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Centenarium : Ein Jahr mit Claude Simon

Im Moment des Schreibens (an der Place Monge in Paris): Eine Zeichnung Claude Simons, veröffentlicht 1970 im „Orion aveugle“ (Skira). Bild: associationclaudesimon.org

Ein großer Autor, der in Deutschland exzellente Übersetzer fand: Pünktlich zum nahenden hundertsten Geburtstag von Claude Simon liegt nun auch seine Werkausgabe vor.

          Als Claude Simon 1985 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, fielen die Reaktionen in Frankreich selbst mitunter kühler aus als im Ausland - was auch dem Geehrten nicht entging. Aber etwa fünfzehn Jahre später stand dann doch seine offizielle Einsetzung als moderner Klassiker an, nämlich eine Ausgabe seiner Werke in der Bibliothèque de la Pléiade. Sie kam allerdings nicht mühelos auf den Weg. Ein Kompromiss war damals zu finden zwischen den Éditions de Minuit, Simons Verlag seit Mitte der fünfziger Jahre, und dem Haus Gallimard. Er lief darauf hinaus, keine „Gesammelten Werke“ ins Auge zu fassen, sondern nur einen Band, schlicht als „OEuvres“ betitelt, für den Claude Simon eine Auswahl traf. Er erschien Anfang 2006, einige Monate nach Simons Tod.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Man stand ziemlich ratlos vor ihm. Schließlich fehlten nicht nur erwartungsgemäß die ersten vier Bücher Simons, welche dieser nie hatte wiederaufgelegt sehen wollen, sondern eine Reihe von großen Romanen. Darunter gerade jene, in welchen Elemente aus der Geschichte der eigenen Familie zu wichtigen Elementen wurden und dabei immer mehr von ihren fiktionalen Erweiterungen und Umarbeitungen verloren. Von „L’Herbe“ über „Histoire“ und die „Géorgiques“ bis zu „L’Acacia“ und dem letzten Buch „Le Tramway“, das in einem seiner Erzählregister die Kindheit in Perpignan aufruft.

          Eine Werkausgabe nun doch

          Sie alle findet man nun, neben zwei der formal experimentelleren Bücher aus den siebziger Jahren - „Les corps conducteurs“ und „Leçon de choses“ -, in einem glücklicherweise doch noch erschienenen Band der „Pléiade“, welcher als „OEuvres II“ auftritt. Die Aufteilung zwischen den beiden Bänden bleibt damit zwar sehr merkwürdig, aber zusammen hat man jetzt, pünktlich zum bevorstehenden hundertsten Geburtstag Claude Simons im Oktober, tatsächlich eine vorzüglich edierte Werkausgabe eines großen Autors des letzten Jahrhunderts zur Hand. (Claude Simon: „OEuvres II“. Édition établie par Alastair B. Duncan, avec Bérénice Bonhomme et David Zemmour. Éditions Gallimard, Paris 2013. 1656 S., Abb., geb., 59,- € / 66,50 €).

          Die Heranziehung von Manuskripten und Vorstufen für den Kommentarteil hatte Simon seinerzeit weitgehend abgelehnt. Mittlerweile werden sie nach seinem Willen in der Pariser Bibliothèque littéraire Jacques-Doucet aufbewahrt, und der Herausgeber Alastair Duncan konnte - wenn auch überraschenderweise mit Ausnahmen - auf sie zurückgreifen. Seine schnörkellosen Einführungen in den Band und einzelne Werke enthalten viele erhellende Hinweise auf Genese und Komposition der Texte wie auch zu den in ihnen verwendeten Materialien. Auszüge aus Vorstufen, Notizen und Briefen Simons findet man mittlerweile auch in Mireille Calle-Grubers erstem biographischem Versuch (“Claude Simon“. Une vie à écrire. Éditions du Seuil, Paris 2011. 461 S., Abb., geb., 25,40 €).

          An Orten Claude Simons

          Das Jahr des hundertsten Geburtstags von Claude Simon hat damit seinen ersten Höhepunkt bereits erreicht. Bücher werden noch folgen, darunter die deutsche Ausgabe von „Archipel“ und „Nord“, zwei zu Lebzeiten Simons nur in Zeitschriften publizierte Texte, aber auch ein „Dictionnaire Claude Simon“ (Honoré Champion). Veranstaltungen zu seinem Werk und dessen Übersetzungen werden nicht nur in Paris stattfinden, sondern auch an den Orten der von Simon aufgerufenen Familiengeschichte: In Arbois im Jura, in dessen Nähe der gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs gefallene Vater und dessen Schwestern in bäuerlichen Verhältnissen aufwuchsen, oder in Saint-Michel-de-Vax im Tarn, auf dem zum Großteil verfallenen Schloss, in dem der Vorfahre mütterlicherseits starb, von dessen Leben in einem Register der „Géorgiques“ erzählt wird, der „Königsmörder“, Konventsabgeordnete und General Jean-Pierre Lacombe Saint-Michel.

          Was vom Anwesen des Vorfahren blieb: Das Schloss in Saint-Michel-de-Vax.
          Was vom Anwesen des Vorfahren blieb: Das Schloss in Saint-Michel-de-Vax. : Bild: associationclaudesimon.org

          Eine kleine Ausstellung im Pariser Centre Georges Pompidou ist für Anfang Oktober ebenfalls angekündigt. Und mit etwas Glück wird sogar eine in Köln zu sehen sein, mit Manuskripten, Beispielen von Simons eindrucksvollen Kompositionsplänen zu seinen Büchern und nicht zuletzt Bildern des passionierten Fotografen Simon. Sie wäre auch ein schönes Zeichen der Erinnerung an die sehr früh einsetzende und mit den Namen exzellenter Übersetzer - von Elmar und Erika Tophoven über Helmut Scheffel bis Eva Moldenhauer - verknüpfte Geschichte der Rezeption Claude Simons in Deutschland.

          Quelle: F.A.Z.

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