Wieder, nach Joachim Gauck im vergangenen Jahr, ist es ein Freiheitspathetiker, der ans Podium der Frankfurter Paulskirche tritt, und eine gewisse Genugtuung will der Historiker und Publizist Götz Aly auch nicht verbergen, als er den Ludwig-Börne-Preis in Empfang nimmt, der ihn nun, da er ihn in Händen halte, auch ein wenig vor seinen Kritikern schütze werde, von denen es in der etablierten Wissenschaft nicht wenige gibt.
Aly ist Einzelkämpfer und Reizfigur. Mit seinen akribischen Quellenarbeiten und seinen scharfen Thesen hat er einige Gewissheiten der Holocaustforschung ins Wanken gebracht. Nicht jede seiner Thesen ist neu, aber seine Quellenfunde und sein zuspitzendes Temperament beleben, auch wenn ihm die Generalisierung von Teilerklärungen oft Methode ist. Die Geschichtswissenschaft hat ihm die Denkanstöße, die sie ihm verdankt, bis heute nicht mit einem Lehrstuhl gedankt.
Die Abgründe der Normalität
Alys Forschung kreist um die Frage, wie der Mord an sechs Millionen Juden hat geschehen können. Seine Antwort liegt nicht in einer Metaphysik des Bösen, der Beschwörung des Unerklärbarkeit und Einzigartigkeit des Holocaust, sondern im Verweis auf die Abgründe, die in der Normalität liegen, auf die Rationalität und die materiellen Interessen, die hinter der Vernichtungspolitik standen. Es gibt eine alltägliche Begründung des Grauens, lautet seine Prämisse, das macht die Distanzierung schwierig. Von den Großtheorien, die immer auch die Möglichkeit zur Entlastung bieten, schwenkt er auf die einfachen Motive, auf Kleinmut, Vorteilsnahme, Freiheitsangst.
Es scheint, als hätte er diesen Ansatz von Ludwig Börne nur ablesen und ausfalten müssen. In seiner Preisrede verließ Aly sich ganz auf den Namenspatron des Preises, von der er sich seine zentralen Thesen in einigen verblüffenden Analogien bestätigen lassen konnte. Schon der Frankfurter Jude Börne benannte in seinen Schriften Freiheitsangst, geistige Trägheit und Habsucht als Quellen des Antisemitismus, während ihm Juden für Eigensinn, Beweglichkeit, Kosmopolitismus standen.
Antisemitismus als Neidproblem
Alys Zentralmotiv der latenten deutschen Neigung zu Kollektivismus und Egalitarismus, die sich im NS-Staat zum Vernichtungshass auswuchs, findet sich hier vorgebildet. Antisemitismus als der Neid der Deklassierten und Modernisierungsverlierer, die Juden ihre Bildungsüberlegenheit und ihren sozialen Aufstieg neideten, auf diese sozialpsychologische These schnurrte auch Alys letztes Buch „Warum die Deutschen, warum die Juden?“ zusammen.
Wie wurde diese Empfänglichkeit der Deutschen während des Nationalsozialismus zum Vernichtungshass gesteigert? In Alys materialistischem Blick auf die nationalsozialistische Geschichte brauchte man den Hass auf Juden, wenn man mit ihrem Geld den eigenen Lebenskomfort bestreiten wollte. Die Deutschen hätten dem NS-Regime so lange die Treue gehalten, weil so viele nicht auf die materiellen Vorteile verzichten wollten, die er ihnen brachte.
„Hitlers Volksstaat“, sein umstrittenstes und erfolgreichstes Buch, bringt es auf die These, der NS-Staat sei eine Gefälligkeitsdiktatur gewesen, die durch eine Umverteilungspolitik und sozialpolitische Wohltaten vor allem die Loyalität des kleinen Mannes sicherte. In der Defizitpolitik waren die jüdischen Vermögen und die Kriegsbeute der Plünderungszüge durch Europa schon eingerechnet. Aly stellte hier den Typus des Profiteurs ins Rampenlicht, den Kleinbürger, Arbeiter, Angestellten, der aus der Umverteilung des Volksvermögens im NS-Staat seinen Nutzen zog und auf die Pelzmäntel und Lehrstühle der Enteigneten spekulierte.
Mit seiner Betonung der Kontinuität zwischen nationalsozialistischem und bundesdeutschem Wohlfahrtsstaat handelte sich Aly den Vorwurf ein, sich zum Fürsprecher des Sozialabbaus zu machen. Sein Juror und Laudator Jens Jessen rechnete es ihm in der Paulskirche dagegen als sein großes Verdienst an, den in der Bundesrepublik verschütteten sozialistischen Grundzug des NS-Regimes und die Kontinuität zur Nachkriegsgeschichte wieder hervorgeholt zu habe. Und auch gezeigt zu haben, wozu er diente: der Entschuldung des kleinen Mannes.
Leben in einer sozialen Großskulptur
Sehr kurz geriet Jessens distanzierender Hinweis darauf, dass sich diese Sozialpolitiken, wie weit auch immer sie miteinander übereinstimmten, auch friedlich interpretieren ließ. Jens Jessen konstatierte mit Aly nicht nur eine Kontinuität der Eliten, sondern auch eine des Profits zwischen NS-Staat und Bundesrepublik. Keine der verbrecherischen Vorteilsnahmen sei nach dem Krieg zurückgezahlt worden. Es habe keine Stunde Null gegeben und damit auch nicht den unüberbrückbaren Graben, der uns vom Nationalsozialismus trennt.
Auch die von Aly behauptete Wesensverwandtschaft der Achtundsechziger mit ihrer Elterngeneration nahm Jessen in Schutz, ihr missverständliches Selbstbild als progressive Kraft, während ihre Argumente in Wirklichkeit nur der Schuldentlastung durch Verschiebung und Verallgemeinerung gedient hätten. Das Resumee konnte dann nur von erdrückender Wucht sein. „Wir leben in einer sozialen Großskulptur, die Hitler uns hinterlassen hat.“
"Nie wieder Auschwitz! Nie wieder Sozialstaat!“
Reinhardt Gutsche (ReinhardtGutsche)
- 04.06.2012, 22:40 Uhr
Keine Professur, so what?
Hartmut Müller (ahaahaaha)
- 04.06.2012, 19:03 Uhr
Elfenbeinturm
otto sundt (drto)
- 04.06.2012, 16:36 Uhr
Heute ist es Palästinenser-Neid
Christoph Rohde (prediger1)
- 04.06.2012, 11:07 Uhr
Weniger Historiker als Publizist
Erich Jansen (Nonosus)
- 04.06.2012, 10:43 Uhr