Home
http://www.faz.net/-gr2-13zhg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Boxer und Dichter So schlägt man sich in der Nacht auf die Ohren

24.10.2009 ·  Wie vor ihm Ernest Hemingway und Bertolt Brecht zieht es den Schriftsteller Wolf Wondratschek immer wieder an den Boxring zurück. Beim Duell von Arthur Abraham gegen Jermain Taylor erlebt der Dichter seinen ersten Kampf seit zehn Jahren. Er sieht das Urtier des Boxens und vermisst die Poesie.

Von Arne Leyenberg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wie schläft der Champion in der Nacht vor seinem größten Kampf? Liegt er wach, träumt er, schläft er durch? Der Dichter jedenfalls schläft schlecht. Er muss ständig an den Champion denken. Wolf Wondratschek schlägt sich in Wien die Nacht um die Ohren. Er fragt sich, was jetzt wohl Arthur Abraham in Berlin macht. Ein Boxer kann es sich gar nicht erlauben, vor einem großen Kampf schlecht zu schlafen, ist er überzeugt. Also muss auch er noch ein paar Stunden ruhen. Dann steigt er ins Flugzeug nach Berlin, um zwei Künstlern die Ehre zu erweisen. Den Faustkämpfern Abraham und Jermain Taylor. Jungen von der Straße, die es geschafft haben, die sich aus der Armut nach ganz oben durchgeboxt haben, zu Ruhm und Millionen.

Aber es geht ihm nicht nur um den Kampf. Wondratschek will wieder eintauchen in die Welt am Ring, in das Milieu der Fäuste. Zehn Jahre war er nicht mehr beim Boxen, diesem Sport, der für ihn weit mehr ist als ein bloßes Kräftemessen zweier austrainierter Athleten. Zehn Jahre hat er sie nicht gesehen: die Fighter, die Manager und Promoter, die Milieugrößen, die Aufschneider und Lebemänner, die ehrlichen Arbeiter. Es wird die Rückkehr zu einer alten Liebe.

„Es geht um den Unterschied zwischen Liegen und Stehen.“

„Jersey Joe Walcott“, sagt Wondratschek, „das war die Initialzündung“. Im Alter von sechs Jahren saß er 1950 auf dem zugeklappten Deckel des Klaviers im Elternhaus und lauschte dem Radio. Der Amerikaner Walcott besiegte in Mannheim den Deutschen Hein ten Hoff. „Damals ging der Virus in mich rein. Ich hatte ein Gefühl von Intensität, als ginge es um Leben und Tod. Meine drei Brüder haben das nicht verstanden.“ Für Wondratschek ist die Welt unterteilt: in diejenigen, die Boxen verstehen, und die, die es nicht verstehen. „Es geht um den Unterschied zwischen Liegen und Stehen. Das ist die Ikonographie des Boxens.“ Man kann niemanden vom Boxen überzeugen. Diesen Kampf nimmt er gar nicht erst auf.

In Wien, wo er keinen Fernseher hat, fehlt ihm ein Platz, an dem er die großen Duelle sehen kann. In einem Café saß er manchmal nachts noch vor der Leinwand, auf der die Kämpfe flimmerten, wenn die Fußballfans schon lange weg waren und der Kellner, der Boxen verstand, bereits die Stühle hochklappte. In einer alten Pension reservierte ihm der Nachtportier, ein Geigenstudent vom Konservatorium, manches Mal ein Zimmer mit Fernseher, wenn das Haus nicht ausgebucht war. Und am Gürtel liefen die Kämpfe immer in der Kneipe „Knockout“. Der Wirt Edip Sekowitsch war einst selbst Europameister im Halbmittelgewicht. „Ein Boxer, der gerade genug zusammenbekommen hat, um eine Bar aufzumachen. Ein Genrebild“, sagt Wondratschek. Im August vergangenen Jahres wurde Sekowitsch vor seiner Kneipe erstochen.

