Home
http://www.faz.net/-gr2-6m3le
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Charlotte Roches neuer Roman Kommt alle zu mir auf die Couch

08.08.2011 ·  In dieser Woche erscheint „Schoßgebete“, der neue Roman von Charlotte Roche. Wer geglaubt hat, sie könne nur provozieren, aber nicht schreiben, wird staunen. Ihre Heldin liefert sich beim Leser zur Therapie ein.

Von Felicitas von Lovenberg
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (4)

Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig und nicht beabsichtigt.“ Mit dieser Erklärung beginnt „Schoßgebete“, das neue Buch von Charlotte Roche. Und von all den aufgeladenen, kernigen, wichtigen Sätzen, vor denen der Roman auf seinen 283 Seiten nur so strotzt, sind diese die für seine Wirkung wohl entscheidenden. Denn sich ein Unglück, wie es im Zentrum dieses Buches steht, vorzustellen oder lesend nachzuempfinden, ist etwas vollständig anderes, als es tatsächlich selbst durchlitten zu haben. Darum und nicht nur aus juristischen Gründen ist die Klausel wichtig. Sie markiert den Boden des Abgrunds, in den dieses Buch zitternd hinunterstarrt und von dem aus es zugleich zornig hinauf in einen Himmel blickt, der ihm keine Rettung verheißt. Was „Schoßgebete“ verhandelt, ist nicht allein die durchgedrehte Phantasie einer Romanheldin. In die Rollenprosa mischt sich die untröstliche Wahrheit der Autorin.

Der Roman „Schoßgebete“, der in dieser Woche im Piper Verlag erscheint, erzählt drei Tage - Dienstag, Mittwoch, Donnerstag - aus dem Alltag von Elizabeth Kiehl. Es ist eine Innenansicht des ganz normalen Lebens einer nicht ganz so normalen Frau, die alles daran setzt, als Geliebte, Mutter und Patientin am Dauerrand des Nervenzusammenbruchs eine gute Figur abzugeben. Es ist das egomane Protokoll einer Existenz, die bestimmt ist von Angst und Aggression, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sich aufzulösen, und dem Bedürfnis, sich selbst überhaupt noch zu spüren. Das, was sie erlebt hat, übersteigt die Vorstellung: Bei einem Autounfall auf der Fahrt nach England zu ihrer Hochzeit sind vor acht Jahren ihre drei Brüder gestorben; ihre Mutter wurde schwer verletzt. Seitdem ist Elizabeth „immer auf das Schlimmste gefasst“. Nur im Bett, beim Sex kann sie eine andere werden: „Dann bin ich völlig frei.“

Eine gedankliche Selbstzerfleischerin

Elizabeth ist dreiunddreißig. Wie viele Frauen dieses Lebensabschnitts jongliert sie mehrere Verantwortungen. Sie ist Mutter von Liza, sieben, Stiefmutter von Max, ebenfalls sieben, und Ehefrau von Georg, unbeziffert alt. Elizabeth hat einen Vaterkomplex, von dem auch schon vor Georg „viele alte Männer profitiert haben“. Seit sieben Jahren ist sie nun mit ihrem Mann zusammen, ihre bisher längste Beziehung. Vater ihrer Tochter aber ist Stefan, der Mann, den sie geheiratet hätte, wenn der Unfall nicht passiert wäre, der sie in einen „Scherbenhaufen“ verwandelt hat: „das schlechte Gewissen, dass ich lebe und sie nicht“. Weil das im Grunde nicht zum Aushalten ist, hat sie irgendwann auch den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen.

Was Elizabeth macht, das macht sie bis zur Manie: Sie ist eine gedankliche Selbstzerfleischerin, fanatische Vegetarierin und Hardcoreatheistin. Die Umwelt ist ihre „Ersatzreligion“. Ein anderer Glaubensersatz ist Elizabeths Monogamie-Großprojekt, das „Für-immer-Zusammenbleiben mit meinem Mann“, was sie nicht davon abhält, gelegentlich von Sex mit anderen Männern zu träumen. Dreimal die Woche geht sie zur Therapie, wo sie lernt, netter zu sich zu sein. Das heißt vor allem, sich so zu akzeptieren, wie sie ist, und trotzdem weiter an sich zu arbeiten. Denn Elizabeth will viel: für ihren Mann die beste Ehefrau sein, für ihre Tochter die beste Mutter und für ihre Therapeutin die beste Patientin. „Überforderung“ heißt das im Therapiedeutsch, das Elizabeth sehr viel benutzt. Denn sie hat die Gewohnheit, alles, was sie tut, auch gleich im Kopf zu analysieren. Leider schließt die dauernde Selbstkontrolle Entspannung aus - bis in den Schlaf hinein: „Der Tod liegt auf mir, wenn ich einschlafe, er ist da, wenn ich aufwache.“

