04.06.2012 · Götz Aly ist ein streitbarer Historiker und Pathetiker der bürgerlichen Freiheiten. Jetzt hat er in Frankfurt den Ludwig-Börne-Preis empfangen.
Von Thomas ThielRichtlinien für Lesermeinungen
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"Nie wieder Auschwitz! Nie wieder Sozialstaat!“
Alis Leitmotiv ist ein fundamentaler moralisch-doktrinaler Gegensatz zwischen Liberalismus in chemisch reiner Form ohne sozialromantischen Schnickschnack auf der einen Seite und sog. Nationalsozialismus, dem er die gesamte europäische Arbeiterbewegung samt ihrer mühsam durchgesetzten sozialstaatlicher Errungenschaften subsummiert, auf der anderen Seite. Ludwig v. Mises würde sich allerdings im Grabe rumdrehen, denn der geistige Vater des modernen Liberalismus sah bekanntlich gerade im „Faszismus“ das einzige Heil, den Liberalismus, den er überdies auch noch mit „der europäischen Gesittung“ identifizierte, zu retten: „Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben.“ (Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927, S. 48)
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 05.06.2012 12:02 UhrSelektives Zitieren...
...kommt der Phrasendrescherei gleich. Wenn Mises 1927(!) von "besten Absichten" schrieb, dann liest sich das im Originaltext (den jeder als PDF im Netz finden kann) und insbesondere in den folgenden Erläuterungen wie 'gut gemeint, aber nicht gut'. Hieraus eine Sympathie Mises' für den Faszismus zu konstruieren, bedeutet Mises völlig mißzuverstehen. Zudem ist der Faszismus (Mussolini) von der älteren nationalsozialistischen Bewegung (Benes,Hitler) zu trennen. Hier ist aber nicht der Platz, um die Verdrehungen des Herrn Gutsche sämtlich geradezurücken. Die Lüge rast um die Welt, bevor die Wahrheit sich die Schuhe angezogen hat.
In nicht zu weiter Zukunft werden die Zusammenhänge, die Aly zwischen Gefälligkeitsdiktatur und dem europäischen Sozialmodell des 20. Jh. herausgearbeitet hat, sowieso zum Allgemeinwissen gehören, das kann man wohl schon heute prophezeien. Die Professoren, die das heute totschweigen wollen, disqualifizieren sich nur für die Nachwelt.
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 05.06.2012 14:10 Uhr... die Zusammenhänge, die Aly ...
...zwischen Gefälligkeitsdiktatur und dem europäischen
Sozialmodell des 20. Jh...."
Sie wollen also auf das europ. Sozialmodell verzichten ? Viel
Vergnügen !
Es wurde gar nichts "totgeschwiegen": Niemand hat(te) ein
Interesse daran, dem III. Reich "Errungenschaften"
zuzubilligen. Und noch weniger hatten ein Interesse daran, den
Sozialstaat zu demontieren ... daß dies für Alys Gönner
anders aussieht, ist bekannt. ;-)
Aber ich muß sie enttäuschen: eine "Nachwelt" wird
sicherlich anderes vorhaben und tun, als das "europ.
Sozialmodell" mit dem Verweis auf Hitler abzuschaffen.
Setzt eine Habilitation nicht eine Diskussion unter Historikern voraus? Im Elfenbeinturm schätzt man wohl auch keine "unbequemen" Wahrheiten, sondern wohl eher die Zitierung der eigenen Quelleninterpretationen. Aber warum sollte Aly auch zwischen den Leer- und Lehrstühlen im elfenbeinturm sitzen, wenn er dort wo er jetzt sitzt, zwar nicht bequem, aber richtig sitzt.
Heute ist es Palästinenser-Neid
Der Hass auf Israel geht heute von Palästina aus, einem Flecken Erde, das nie jemanden interessiert hat, bis die Israelis es unter großen Opfern urbar gemacht haben. Die Juden verkörpern ein Leistungethos, das Neid provoziert, so viel ist mal klar.
Antworten (2) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 04.06.2012 15:54 UhrDie so ehrenwerten Palästinenser...
haben Frauen und Kinder in potenziellen Zielen festgebunden, um Israel diskreditieren zu können. Lesen Sie Broder und Sie wissen, warum die Deutschen sich gerade die Palästinenser zu Sympathieträgern ausgesucht haben...
Neid?