Maler, Schauspieler, Schriftsteller, Zuhälter, Huren

Wolf Wondratschek ballt die Faust. Er zuckt nach links, dann nach rechts. Er boxt mit. „Ich liebe solche Gesichter“, sagt er. Dem Belgier Michael Recloux sieht man jeden Schlag an, den er im Laufe seiner Karriere kassiert hat. Sein Gegner, der Deutsche Dominik Britsch, sieht dagegen so makellos aus wie ein Filmschauspieler. „Das falsche Gesicht gewinnt“, ahnt Wondratschek schon nach wenigen Minuten. Obwohl die Halle im Osten Berlins fast menschenleer ist und es noch mehr als vier Stunden dauert, bis Abraham und Taylor in den Ring steigen, kämpft Recloux bis zum Umfallen, kämpft um sein Leben. „Bravo, Junge“, ruft Wondratschek. Alle drei Minuten stöckelt eine dralle Blondine durch den Ring, sie hält ein Schild hoch, auf der sie die kommende Runde ankündigt. Ein paar Männer johlen, die Blondine lächelt. „Schön, wenn es den Mädchen gefällt, dass die Männer pfeifen“, sagt Wondratschek, „das hat noch etwas von Showbusiness, von Vorstadt.“ Recloux ist bis zum Schluss auf den Beinen geblieben, er hat sich dem Knockout verweigert. Sein Gesicht wird es ihm nicht danken. „Man sieht ihm an, was es kostet, diesen Beruf auszuüben. Das hat man bei Warhol gesehen und bei Fassbinder.“ Der boxende Warhol aus Belgien hat klar nach Punkten verloren. Wondratschek geht vor die Halle, um zu rauchen.

„Die freuen sich alle, dass ich noch lebe“, sagt Wondratschek. Weggefährten von einst kreuzen seinen Weg, man begrüßt sich mit Umarmung. „Früher hatte er etwas Flamboyantes, etwas Operettenhaftes“, sagt er nach dem Wiedersehen mit einer ehemaligen Rotlichtgröße. „Aber jetzt ist die Musik aus.“ Früher saßen sie alle nebeneinander am Ring: Maler, Schauspieler, Schriftsteller, Zuhälter, Huren. Bertolt Brecht suchte die Nähe zu den Boxern, Max Schmeling zu den Künstlern. Als Bubi Scholz 1962 in Berlin um die Weltmeisterschaft boxte, saßen Curd Jürgens und Maria Schell am Ring, bei Karl Mildenbergers WM-Kampf gegen Muhammad Ali vier Jahre später in Frankfurt Jean-Paul Belmondo und Ursula Andress. Dann verschwand der Boxsport in der Szene. Zweiter deutscher Boxweltmeister nach Schmeling wurde der Quartalssäufer Eckhard Dagge, geboxt wurde in Lübeck, am Ring saß der Dichter neben der Hure, Wondratschek neben Domenica. Mitte der neunziger Jahre war es noch einmal so weit: Alle paar Monate ein gesellschaftliches Ereignis, wenn Henry Maske boxte, der Gentleman, der das Faustfechten wieder salonfähig machte. Zum Ring kamen Jörg Immendorf, Markus Lüpertz, Marius Müller-Westernhagen, Udo Lindenberg – und Wolf Wondratschek. „Das war eine schöne Zeit“, sagt der Dichter, seine Augen leuchten „auf einmal aber sind alle weggeblieben. Mich eingeschlossen.“

Endlich Schmeling

Maske hatte für Wondratschek wenig von einem Boxer, Norbert Grupe dafür viel von einem Poeten. Mit dem blonden Rebellen, der als „Prinz Wilhelm von Homburg“ in den Ring stieg, war der Dichter befreundet. „Der war milieuimprägniert.“ 1962, als Wondratschek in Karlsruhe sein Abitur machte, tingelte Grupe zusammen mit seinem Vater als deutsches Catcher-Duo durch Oklahoma. Die beiden verband die Liebe zu St. Pauli, wo der Dichter in der Kneipe „Zur Ritze“ trank, während im Keller die Boxer auf die Sandsäcke eindroschen, und es verband sie die Liebe zu Amerika. Dort lebte Grupe bis zu seinem Tode, dort trieb sich Wondratschek in den Boxgyms herum.

