http://www.faz.net/-gr0-80g6g

Reich-Ranicki und Rühmkorf : Ihr Brief ist eine Unverschämtheit

  • Aktualisiert am

Peter Rühmkorf raucht ein Friedenspfeifchen zum Achtzigsten von Marcel-Reich-Ranicki. Aus dem in Kürze bei Wallstein erscheinenden Band „Marcel Reich-Ranicki - Peter Rühmkorf: Der Briefwechsel“. Bild: Peter Rühmkorf

Offen, streitbar, produktiv: Über mehr als drei Jahrzehnte erstreckt sich der Briefwechsel von Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf. Doch mitunter kam es zum Zwist zwischen Dichter und Kritiker. Ein Vorabdruck.

          In diesem Ausschnitt des Briefwechsels zwischen Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf entzündet sich der Streit an einem Gedicht von Arno Schmidt, das Rühmkorf für die „Frankfurter Anthologie“ besprechen möchte. Aber Reich-Ranicki lehnt ab.

          Frankfurt am Main, 25. Mai 1983

          Mein lieber Herr Rühmkorf,

          mit Ihnen hat man doch immer Kummer. Das Manuskript über Arno Schmidt muss ich Ihnen mit größtem Bedauern zurückschicken. Herr Gott, nun arbeiten wir schon so lange zusammen, und die „Frankfurter Anthologie“ gibt es schon seit neun Jahren. Wissen Sie denn nicht, was ich Ihnen mehrfach in Briefen mitgeteilt habe und was auch mehrfach in den Nachbemerkungen zu den Bänden dieser Anthologie zu lesen war: dass nämlich die Gedichte höchstens 30 und in Ausnahmefällen bis zu 36 Verse umfassen dürfen und unter keinen Umständen mehr? Sagen Sie bitte nicht, wir sollten nun für Sie oder für Arno Schmidt eine Ausnahme machen. Solche Bitten habe ich im Laufe von neun Jahren Dutzenden von ehrenwerten und hervorragenden Mitarbeitern abschlagen müssen. Hier sind Ausnahmen nicht möglich, das ist nun wirklich ganz und gar ausgeschlossen. Ich hatte keine Ahnung, dass das Gedicht von Arno Schmidt so furchtbar lang ist.

          Marcel Reich-Ranicki
          Marcel Reich-Ranicki : Bild: Isolde Ohlbaum/laif

          Was nun Ihren Vorschlag eines Artikels mit einer Theorie des Märchens betrifft, so ist die Sache für mich noch nicht ganz klar. Wer schreibt denn eigentlich heutzutage Märchen? Auf welche Beispiele werden Sie verweisen? Nur auf Rühmkorf? Um ganz offen zu sein: Soll der geplante Artikel zur Verbreitung Ihrer Märchen beitragen? Und wie lang sollte er etwa sein?

          Lassen Sie wieder von sich hören, und seien Sie herzlichst gegrüßt von

          Ihrem Marcel Reich

          ***

          Hamburg, den. 26. Mai 83

          Lieber Herr Ranicki,

          keine Angst, ich beschwere mich nicht, schäume nicht, ereifre mich nicht, ich erinnere nur kurz an unser harmonisches Telefonat vom 22. 4., als Sie das „Steinerne Herz“ (,Moment, Moment, das haben wir gleich‘) hörbar aus ihrem Regal hervorzogen und die Zeilen zu zählen begannen: ,1, 2, 3, 4, 5,6, 7 . . . Ja, Arno Schmidt, das ist mal etwas besonderes - 16, 17, 18 - etc. - das fällt aus dem Rahmen, und den haben wir noch nicht gehabt . . .‘ Nun, wie gesagt, und da ist er denn ja plumswirklich aus dem Rahmen gefallen.

          Dies nur noch mal zur Erinnerung, weil ich Ihnen mitnichten eine Katze im Sack ins Haus geliefert habe. Und ich hab meinen Beitrag - nach langen, mühsamen Dechiffrierdebatten in Marbacher Spezialistenkreisen und, nachfolgend hier, unter Arnologen und Syndikalisten - sogar noch hübsch persönlich gehalten und das subjektive Engagement leuchten lassen. Was kann man eigentlich noch mehr tun, um der Aufgabenstellung zu genügen und dem Auftraggeber entgegenzukommen? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich gewiss, lieber Herr Ranicki, nicht in der Länge liegt hier die Enge, sondern in der merklich geschrumpften Brust der FAZ - die hat nicht mehr die schöne pluralistische Breite von Anno 76 - 80.

          Peter Rühmkorf
          Peter Rühmkorf : Bild: SZ Photo

          Machen wir uns nichts vor und fassen Ihre Schwierigkeiten ins Auge. Der Wind, wir wissen es, hat sich gedreht, der Trend sich gewendet, und die geliebt-gelobten Fuffziger sind (wo auch nicht als Schwung der Räder, Vormarsch der Förderbänder) so doch als ideologischer Stickmief richtig hübsch wieder real geworden. Da bilden sich denn so kleine Modellfälle wie der unsere quasi unter der Hand. Da kommt es bei offensichtlichen Geringfügigkeiten plötzlich zum Spruch. Und wie sollte es nicht, liegen doch die alten Blöker und Blockierer immer noch auf der Lauer und läuten - genau wie Anno Dunnemals - mit Wilhelm Lehmann einen neuen Sonntag ein: wie soll sich in solchen Regelkreisen denn noch geistiges Leben entfalten. Um es zum Schluss zu bringen. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die ihren Mangel an Anklang mit politischen Schwierigkeiten begründen. Ich sage nur, was ich sehe - „und die Regenmaschine tippt’s denunzierend mit“ - mehr nicht, nicht mehr, und wenn wir mal gestorben sind, dann geistern wenigstens noch ein paar Briefelfen über Land.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AfD im Bundestag : Die fremde Fraktion

          Mit der AfD-Fraktion zieht keine Truppe „Nazis“ in den Bundestag ein, und sie besteht auch nicht nur aus den Dumpfbacken, zu denen sie gemacht werden. Vielleicht verfahren CDU und CSU mit ihrem Schmuddelkind eines Tages ähnlich wie die SPD mit ihrem, der Linkspartei. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.