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Chinesische Literatur im Westen : Die vielen Fluchten des Gao Xingjian

  • -Aktualisiert am

Der Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian hat in seinem Leben immer versucht neue Wege für sich zu entdecken Bild: Michael Hauri

Auf einem Symposion in Erlangen sprechen chinesische und deutsche Literaturwissenschaftler über Gao Xingjian. Das Bild des Literatur-Nobelpreisträgers aus dem Jahr 2000 könnte nicht unterschiedlicher sein.

          Liu Chunying schüttelt den Kopf. Die Professorin von der Universität Jinan ist enttäuscht und verärgert. Es ist der erste Tag eines Symposions der Friedrich-Alexander-Universität im Erlangener E-Werk, und sie soll über Gao Xingjian referieren. Es geht um die Rezeption des chinesischen Literaten in seiner Heimat und im Westen. Da schüttelt die zierliche Chinesin abermals den Kopf. Ihr kurzes, schwarzes Haar fällt ihr ins Gesicht: „Es scheint mir, dass Sie das nicht verstehen.“ Und winkt ab.

          Da ist es wieder, dieses Nicht-Verstehen zwischen China und dem Westen. Der Moment, in dem eine Verständigung unmöglich erscheint. Der Moment kommt immer wieder, sei es bei der Frankfurter Buchmesse oder bei einer Veranstaltung wie dieser: Es ist wie eine unsichtbare Mauer, die den Westen von China trennt, unüberwindlich selbst in Zeiten der Globalisierung. Liu Chunying soll vor allem über die Zeit um 2000 referieren, als Gao den Literaturnobelpreis gewann - als erster Chinese. Und schon hier liegt das „Missverständnis“: Für den Westen ist Gao ein Chinese, für China nicht.

          In jedem Buch war sein Ausleihstempel

          Gao Xingjian, der 1940 in Ganzhou in der chinesischen Provinz Jiangxi zur Welt kam, war als Kind häufig krank, weshalb er sich die Zeit mit Lesen vertrieb. Doch Gaos Kindheit war keine Zeit der Muße, denn draußen im Land brodelte es heftig. Große Teile Chinas waren von japanischen Truppen besetzt. Dann, nach der japanischen Niederlage und dem Ende des Zweiten Weltkrieges, kam es zum Bürgerkrieg, der erst 1949 endete. In Maos Volksrepublik China bestimmten fortan Nationalismus und Sozialismus das Leben der Chinesen. Doch der junge Gao wollte Künstler werden. Er flüchtete in die französische Sprache.

          „Französisch war mein persönliches Exil“ - erzählt Gao jetzt am Rande der Tagung in Erlangen. „Ich habe jeden Tag gelesen, so viel ich konnte. Am Ende meines Studiums war in jedem Buch der Bibliothek ein Ausleihstempel mit meinem Namen zu finden.“ Und er schrieb - Tagebuch, Theaterstücke, Essays. Doch da seine Werke nicht mit den Vorgaben der kommunistischen Partei übereinstimmten, flüchtete Gao ein zweites Mal, diesmal ins innere Exil. Er schrieb heimlich, nur für sich. „Damals war ausschließlich Propaganda gewünscht“, erinnert sich Gao. Er spricht langsam und mit sanfter Stimme. Das steht in schroffem Gegensatz zu jener Zeit, von der er erzählt, als er aus Vorsicht seine Tagebücher, Notizen und Manuskripte verbrannte. Die Roten Garden verhafteten ihn trotzdem, zur Umerziehung wurde er ins Lager geschickt. Um der Repression zu entkommen, flüchtete Gao nach seiner Entlassung wieder: diesmal in ein Dorf auf dem Land, wo er als Bauer leben wollte.

          Flucht und Weglaufen sind die zentralen Begriffe im Gespräch mit ihm. Und Freiheit. „Freiheit ist für mich immer konkret. Ich brauche sie für mein kreatives Denken, mein kreatives Arbeiten und Schaffen.“ Nach der Kulturrevolution fasste auch Gao neuen Mut und begann aufs neue zu schreiben. Da traf ihn 1986 ein persönlicher Schicksalsschlag. Die Ärzte diagnostizierten Lungenkrebs. Ihm verbleibe nur noch wenig Zeit. Und wieder flüchtete Gao - diesmal zu sich selbst. Das Ergebnis ist „Berg der Seele“ - halb Biographie, halb Roman. Dafür begab sich Gao auf eine zehnmonatige Reise entlang des Yangtse-Flusses ins Herz eines unbekannten China. Die Diagnose stellte sich als falsch heraus.

          Das verstehen sie nicht

          Im Jahr 1987 schließlich flüchtete Gao ein letztes Mal, als er ins französische Exil ging. Seit 1997 besitzt er die französische Staatsbürgerschaft. Ist er nun Chinese, so wie ihn der Westen sieht? Oder ist er Franzose, wie es in seinem Pass steht? Gao schreibt seine Werke auf Französisch. Doch sie sind geprägt von seinen Wurzeln, seiner Flucht, seinem Leben im Exil. In Erlangen ist man sich einig, dass Gaos Einfluss auf China und die dortige Literatur minimal ist. Der Grund hingegen ist umstritten. Die westlichen Besucher erklären das mit seiner fehlenden literarischen Präsenz in seiner Heimat. Weil Gao Xingjian in China verleugnet werde. Auf dem Podium schüttelt Liu Chunying wieder nur den Kopf. Die Professorin begründet Gaos geringen Einfluss mit seiner westlichen Art zu schreiben und seinem selbstgewählten Exil in Frankreich.

          Als keiner im Saal auf ihre Argumente eingeht, winkt sie ab. Ganz leise ist noch zu hören, wie sie sagt: „Das verstehen sie nicht.“ Unversöhnlich bleiben die Interpretationen chinesischer und westlicher Sicht nebeneinander stehen. Gao sitzt in der ersten Reihe, lauscht den Erklärungen und schweigt. Er war sein Leben lang auf der Flucht, nun nimmt er sich die Freiheit, sich nicht einzupassen. Er ruht zwischen Ost und West.

          Quelle: F.A.Z.

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