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Casanovas Memoiren : Erbauet euch an diesem Textkörper!

„Mein Leben ist mein Stoff, mein Stoff ist mein Leben”: die erste Seite von Casanovas Memoiren Bild: AFP

Frankreich macht seinem Ruf als Land der Kultur alle Ehre. Nach langen und diskreten Verhandlungen hat Kulturminister Frédéric Mitterrand Giacomo Casanovas „Geschichte meines Lebens“ gekauft. Das Orginalmanuskript ist nun die teuerste Handschrift auf Erden.

          Ein unvergleichlicher Schatz ruhte seit 1945 in einem Tresor der Deutschen Bank in Wiesbaden: die vollständige Handschrift von Giacomo Casanovas autobiographischen Aufzeichnungen „Histoire de ma vie“, der „Geschichte meines Lebens“. Eintausendachthundert großformatige Doppelseiten, verfasst in französischer Sprache, die Rechenschaft dieses Mannes, der, so viel ist bestimmt wahr, die Frauen liebte wie kein anderer. Seine Geschichte hätte von der Geburt „jusque à l'an 1797“ reichen sollen, sie bricht 1774 ab; sein Tod hat die Vollendung verhindert. Künftig wird dieses Kleinod europäischer Kulturgeschichte seinen Ort in Paris haben, in Frankreichs Heiligtum des Geistes, in der Bibliothèque nationale: Der Kultusminister Frédéric Mitterrand persönlich hat den Kaufvertrag unterzeichnet und mit angemessener Feierlichkeit bekanntgegeben, dass der französische Staat Casanovas Lebensbericht erworben hat, direkt von der Familie, die ihn seit bald zweihundert Jahren besaß, von der deutschen Familie Brockhaus nämlich.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wie das alles kam: Dem alten, müde gewordenen Casanova gab 1785 der Graf Waldstein auf seinem Schloss Dux in Böhmen das Gnadenbrot als Bibliothekar. Casanova - geboren in Venedig am 2. April 1725 als Sohn einer Komödiantin; sein Vater war wohl der Schauspieler Gaetano Casanova - nutzt seine letzten Jahre, um seine phänomenale Karriere Revue passieren zu lassen. Er schreibt seit 1790 seine Memoiren, vielleicht hat er schon im Revolutionsjahr zuvor damit begonnen. Es heißt, er habe seine Erinnerungen noch ins Feuer werfen wollen; darüber starb er am 4. Juni 1798. Die Blätter, an denen niemand Interesse hatte, blieben in seiner weiteren Familie.

          Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sah sich diese verarmt und zum Verkauf gezwungen; ein Nachkomme Casanovas, ein gewisser Carlo Angolini, bot sie dem Verleger Friedrich Arnold Brockhaus an; er kaufte das Konvolut im Jahr 1821, vielleicht für zweihundert Taler. Seine Autoren- und Dichterfreunde bestärkten ihn darin: „Der Mensch ist ganz verrucht, aber sein Leben und die Art, es darzustellen, höchst anziehend“, soll Ludwig Tieck kommentiert haben. Es begannen die von der Zensur beförderten, verballhornten Editionen - die Casanovas Berichte allererst schlüpfrig machten - und Extraktionen. Es dauerte bis 1960, dass eine erste deutsche Ausgabe in zwölf Bänden nach der Originalschrift des Libertins erschien, genannt die „integrale Edition“.

          Zeitgenössische Schrift über eine Legende zu Lebzeiten
          Zeitgenössische Schrift über eine Legende zu Lebzeiten : Bild: dpa

          Dieser Schatz soll nicht zerstückelt werden

          Unterdessen blieb die Urschrift über Generationen verwahrt bei der Verlegerfamilie. Den englischen Luftangriff auf Leipzig 1943 überstand sie in einem Tiefbunker. Und als Hans Brockhaus mit seiner Familie und einiger Habe im Juni 1945 Leipzig verlassen konnte, nahm er die Handschrift mit zum neuen Wohnsitz nach Wiesbaden. Untrennbar mit dem Namen Brockhaus ist die Enzyklopädie verknüpft, einst das Flaggschiff am bürgerlichen Bildungshorizont. Doch das Geschäft mit den Lexika schwand; vor etwas mehr als einem Jahr übernahm die Rechte an der „Marke“ Brockhaus die zum Bertelsmann-Konzern gehörige Wissensmedia GmbH in Gütersloh. Schon zuvor hatte die Familie das Casanova-Konvolut verkaufen wollen, nicht coram publico und vor allem nicht in Hände, die den Schatz gewinnträchtig zerstückeln würden.

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