte der deutschen Emigranten, die hier während der Nazi-Jahre lebten. Sie liest intensiv die Tagebücher Thomas Manns, zitiert Brecht, fährt an Feuchtwangers Villa Aurora vorbei. Ist es Flucht in eine andere Vergangenheit? Es ist der Versuch, Anschluss zu finden, an eine andere deutsche Geschichte. Und es gelingt. Dank Amerika.

Sie müsse mit diesem verdrucksten Herumschleichen aufhören, sagt ihr ein Mitstipendiat ins Gesicht. Dieses demonstrative Schleichen, scheinbar mit der Last der ganzen deutschen Geschichte auf den Schultern, mache ihn verrückt. Es sind diese kleinen Momente, die langsam die Perspektive der Erzählerin auf ihr Leben und die Geschichte verändern. Im Roman liest sich das großartig.

Der Untergang des Landes

Ein neues Selbstbewusstsein tritt an die Stelle der alten Niedergedrücktheit und Klagelust. Ja, für sie war eben der 4. November auf dem Alexanderplatz der große Moment der Geschichte. Ein letzter Moment der Utopie. „Es war das Unvorstellbare, das sich in Wirklichkeit verwandelte“, schreibt sie. Und: „Das können sie uns nicht mehr nehmen.“ Am 9. November wusste sie, dass es damit für immer vorbei sein würde, das auch große Teile ihres Lebens, ihrer Hoffnungen und Wünsche für immer unter dieser Mauer begraben liegen. Sicherlich zu Recht, das bestreitet sie gar nicht. Aber es war eben etwas sichtbar und historisch wirklich geworden, was vorher nur zu ahnen war. Der Untergang des Landes, ja, ihres Landes mit dem blauen Pass, mit dem sie so trotzig die neue Welt betreten hatte.

Damals, als ihre IM-Akte in die Welt gekommen war, hatte sie Joachim Gauck, heute Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, damals Chef der nach ihm benannten Behörde, vorgeworfen, er verkaufe Stasi-Akten an die Medien. Gauck wies das empört zurück, nicht ohne die Anklägerin gleichzeitig vehement zu verteidigen: „Die Intensität ihrer Suche nach Wahrheit war es, die sie in der DDR immer zu einer verdächtigen Person gemacht hat.“

Sie hat nicht aufgehört, nach ihrer Variante der Wahrheit zu suchen. Dieses Buch ist das kalifornische Monument dieser Suche.

Christa Wolf: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“. Suhrkamp 2010, 414 Seiten, 24,80 Euro. Der Roman erscheint in der nächsten Woche

Quelle: F.A.S.
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