Reifer und anspruchsvoller als der Erstling

Charlotte Roche erzählt in ihrem zweiten Roman eine Geschichte, die ihrer eigenen, sofern öffentlich bekannt, ebenso zu ähneln scheint wie die äußere Erscheinung von Elizabeth dem Bild der Frau auf dieser Seite. Nach dem Überraschungserfolg der „Feuchtgebiete“ vor drei Jahren bittet die dreiunddreißigjährige Engländerin erneut zur Verwechslung und zur Identifikation - um das biographisch Bekannte, Sichtbare, Gemutmaßte geschickt ins Fiktionale zu drehen und zu überzeichnen.

Wie enorm die Erwartungen an das neue Buch sind, zeigt schon die Rekorderstauflage von einer halben Million Exemplaren. Ob sich der Erfolg der „Feuchtgebiete“ mit ihrer Gesamtauflage von 1,8 Millionen wiederholen, gar überrunden lässt, werden die kommenden Wochen zeigen. Bereits heute sagen lässt sich hingegen, dass die Autorin sich sprachlich und thematisch treu geblieben ist - und sich inhaltlich gesteigert hat. Ungeachtet dessen, was an Motiven, Aussagen und Zeitgeistkritiken in „Feuchtgebiete“ hineingelesen worden ist - „Schoßgebete“ ist komplexer, reifer und anspruchsvoller als der Erstling. Nicht nur dem Umfang nach gehen gleich mehrere „Feuchtgebiete“ in dieses Buch ein. Wo Helen Behmel sich selbst äußerlich untersuchte, richtet Elizabeth Kiehl ihren erbarmungslosen Forscherblick auf ihr Innerstes - was nicht heißt, dass die Fadenwürmer, die ihre Familie attackieren, sie nicht ebenso interessieren wie zuvor Helen Hämorrhoiden und Analfissur.

Detailfreudig und unverkrampft

Zu den vielen Aversionen, die Elizabeth proklamiert, gehört auch eine gegen Glutamat: „Wenn ich meine Familie an diesen Geschmacksverstärker gewöhne, schmeckt denen nur noch das Verstärkte und die ganzen natürlichen Sachen nicht mehr.“ Der Satz lässt sich durchaus als literarisches Programm von Charlotte Roche interpretieren, die in „Schoßgebete“ zwar wieder körperliche und seelische Intimitäten unters sprachliche Vergrößerungsglas legt, aber dabei weniger um der Provokation willen erzählt. Gewiss: „Schoßgebete“ nähert sich dem Sex so detailfreudig und unverkrampft wie „Feuchtgebiete“ - sofern jemand, der sich selbst und das, was er tut, immerzu reflektiert, unverkrampft sein kann. Doch die Isoliertheit der Protagonistin und damit auch der Themen ist aufgehoben. Das Mischungsverhältnis ist in „Schoßgebete“ ausgewogener, die Sprache nicht zotig, sondern direkt und exakt. Bereits auf den ersten fünfundzwanzig Seiten lernen wir Elizabeth als eine Frau kennen, die dem Penis ihres Mannes dieselbe akribische Aufmerksamkeit widmet wie dem Wirsing, den sie nach dem Sex zum Kochen kleinschneidet.

Von dem entwaffnend umgangssprachlichen Erzählton, der über die gesamte Strecke durchgehalten wird, mal aufgekratzt plaudernd, mal trostlos abgeklärt alles bekennt und kommentiert, sollte man sich nicht täuschen lassen: Hier ist eine Erzählerin am Werk, die sehr genau weiß, was sie tut. Der Unfall, klaffende Wunde und moralisches Rückgrat des Romans, wird dramaturgisch ebenso perfekt vorbereitet wie der - dank des Fadenwurmbefalls um einen Tag verschobene - mal wieder fällige Bordellbesuch von Elizabeth und Georg.

