http://www.faz.net/-gr0-16sm2

Christa Wolf: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud : Der ungeteilte Himmel

  • -Aktualisiert am

In einem anderen Land - Christa Wolf in Los Angeles, 1992/93 Bild: Privatbesitz Christa Wolf

Christa Wolfs „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist ihr erster Roman seit 14 Jahren. Ein Buch der Suche, ein Buch über Kalifornien und über die Kämpfe des letzten Jahrhunderts - und ein Buch, in dem sich der Blick der Erzählerin auf ihr Leben verändert.

          Sie war mit dem blauen Pass gekommen, im September 1992. Mit dem Pass eines untergegangenen Landes wollte sie nach Amerika einreisen. „Das war eine Trotzreaktion“, schreibt sie, und natürlich bedeutete das Ärger. Der rotblonde Officer studiert den Pass so genau, als wolle er ihn auswendig lernen, richtet seine eisblauen Augen auf die Einreisewillige und fragt: „Germany?“ Darauf sie, doppelt trotzig: „Yes. East Germany.“ Er telefoniert, versichert sich, wundert sich, kontrolliert noch einmal, stempelt schließlich, winkt sie durch und fragt abschließend: „Are you sure, this country does exist?“ Die Reisende versichert kühl: „Yes, I am.“ Eine Lüge. Sie weiß es ja besser. Das Land, dessen Behörden ihr einst den blauen Pass ausstellten, gibt es nicht mehr. Gibt es nur noch in Gedanken, in Erinnerungen, als Stempel hier in diesem Dokument. Macht das nicht auch den Menschen, dessen Existenz von diesem blauen Untergangspapier dokumentiert wird, zu einer schwankenden, einer zweifelhaften Erscheinung?

          An Zweifeln und Selbstzweifeln jedenfalls wird es dieser Schriftstellerin aus dem Vergangenheitsland in den nächsten Monaten nicht fehlen. Neun Monate wird sie hier als Stipendiatin des „Getty-Center for the History of Art and the Humanities“ im westlichsten Westen verbringen, in Santa Monica, am Pazifischen Ozean, in der Sonne. Die Ereignisse in der Welt und drüben, in ihrer alten Heimat, werden ihr Leben um- und umwirbeln. Es ist eine Reise, auf der sie sich so weit wie möglich von der Heimat entfernt und sich so dicht wie möglich der Selbsterkenntnis nähert. Eine Reise in die Welt, eine Reise zu sich selbst.

          Ein unmöglicher Satz

          „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist der erste Roman Christa Wolfs seit vierzehn Jahren, seit 1996 „Medea: Stimmen“ erschien. Es ist das radikale Bekenntnisbuch einer Schriftstellerin, die einst die bedeutendste Autorin der DDR gewesen ist, ein Buch der Suche und des Abschiednehmens, ein kämpferisches Buch, ein Buch über die Kämpfe des letzten Jahrhunderts, ein Buch der Verzweiflung, die sich allerdings in der kalifornischen Sonne und unter tatkräftiger Mithilfe eines Engels in eine Art leise, vage Zuversicht verwandelt. Die sich vor allem aber verwandelt durch das Erzählen selbst, das Erzählen von einer ganzen Epoche: „Daß der Gedankenstrahl die Zeitschichten rückblickend und vorausblickend durchdringen kann, erscheint mir als ein Wunder, und das Erzählen hat an diesem Wunder teil, weil wir anders, ohne die wohltätige Gabe des Erzählens, nicht überlebt hätten und nicht überleben könnten“, heißt es schon auf den ersten Seiten des Romans.

          Es ist tatsächlich ein Buch, in dem es ums Überleben geht. Die Schriftstellerin, die eine Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik von der Gründung bis zum Untergang gewesen ist, erlebt hier, in Kalifornien, eine existentielle Krise. Sie hatte die DDR lange Zeit mit großen Hoffnungen und großer Treue begleitet, hatte sie jahrelang auch in offizieller Funktion repräsentiert und war doch schon bald in Konflikte mit den Behörden und den Vordenkern der staatlichen Kulturpolitik geraten. Über mehrere Jahrzehnte wurde sie von der Stasi bespitzelt, mal offensiv und auffällig, um sie einzuschüchtern, jahrelang aber auch maximal unauffällig, durch scheinbar gute, vertraute Freunde. Jetzt, kurze Zeit vor ihrer Abreise, hat sie sich in der zuständigen Behörde ihre Akten kommen lassen. Tagelang quälte sie sich durch die erbärmlich geschriebenen Berichte ihres Lebens, das aus dieser bürokratischen Beobachtungsperspektive klebrig, dürr und zweifelhaft erscheint. Das soll mein Leben gewesen sein?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auch Andrea Nahles hat in der deutschen Politik schon häufig Erfahrungen mit Sexismus gemacht.

          SPD-Fraktionschefin : Nahles: Viel Sexismus in der deutschen Politik

          Sexismus in der deutschen Politik? Überall, immer wieder, sagt Andrea Nahles und beschreibt typische Situationen. Zumindest in der SPD will die neue Fraktionschefin das nun ändern. Frauen sollten Männer mit ihren eigenen Waffen schlagen.
          Mitte September in München: Urteilsverkündung im Prozess gegen zwei mutmaßliche islamistische Kämpfer aus Syrien. 2017 leitete die Bundesanwaltschaft schon mehr als 900 Verfahren wegen Terrorismus ein.

          Bundesanwaltschaft : 2017 schon mehr als 900 Terror-Verfahren

          Die Zahl der Terrorismus-Verfahren in Deutschland nimmt deutlich zu. Das geht einem Bericht zufolge aus den aktuellen Zahlen der Bundesanwaltschaft hervor. Der rapide Anstieg stellt die Behörde vor große Probleme.

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Die Zentralregierung greift härter als erwartet durch, aus Protest gehen hunderttausende Katalanen auf die Straße. Regionalpräsident Puigdemont bezeichnet Madrids Vorgehen gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens als „schlimmste Attacke“ gegen die Region seit der Franco-Diktatur.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.