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Büchner-Preis für F. C. Delius : Kein Jubel, keine Buhrufe

  • -Aktualisiert am

Römisches Ebenmaß und Berliner Bodenständigkeit: Friedrich Christian Delius Bild: Marcus Kaufhold

Friedrich Christian Delius erhält den Büchner-Preis, die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung. Begeisterung will dabei nicht aufkommen. Erweist die Darmstädter Akademie sich und uns einen Gefallen mit ihrer Entscheidung?

          Als wichtigster deutscher Literaturpreis besitze der Büchner-Preis den Charakter einer amtlichen Feststellung: So war es jetzt aus berufenem Munde bei der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Stockholm (siehe Deutsche Akademie in Stockholm: Schweden schweigen gerne) zu vernehmen. Mit anderen Worten: Wer den Büchner-Preis bekommt, ist nicht nur gut, sondern eminent. Das wiederum verträgt angeblich nicht jeder: Jedenfalls war auch die Rede vom Pharaonenfluch, den die Auszeichnung für jene bedeuten könne, die den Preis in jungen Jahren erhalten.

          Schauen wir uns die Liste der Preisträger also genauer an. Peter Handke war 31 Jahre alt, als er den Büchner-Preis bekam, Hans Magnus Enzensberger 34, Günter Grass 36, Ingeborg Bachmann 37, Thomas Bernhard 39 und Botho Strauß 45: alles keine Kandidaten für einen Bannfluch. In den Glanzzeiten des Preises, also in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, da vor allem jene aus der Gruppe 47 gekürt wurden, die sich als prägend für die deutsche Literatur erweisen sollten, war kaum einer der Geehrten auch nur annähernd so arriviert, wie es heute die Regel ist. Noch Christa Wolf war, als sie 1980 geehrt wurde, gerade fünfzig, im selben Alter wie Heinrich Böll, als er 1967 ausgezeichnet wurde. Für Martin Walser kam der Preis 1981 mit 54 Jahren sogar relativ spät.

          Eine gewisse Ratlosigkeit

          Es erstaunt, dass mit Gustav Seibt ein maßgebliches Mitglied jenes Gremiums, das ihn vergibt, den Preis als eine „Wette auf langfristige Wirkung“ und einen „Vorgriff auf künftige Kanonisierung“ definiert. Denn wenn die Auszeichnung eines kaum mehr ist, dann eine Wette, zu der eben auch das Risiko des Irrtums gehört. Nach dem weithin respektierten, wenngleich wenig gelesenen Außenseiter Reinhard Jirgl im vergangenen Jahr geht die Prämie nun mit Friedrich Christian Delius – Mitglied der Gruppe 47 zweiter Reihe – an einen dem Publikum bekannteren Namen des literarischen Establishments.

          Delius sei „ein kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter“, heißt es zur Begründung, der in seinen Romanen und Erzählungen „die Geschichte der deutschen Bewusstseinslage“ erzählt habe und in „politisch hellwachen, ideologieresistenten und menschenfreundlichen Texten die historische Tiefendimension der Gegenwart auslote“. Das ist alles wahr. Und trotzdem verströmt die Wahl der Akademie im symbolträchtigen sechzigsten Jahr ihrer Ehrung – das Jubiläum ist verbunden mit einer Preisgelderhöhung auf das Breitbach-Niveau von 50.000 Euro – gerade in ihrer Konsensfähigkeit eine gewisse Ratlosigkeit und, noch schlimmer, literarische Abgeklärtheit. Eine so einleuchtende Überraschung wie die Wahl des damals dreiunddreißigjährigen Durs Grünbein liegt schon wieder sechzehn Jahre zurück.

          Vom Preis zur Personalie

          Kein Zweifel: Friedrich Christian Delius, dieser an römischem Ebenmaß und Berliner Bodenständigkeit orientierte Erzähler, ist ein feiner, wetterfühliger Autor, ein intelligenter, subtiler Beobachter und ein beachtlicher, wenngleich kaum beachteter Lyriker. Seine besten Bücher entstehen, wenn er aus der Fülle seiner zeitgeschichtlichen Reflexions- und Einfühlungsgabe schöpft, wie in der Erzählung „Bildnis der Mutter als junge Frau“ (2006, siehe Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau), die in einem einzigen Satz eine einzige Stunde heraufbeschwört, in der eine schwangere Frau 1943, dem Geburtsjahr des Autors, den Weg durch Rom vom Diakonissenheim zur evangelischen Kirche zurücklegt. Überhaupt ist der Pfarrerssohn Delius jemand, der immer lieber ein Komma als einen Punkt, geschweige denn ein Ausrufezeichen setzt. Von dieser programmatischen Offenheit zeugen vor allem seine Erzählungen wie „Die Birnen von Ribbeck“, „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ oder „Der Spaziergang von Rostock nach Syracuse“, während an seinen dokumentarliterarischen Aufbereitungen der Achtundsechziger und des Deutschen Herbsts („Ein Held der inneren Sicherheit“; „Mogadischu Fensterplatz“) heute vor allem das Zeitkolorit ins Auge sticht.

          Vielleicht hat es mit der werkimmanenten Zurückhaltung dieses Schriftstellers zu tun, dass keine rechte Begeisterung über die Ehrung aufkommen will, mit welcher die Akademie nun eines ihrer langjährigen Mitglieder bedenkt. Fünf Jahre, von 2003 bis 2008, gehörte Delius übrigens selbst zu jenem inner circle, der über die Vergabe entscheidet. Ihm aber jetzt als Preisträger die Einfallslosigkeit der Akademie zur Last zu legen wäre ungerecht. Seine Wahl ist eine vernünftige, achtbare, aber etwas flaue Entscheidung. Die Akademie ist auf gutem Weg, ihre höchste Auszeichnung von einem Preis zu einer Personalie zu machen.

          Quelle: F.A.Z.

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