Eine Heldin auf der Suche nach Erlösung

Aber nicht im kameradschaftlichen Ton und in der Inszenierung der Handlung liegt der eigentliche Kunstgriff des Romans, sondern in seiner Heldin. Denn gerade weil Elizabeth in ihrer offen dargebotenen Verletztheit zunächst einmal keine Identifikationsfigur ist, finden ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Überzeugungen in sicherer Distanz zu jenen des Lesers statt. Doch eben weil von dieser Frau nichts bedrohlich Modellhaftes ausgeht, lässt man sich auf sie ein - und wird gewahr, dass Elizabeth zwischen ihren ureigenen Extremen Fragen verhandelt, die die meisten Frauen ihrer Generation in der ein oder anderen Form ebenfalls umtreiben: das Verhältnis zu den eigenen Eltern, der Wunsch nach Geborgenheit, Selbstzweifel, der Zusammenhang von Liebe und Sexualität, die Schwierigkeiten von Familie im Allgemeinen und Patchwork im Besonderen, die Suche nach Werten und Überzeugungen, an denen man sein Leben ausrichten kann, und der Druck, den eigenen Erwartungen in den jeweiligen Rollen zu entsprechen.

Elizabeth ist auf der Suche nach etwas, an das sie glauben kann, das ihr Erlösung bringt. Von Schuld will sie, als „der Anti-Christ schlechthin“, nicht reden, aber das schlechte Gewissen ist allgegenwärtig - der alten und der neuen Familie ebenso wie dem Ex-Freund gegenüber, den sie trotz des gemeinsamen Kindes verlassen hat. Weil sie sich selbst nicht traut, der Wissenschaft aber umso mehr (“weil die schlechtes Gewissen wegmacht“), sucht Elizabeth sich Autoritäten: „Ich empfehle jedem, der ein Kind hat oder einen Mann oder eine Frau, eine Therapie zu machen. Wenn man sich das nicht leisten kann, bitte wenigstens einen Ratgeber lesen.“ Sie selbst propagiert die Erziehungsbücher von Jesper Juul oder Jan-Uwe Rogge, vor allem aber „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, dessen Cover sie sich sogar auf den Unterarm hat tätowieren lassen - genau wie ihre Erfinderin.

Risiken und Nebenwirkungen sind beabsichtigt

Elizabeth neigt zum Fanatismus, ganz egal, ob es um Vegetarismus, Umweltschutz, Mutterliebe, Sex oder ihre Wut-Kampagne gegen die „Druck“-Zeitung geht, jenes Boulevardblatt, das sie unmittelbar nach dem Unfall mit seinen pietätlosen Verfolgungen unter Druck gesetzt hat, eine Vergewaltigung „in dem schwächsten Moment meines Lebens“. Gedanklich immer bis zum Äußersten zu gehen, ist Elizabeths Form von Wahrhaftigkeit. „Ich habe eine Wahnsinnsphantasie. Die nur damit beschäftigt ist, sich Horrorszenarien auszumalen. Ich quäle mich damit selber. Nur wenn ich die Angst mit Hypersexualität überlagere, bin ich angstfrei. Das habe ich in der Therapie gelernt.“ Denn die Therapie ist Elizabeths Rettung: „Ich glaube, ich wäre schon mehrmals gestorben ohne meine Therapeutin.“ Drei Mal in der Woche geht sie zu Frau Drescher: „Da darf ich hin, egal wie ich angezogen bin. Das ist ja das Schöne. Egal, wie ich aussehe, egal, wie ich rieche, ich kann immer dahin, egal, in welchem Zustand.“ Eine Hymne, wie Charlotte Roche sie hier als eine Art weiblicher Woody Allen auf die Segnungen und Heilungschancen der Psychotherapie singt, hat man in der deutschen Literatur noch nicht gelesen. Risiken und Nebenwirkungen sind hier beabsichtigt, denn der Leser kommt durch Elizabeths Großbeichte gewissermaßen in die Therapeutenrolle. Dafür wird er reich entschädigt: „Ich denke insgeheim, dass ich dafür da bin, meine Therapeutin zum Lachen zu bringen. Selbst die schrecklichsten Dinge versuche ich lustig zu verpacken, damit sie bei der Arbeit an mir auch Spaß hat.“

