http://www.faz.net/-gr0-8yz6p

Büchnerpreis für Jan Wagner : Der Variationenvirtuose

Seine Gedichte lassen „Augenblicke entstehen, in denen sich die Welt zeigt, als sähe man sie zum ersten Mal“, findet die Darmstädter Jury: Der Lyriker Jan Wagner erhält den Büchnerpreis. Bild: dpa

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung setzt mit der Auszeichnung für den in Berlin lebenden Lyriker Jan Wagner wieder ein markantes Qualitätszeichen.

          Man kann den Georg-Büchner-Preis, die renommierteste Literaturauszeichnung, die in Deutschland vergeben wird, gar nicht zu früh bekommen – siehe Hans Magnus Enzensberger 1963, Peter Handke 1973 oder Durs Grünbein 1995, alle zum Zeitpunkt ihrer Ehrung noch Anfang dreißig. Der Preis kann solche Wagnisse – die ja jeweils schon durch gewichtige Werke begründet waren – leicht vertragen, und einer Karriere schadet diese hohe Ehrung nicht, wie die drei Beispiele beweisen. Es sind die bislang jüngsten Preisträger, aber ihre Ehrungen mittlerweile auch lange her. Immerhin ist nun mit Jan Wagner ein Schriftsteller geehrt worden, der noch in seinen Mittvierzigern ist. Der 1971 in Hamburg geborene Lyriker ist der jüngste Büchnerpreisträger seit 1999, als Arnold Stadler die Auszeichnung im Alter von 45 Jahren erhielt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wagners Rang als Dichter steht ebenso außer Frage wie der des Essayisten. Erst in diesem Frühjahr ist diese zweite Qualität mit „Der verschlossene Raum“, einem in feinem Understatement als „beiläufige Prosa“ eingeordneten Sammelband, wieder deutlich sichtbar geworden. Doch noch dringender warten wir auf einen neuen Gedichtband. Seine „Regentonnenvariationen“, für die Wagner 2015 als erster Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, liegen bereits drei Jahre zurück.

          Zum ersten Mal überhaupt

          Der Debütband „Probebohrung im Himmel“ erschien 2001, damals noch im Berlin Verlag, für den Elisabeth Ruge den Dichter entdeckt hatte; mit seiner Verlegerin wechselte er 2011 zum Hanser Berlin Verlag – ein Jahr nach „Australien“, dem Gedichteband, der Wagner in alle Munde gebracht hatte. Er versteht es meisterhaft, anschaulich zu dichten, in einer allgemein zugängliche Sprache, die aber auf einer vollendeten Kenntnis der lyrischen Formen beruht. Kaum ein klassisches Reimschema, das Wagner nicht schon benutzt, bisweilen auch kreativ variiert hätte. Seine besondere Sympathie gilt dem Sonett. Etliche seiner Gedichte sind in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erstabgedruckt worden.

          Mit Wagner als Büchnerpreisträger wird von der Akademie für Sprache und Dichtung nach fünf Jahren auch wieder einmal ein Schriftsteller ausgezeichnet, der nicht bei Suhrkamp verlegt wird – nach Sibylle Lewitscharoff, Jürgen Becker, Rainald Goetz und zuletzt Marcel Beyer. Und zum ersten Mal überhaupt wiederholt sich binnen eines Jahres die Wahl eines Lyrikers, denn wenn auch Marcel Beyer vor allem durch seine Romane bekannt ist, so hat er mit Gedichten begonnen und sie zum eigentlichen Zentrum seines Werks gemacht. Bei Jan Wagner ist ohnehin das ganze Werk lyrisch, auch den Essays merkt man das Rhythmusgefühl und die Sprachschöpfungskraft ihres Verfassers an. Auf seine Preisrede am 28. Oktober in Darmstadt darf man sich freuen.

          marder

          so schlank, daß du mit hineinschlüpfst in den schlag,
          die dunkle, muffige höhle, nach sachlage

          eindringling, räuber, marder
          inmitten all der sanften märtyrer,

          der gurrenden boten; taube um taube entkorkend
          und saufend, ein gargantua,

          derweil es ringsum flattert, flattert,
          derweil es ringsum flattert

          und flattert, mit befleckt-
          em latz, bis alles still ist und perfekt;

          zu fett von blut und nachrichten und welt,
          um entweichen zu können durchs loch, einen spalt,

          dazu verdammt, zurückzulehnen
          ins eigene werk, mit satter miene

          und schuldlos schlummernd wie ein kannibale,
          bis man die decke hebt; und dort, mit knüppel

          und mistgabel, dreschflegel,
          sense, spaten, axt und pechfackel,

          dort steht es, mit flinte und rassehund:
          das publikum, außer sich, rasend.

          (Jan Wagner)

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          FAZ.NET-Wahlanalyse : Merkel und die Koalition der Zufriedenen

          Der Einzug der AfD in den Bundestag wurde nicht nur durch ihr gutes Abschneiden in Ostdeutschland möglich. Wer sind die Unterstützer der Rechtspopulisten? Und warum war die AfD in Bayern so erfolgreich? Die Wahlanalyse.

          Die Wahl im Liveblog : Beifall und Blumen für Merkel

          Existenzrecht Israels: Gauland zweifelt an deutscher Staatsräson +++ Seehofer stellt Bündnis aus CDU und CSU zur Debatte +++ FDP und Grüne planen Mitgliederentscheid zur Jamaika-Koalition +++ Aktuelle Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.