Schauen Sie sich mal die Opferzahlen auf beiden Seiten im letzten Gaza-Konflikt "Gegossenes Blei" an. Das Verhältnis lag konservativ gerechnet bei 1:100. Raten Sie mal zu wessen Gunsten. Ich denke der Hass hat nicht viel mit Neid zu tun.
Weniger Historiker als Publizist
Die Wissenschaft "dankt" es nicht jedem mit einem Lehrstuhl, der laut und polemisch überspitzt seine Stimme erhebt. Götz Aly ist in erster Linie ein politischer Publizist. Als solcher ist er zweifellos erfolgreich. Doch wenn er auch weidlich Quellenmaterial zur Begründung seiner Thesen heranzieht, bleibt deren Fundament meist äußerst wacklig. Die Historikerzunft tut durchaus recht daran, dies nicht mit einer Professur zu honorieren, zumal dies ja weit mehr als ein Ehrentitel ist. Es geht darum, auf welchen methodischen Grundlagen künftige Geschichtslehrer ausgebildet werden.
Antworten (3) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 04.06.2012 15:21 UhrUmstände
Wenn ihren Vorwurf zusammenfassen darf:
"Er neigt zur Überspitzung und entzieht sich oftmals der
Fachdiskussion zugunsten einseitiger Urteile",
so sprechen sie doch hier zwei Elemente an: Überspitzungen - die
für eine Diskussion gut sind, als sie eine Position deutlich
herausstreichen. Und 'einseitiger Urteile' - 'einseitige Urteile' gint
es allzuviele von anderen renomierten Historikern. Hinzu kommt, dass Aly
als jemand, der nicht dem normalen akademischen Lehrbetrieb
angehört (und darüber sich finanziert), auch so schreiben
muss, dass ein breites Publikum seine Bücher auch gerne kauft (und
nicht mir irgendwie 1000 verkauften Exemplaren zufrieden ist)?
Und inwieweit er auch einfach abgelehnt wird, weil er den 'Stallgeruch'
des 'Akademikers' nicht besitzt insofern, als er eben nicht den normalen
- leisen - internen universitären Gang zu einem Lehrstuhl gegangen ist.
Popularwissenschaft hat einen negativen Beigeschmack - aber wie will man
sonst aus seinem Elfenbeinturm heraus kommen?
Wer die Öffentlichkeit sucht und den Fachdiskurs scheut, ist Publizist
Sie verstehen mich insofern falsch, als ich Herrn Aly seine
publizisitischen Qualitäten keineswegs absprechen will. Auch seine
Thesen teile ich mal mehr, mal weniger.
Allerdings ärgert mich, dass die FAZ hier kritisch anmerkt, dass
man ihn noch mit keinem Lehrstuhl geehrt habe. Dafür gibt es
durchaus handfeste Gründe. Trotz Habilitation spielt Aly schlicht
in einem anderen Ensemble als seine akademischen Kollegen. Er neigt zur
Überspitzung und entzieht sich oftmals der Fachdiskussion zugunsten
einseitiger Urteile. Sie als Historiker sollten eigentlich wissen, dass
Ihr Handwerk zu großen Teilen aus Kommunikation und Austausch
besteht. Wer sich dem fachinternen Dialog zugunsten der
Öffentlichkeit immer wieder entzieht ist eben doch mehr Publizist
als Historiker. Und darf sich gerne auch offen dazu bekennen.
Übrigens: Quellen sind geduldig. Sie sagen zu Recht, es kommt auf
ihre Deutung und deren Plausibilität an. Und hierzu ist fachlicher
Austausch notwenig.
Sichere Fundamente?
Sie meinen wohl einfach, dass ihnen seine thesen nicht passen mit dem Satz:
"Doch wenn er auch weidlich Quellenmaterial zur Begründung
seiner Thesen heranzieht, bleibt deren Fundament meist
äußerst wacklig."
Denn 'fundamente', sprich die jeweiligen historischen Thesen werden eben
über die Quellen und deren Zusammen in der dadurch sich ergebenden
Darstellung und Interpretation des historischen Prozesses
plausibilisiert - und viel mehr können wir Histoirker auch gar
nicht leisten.
Auch wenn es vielen nicht passt - oft anscheinend aus politischen
Gründen heraus - ist Aly ein waschechter Historiker. Und gut
Erzählen zu können unter Einbeziehung eines reichen
Quellenmaterials ist nicht nur eine Kunst, sondern gehört einfach
zum Geschäft eines Historikers dazu.