Keine ungetrübte Feier von Sexualität

Denn „Schoßgebete“ ist, bei allem existentiellen Ernst, aller Trauer und allem missionarischen Furor, auch rasend komisch, zum Beispiel wenn die erklärte Feministin Elizabeth endlich mit ihrem Mann im Bordell landet. Die Szene, in der sie die Prostituierte kennenlernt, mit der sie jetzt gleich schlafen soll, weil das ihren Mann glücklich macht, gehört in ihrer Mischung aus Beklommenheit, Neugier und pointierter Situationsbeschreibung zu den witzigsten des ganzen Buches: „Endlich geht die Tür auf und sie kommt rein. Sie sieht schön aus und hat kiloweise Parfüm aufgetragen. Sie fixiert mich und kommt auf mich zu. Sie sagt: ,Ich heiße Lumi.' Und schüttelt meine Hand. Wir werden in ein paar Minuten Sex haben, und sie schüttelt meine Hand. Lustig! Deutschland.“ Und als die Annäherung dann weiter fortschreitet, steigert sich auch Elizabeths Schilderung ins grotesk Realistische: „Ich schließe die Augen, atme ein paarmal tief durch, versuche nicht an meine Mutter zu denken, die uns grad kopfschüttelnd zusieht, Alice Schwarzer auch.“

Keineswegs ist dieser Roman eine ungetrübte Feier von Sexualität und dem ganzen „Pornogediddeldiddel“. Die Bordellbesuche nennt sie bei sich „Elizabeth-Überforderungen“, die sie gleichwohl wichtig und richtig für die „Ehehygiene“ findet: „Ich komm damit besser von meiner Mutter weg, und ich komme meinem Mann viel näher.“ Was nichts daran ändert, dass sie Panik bekommt, wenn sie nur daran denkt: „Alle aufregenden Sachen schlagen bei mir sofort auf den Darm.“ Und ob das Projekt des Für-immer-Zusammenbleibens angesichts der Liebesdienste, zu denen sie sich überwindet, eine Chance hat, scheint mindestens fraglich: „Ich frage mich, ob ich mich selbst verleugne, wenn ich das alles für ihn mache. Ich kann die Antwort in mir nicht finden. Ich traue mir alles zu, dass ich mich selbst verleugne und es nicht merke, das ist wirklich möglich.“

Es geht immer um Leben und Tod

Charlotte Roche wahrt die Balance zwischen Verbergen und Enthüllen, Künstlichkeit und Komik bis zum Schluss. Es ist bisweilen ein kalkuliert kokettes Spiel mit der eigenen Pathologie, etwa wenn sie sich den Tod ihres Stiefsohnes, ihres Mannes oder gar ihrer eigenen Tochter vorstellt: „Ich kenne das ja, wie das ist, wenn einem was Schreckliches zustößt, wenn einen ein schlimmer Schicksalsschlag heimsucht. Und wie schön das ist, die Aufmerksamkeit, die man dann bekommt, das Mitleid, darin kann man sich schön einkuscheln. Ich glaube, diese unnatürliche Aufmerksamkeit aller Menschen mit ihrer Betroffenheit in den Augen kann wirklich süchtig machen.“

Der Unfalltod ihrer Geschwister, das wahre Ereignis, verleiht dem Roman eine Dringlichkeit und eine Wucht, denen man sich nicht entziehen kann. Es geht in diesem Buch, abgesehen von vielem anderen, immer um Leben und Tod. Aber ist ein Roman, dessen Autorin es außerordentlich geschickt versteht, an den Knöpfen der menschlichen Psyche zu drehen, Angst, Unsicherheit, Selbstzweifel, Neurosen und Lust packend und intelligent zu thematisieren, schon Literatur, gar große? „Schoßgebete“ will keine stilistische Meisterleistung sein, sondern seine Leser erreichen. Dass die Anliegen des Romans mit entwaffnender Einfachheit vorgetragen werden, sollte niemanden über deren Komplexität und Relevanz hinwegtäuschen. Charlotte Roche hat ein Buch geschrieben, das uns weit über die Lektüre hinaus bewegt und beschäftigt. Das lässt sich von manch einem literarischen Meisterwerk nicht sagen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

Jüngste Beiträge