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Thomas Manns Villa : Ein ehrenwertes Haus

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Ein Heim zwischen all dem „Movie-Gesindel“: Thomas Manns Exilvilla soll bald der Bundesregierung gehören. Bild: Picture-Alliance

Die Bundesregierung will Thomas Manns Villa am Pazifik kaufen. Es wäre die Rettung eines zentralen Orts der deutschen Kulturgeschichte.

          „Goethe in Hollywood“, lautet der Titel eines großen Porträts von Thomas Mann, das im Dezember 1941 in der Zeitschrift „The New Yorker“ erscheint. Anerkennung und Ironie halten sich die Waage in dem Artikel der Journalistin Janet Flanner über den deutschen Literaturnobelpreisträger. Er habe im amerikanischen Exil erfolgreich die Rolle des Repräsentanten eines besseren Deutschlands übernommen, werde von vielen für den weltweit bedeutendsten lebenden Schriftsteller gehalten und sehe dabei aus wie ein geschnitzter Spazierstock.

          Kurz zuvor war Thomas Mann mit Familie von der Ost- an die Westküste gezogen. Die Gelehrtenatmosphäre in Princeton, wo er als Gastprofessor gut bezahlt und wenig gefordert worden war, behagte ihm nicht. Es zog ihn nach Los Angeles in die „toscanische“ Landschaft zu all den anderen deutschen Emigranten und zum „Movie-Gesindel“, wie er es nannte. Ein Grundstück im Vorort Pacific Palisades in den Hügeln der Bucht von Santa Monica hatte er bereits erworben; doch nun, in einem gemieteten Haus nur wenige Straßen entfernt, kamen Bedenken, ob es klug wäre, sich mitten im Krieg zu verschulden und in der Exilheimat ein großes Haus zu bauen.

          Verliebtheit ist ein hinreichender Grund

          Gestern hat Außenminister Steinmeier im Bundestag angekündigt, die Regierung wolle das zum Verkauf stehende Anwesen erwerben – nach einer langen Diskussion, während dem Haus der Abriss drohte. Es wäre die Rettung eines zentralen Ortes der deutschen Literaturgeschichte.

          „Warum nehmt Ihr die Sache mit dem Haus so ernsthaft?“, fragt der Sohn Golo Mann in einem Brief im Mai 1941. „Ihr habt lang genug in Mietshäusern gewohnt, könnt es auch wohl noch eine Weile länger so treiben (...).“ Besonders problematisch sei das alles doch nicht. „Agnes könnte dem Dilemma spontan die Zähne nehmen; denkt aber freilich nicht daran.“ Die reiche amerikanische Freundin Agnes E. Meyer, die Thomas Mann großzügig in seinem Exil unterstützte, war es auch, die seine Gastprofessur in Princeton bezahlt hatte. In der Familie Mann gehen vor allem Klaus und Erika Mann davon aus, dass „die Meyer“ nicht nur in den Autor, sondern auch in die Person Thomas Mann verliebt ist – ein hinreichender Grund für massive Forderungen an ihre Adresse, finden sie.

          Der vampyrische Charakter der Kinder

          Klaus Mann hat gerade gegen alle Warnungen die Kulturzeitschrift „Decision“ gegründet und kämpft Heft um Heft gegen den Konkurs an. „Starker Vater, schöne Mutter“ setzt im Juni 1941 ein Brief an, in dem er seinen Eltern, nach zahlreichen Geldforderungen zuvor, ein Betrugsmanöver beichten muss. Er habe die Schwester Erika überredet, einen Brief an Agnes E. Meyer zu schreiben, in dem sie um 15.000 Dollar gebeten habe, damit sich Thomas Mann das so sehnlich gewünschte Haus am Pazifik bauen könne. Der Vater wisse nichts von diesem Brief und dürfe es auch nicht erfahren. Agnes Meyer solle Thomas Mann zum „Bau des Hauses verhelfen, ohne durch Fragen und Ratschläge Pa’s Stolz zu verletzen.“ Das Haus ist für Klaus Mann nur Nebenzweck. Es geht darum, dass er einen Anteil an der Beute abhaben will. „Unsere Berechnung war“, schreibt er den Eltern weiter, „dass ihr Euch mit 12.000 Dollars etwas Reizendes bauen könntet, und mit 3000 wäre Decision zu retten.“

          Hier schließt er seine „Joseph“-Tetralogie ab, die er in Deutschland begonnen hatte, schreibt hier den „Doktor Faustus“: Am Schreibtisch in Kalifornien.
          Hier schließt er seine „Joseph“-Tetralogie ab, die er in Deutschland begonnen hatte, schreibt hier den „Doktor Faustus“: Am Schreibtisch in Kalifornien. : Bild: KEYSTONE Schweiz

          Doch Agnes Meyer lässt sich nicht darauf ein, argumentiert gegen den Hausbau in der aktuellen Situation und dürfte auch die wahren Motive von Erika Manns Brief durchschaut haben – später schreibt sie einmal vom „vampyrischen“ Charakter der ältesten Kinder. In seinem Brief an die Eltern steigert sich Klaus Mann dennoch immer weiter in die Sache mit dem „Meyergeld“ hinein, das dem Vater zwar nicht jetzt, aber später einmal sicher sei. Auf diese Aussicht hin sollen ihm die Eltern sofort 1500 Dollar zuschicken, damit er seine Zeitschrift retten könne. „Und jetzt habe ich keine ruhige Minute, bis ich entweder den Scheck und euren Segen oder mindestens euren Segen ohne Scheck habe. Scheck ohne Segen wird nicht angenommen.“ Thomas Mann ärgert sich über die „Finanz-Intrigue“ seiner Kinder. Den Scheck schickt er dem Sohn aber trotzdem. Es hilft nichts, wenige Monate später muss Klaus Mann seine Zeitschrift einstellen und hinterlässt Schulden und wütende Gläubiger, vor denen er in den Armeedienst flüchtet.

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