In Wondratscheks Buch „Im Dickicht der Fäuste“ sind sie alle versammelt, seine Stories und Gedichte zum Boxen. „Picasso bin ich nie begegnet. Strawinski auch nicht. Aber endlich Schmeling“, schreibt er. Sieben Jahre boxte Wondratschek selbst. Für ihn gilt vielleicht im Umkehrschluss, was der irische Weltmeister Barry McGuigan einst auf die Frage antwortete, warum er Boxer geworden sei: „Weil ich kein Dichter bin. Ich kann keine Geschichten erzählen.“

Die Urgewalt des K. o.

In einem goldenen Ledermantel mit Fellbesatz bahnt sich Arthur Abraham seinen Weg zum Ring. Taylor ist schon bereit, er tigert im Käfig auf und ab, die Ringseile sind die Gitterstäbe. „Es ist grotesk“, schüttelt Wondratschek den Kopf. Er meint die Show um den Boxer, die er wohl nie verstehen wird, nicht den Champion. Denn mit dem kann er sich arrangieren. Abraham ist ein Schläger, kein Schönling, ein Instinktboxer, kein Kopfmensch. Einer, der sogar mit doppelt gebrochenem Kiefer noch weiterboxt. „Abraham ist durch das tiefste Tal der Hölle gegangen. Boxen hat eben immer etwas Furchtbares, das durch keine Kunst oder Technik zu eliminieren ist“, sagt Wondratschek.

Dann ertönt der Gong. Abraham und Taylor belauern sich wie zwei Raubtiere, ein verhaltener Beginn, sie fixieren einander. „Ein großer Boxer kann einen Kampf lesen. Er muss unablässig Informationen dechiffrieren“, sagt Wondratschek. Das erwartet er auch von Abraham. Die Boxer stecken im Infight die Köpfe zusammen. „Die Boxer hören sich atmen. Es ist ein öffentliches Spektakel in der Kostümierung halbnackter Menschen, aber es gibt einen Rest von Intimität. Wir sehen nur die Resultate.“ In Taylors Deckung bietet sich eine Lücke. Abraham verpasst den Moment, Wondratschek nicht. Er haut mit der Faust auf den Tisch. „Es kann doch nicht sein, dass ich nervöser bin als Abraham“, sagt er. In der neunten Runde taumelt Taylor nach einem rechten Volltreffer durch den Ring. Abraham stürmt weiter auf ihn ein. „Es gehört zum Genius eines Boxers, zu merken, welche Wirkung sein Schlag erzielt hat, und dann nachzusetzen“, weiß Wondratschek. Aber noch ist Taylor nicht geschlagen. Bis zur letzten Runde bleibt er auf den Beinen. Bis ihn eine fürchterliche Rechte Abrahams fällt. Wondratschek wird vom Schlag mitgerissen, er springt auf. „Die Urgewalt eines K. o. reißt mich immer noch vom Sitz“, sagt er. „Das ist ein Reflex. Ich würde mir wünschen, dass ich nicht so reagiere. Nach Kämpfen bin ich physisch genauso kaputt wie die Boxer.“ Taylor liegt minutenlang am Boden.

Der Dichter hat Mitleid mit dem gefallenen Helden. „In keiner anderen Sportart ist die Niederlage so eine Demütigung wie beim Boxen.“ Dem Sieger applaudiert er im Stehen. „Abraham hat etwas von der Urform dieses Sports“, sagt er anerkennend. Von den rauhen Kerlen also, die sich einst mit bloßen Fäusten prügelten. „Aber er hat keine Aura, keine Ausstrahlung.“ Der Dichter weiß, woran es liegt: „Es fehlt ihm etwas Poesie.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen