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Veröffentlicht: 04.01.2009, 11:52 Uhr

Biller über Bernhard Dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals

„Meine Preise“ ist manchmal Kafka, manchmal Dostojewskij - und fast immer besser als Thomas Bernhards andere Werke. Der Schriftsteller Maxim Biller erklärt, warum er den österreichischen Kollegen nicht ausstehen kann, tot oder lebendig.

von Maxim Biller
© picture-alliance / dpa Thomas Bernhard

Das Arschloch Thomas Bernhard, und das sage ich, obwohl ich ungern schlecht über Tote rede, das Arschloch Bernhard hat ziemlich sicher nur ein einziges gutes Buch geschrieben. Dieses Buch erscheint erst jetzt, obwohl er es schon 1980 geschrieben hat, und es zeigt, was für ein Arschloch er war, und vielleicht wollte er darum nicht, dass es erscheint, solange er noch lebte - und wenn ich wollte, könnte ich in diesem einschläfernden, alles und nichts sagenden Thomas-Bernhard-Ton endlos weitermachen, denn nichts ist einfacher, als so zu schreiben, ich meine, gedankenlos einen Satz an den anderen zu hängen, lauter Sätze, die sich gleichen und doch immer wieder ein bisschen verändern, denn genauso geschieht es auch im Kopf eines Schriftstellers beim Schreiben, und wenn man, sagen wir, Isaak Babel oder Junot Díaz heißt, sucht man sich schließlich den besten dieser sich so sehr ähnelnden Sätze heraus, aber das ist natürlich mehr Arbeit, als alle diese Sätze, so wie Thomas Bernhard es machte, einfach hinzuschreiben, damit sich der Leser den besten davon aussucht.

Und wenn man dabei auch noch wie das große, faule, provinzielle, österreichisch-deutsche Arschloch Bernhard hier einen Maler, Politiker, Schriftsteller als Riesenarschloch beschimpft und dort eine Stadt als provinziell und kulturlos und österreichisch oder deutsch, dann hat man sowieso die Leser auf seiner Seite, die glauben, dass sie selbst keine kulturlosen, provinziellen österreichischen oder deutschen Arschlöcher sind, also alle, also auch die Österreicher, also auch die Deutschen, und das Wichtigste ist, seinen Hass nicht mit Argumenten zu untermauern und mit Begründungen zu begründen, so wie es der polternde, grummelnde, opportunistische Kaffeehaus-Schreihals Thomas Bernhard klugerweise auch nie getan hat, denn sonst hätte sich wirklich mal jemand von ihm getroffen gefühlt und nicht bloß literarisch erwähnt und geschmeichelt, und zwar zu Recht, und dann hätte der Oberheuchler Bernhard niemals zwischen Flensburg und Linz als Oberschriftsteller gegolten, und außerdem ist so was sowieso nie die Aufgabe deutscher Dichter und Denker gewesen, ich meine, ihre eigenen Leute grundsätzlich durcheinanderzubringen und ihre Lebenslügen in Frage zu stellen und so weiter. Aber das ist mir egal, und darum will ich, ein nicht ganz so deutscher Dichter und Denker, versuchen zu erklären, warum ich Thomas Bernhard nicht ausstehen kann, tot oder lebendig, und zwar anhand des ziemlich sicher einzigen guten Buches von ihm. Und damit mir das gelingt, muss ich zuerst begründen, warum es so gut ist.

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Ungewöhnlich leicht und unredundant und unverspannt und ungestelzt

Ja - warum eigentlich? Die ungewöhnlich leicht und unredundant und unverspannt und ungestelzt und auch sonst nicht besonders bernhardesk erzählten autobiographischen Geschichten in „Meine Preise“ (Suhrkamp 2009, 15,80 Euro) handeln davon, jedenfalls auf den ersten Blick, wie unangenehm es für Thomas Bernhard immer war, für seine Arbeit als Schriftsteller einen Preis zugesprochen zu bekommen - und ihn dann auch noch anzunehmen. Das klingt schon mal nach einem verdammt uninteressanten interessanten Thema, und das ist es auch. Und es klingt widersprüchlich, verlogen, opportunistisch und dadurch hochliterarisch - und das ist es ebenfalls. Doch bevor man anfängt, Bernhard dafür zu hassen, dass er nein denkt, aber ja sagt, merkt man, dass es in diesem so angenehm thesenlosen und dafür umso erzählerischeren Erinnerungsband nicht nur darum geht, was für ein Heuchler er war, sondern auch, was für ein großes Abenteuer es ist, Schriftsteller zu sein, obwohl man meistens allein an seinem Schreibtisch sitzt, auch als Heuchler, gerade als Heuchler.

Maxim Biller will Deutschland verlassen © picture-alliance/ dpa Vergrößern Maxim Biller

Jeder Preis, den Thomas Bernhard in seinem Leben bekam, hatte seine Geschichte, und die war mal tragisch, mal komisch, mal beides. Einmal starb der einzige erträgliche Mensch, der nach einer Preisverleihung beim Essen neben ihm saß und so viel lebendiger und interessanter war als jeder Kritiker oder Kulturbeamte, zwei Wochen später, genauso wie Bernhards vertratschter Verleger es flüsternd prophezeit hatte, und dass der Tote, der Präsident der Salzburger Handelskammer, Bernhard dreißig Jahre vorher die Prüfung als Kaufmannsgehilfe abgenommen hatte, gab der Sache einen ungewohnt menschlichen, melancholischen, unbernhardhaften Scott-Fitzgerald-Touch. Ein anderes Mal kaufte sich Bernhard eine halbe Stunde vor dem Festakt einen sehr teuren Anzug, den ersten seit einem Vierteljahrhundert, bei „Sir Anthony“, am Graben, und dann ging er in die Akademie, nahm genervt und beleidigt, weil er nicht so beachtet wurde, wie er beachtet werden wollte, der Doppelmoralist, den Grillparzerpreis entgegen, bei dem es nicht einmal Geld gab. Eine halbe Stunde danach tauschte er den Anzug bei „Sir Anthony“ sofort wieder um, weil er sich vor lauter Nervosität in der Größe verschätzt hatte, so dass irgendwann später irgendjemand anderes diesen Anzug kaufte, der schon mal mit Thomas Bernhard beim Grillparzerpreis war. Wie absurd, wie komisch - und mehr Kafka als Bernhard.

Er liebte seinen Triumph, wie andere Menschen Menschen lieben

Am ergreifendsten und poetischsten und am wenigsten Bernhard ist aber die Geschichte von Bernhards weißem Triumph Herald mit den roten Ledersitzen. Damals, es war das Jahr 1964, schwamm der Prosa-Parvenü Bernhard noch mitten in der postnatalen Euphoriewelle, die man nach jedem zu Ende geschriebenen Roman hat, vor allem, wenn es der erste ist, und das war „Frost“. Und dann kam auch noch der Julius-Campe-Preis! 5000 Mark, 35 000 Schilling, keine feierliche Zeremonie, keine Reden von Idioten, keine Rede für Idioten, kein Händeschütteln, nur eine Reise nach Hamburg, das er immer schon liebte, weil man ihn dort schon immer liebte, im Gegensatz zu Salzburg und Wien, und in Hamburg also den Scheck bei Hoffmann & Campe abholen, im Verlag des von ihm vergötterten Heinrich Heine. Dies war ein Preis - der einzige in seinem Leben -, den Thomas Bernhard mochte und wollte. Kaum war er wieder zurück in Wien, sah er im Schaufenster des besten Autohauses der Stadt einen besonders schönen Wagen, der genau 35 000 Schilling kostete. Er kaufte den kleinen, weißen, stolzen Triumph auf der Stelle und liebte ihn, wie andere Menschen Menschen lieben.

Er fuhr damit am gleichen Tag fast bis nach Ungarn, und dann fuhr er wieder zurück und zeigte das Auto stolz seiner seltsamen Tante, die gar nicht seine Tante war, sondern nur 35 Jahre älter als er und sein „Lebensmensch“, wie er sie nannte, und genauso nannte neulich der Liebhaber von Jörg Haider den dreißig Jahre älteren Jörg Haider nach seinem tödlichen Autounfall, und ob das etwas darüber sagt, ob Thomas Bernhard auch sexuell ein Heuchler war und nicht nur moralisch-literarisch, ist eine andere Geschichte - oder auch nicht. Danach fuhr Bernhard mit der „Tante“ und dem Triumph nach Lovran, nach Kroatien, und dort schrieb er schnell die Erzählung „Amras“. Wenn er nicht schrieb, bestieg er in Turnschuhen und Sommerhose und kurzärmeligem Hemd den Monte Maggiore oder fuhr mit dem Triumph an der Mittelmeerküste spazieren und „war so glücklich wie noch nie“. Fünf Tage, nachdem er das Manuskript von „Amras“ nach Frankfurt geschickt hatte, kam ein Telegramm aus Frankfurt: „,Amras' hervorragend, alles in Ordnung.“ Jetzt war er noch glücklicher und fuhr singend nach Rijeka, und auf dem Rückweg fuhr ihm ein dämlicher Jugoslawe seinen schönen Triumph total kaputt, und Bernhard blutete so stark am Kopf, dass er dachte, das ist das Ende, auf das er sich seit seiner Kindheit eingestellt hatte.

Wäre es so schwer gewesen, nein zu sagen?

Seitdem, schreibt er, war nichts mehr, wie es vorher war in seinem Leben, obwohl „Amras“ erschien und gelobt wurde, obwohl die Versicherung ihm einen neuen Triumph bezahlte, obwohl er danach noch oft an die grünblaue Küste von Kroatien fuhr. Man glaubt es ihm, absolut, bis in die tiefsten metaphysischen Nervenspitzen, man fühlt es, man will so was schrecklich Schönes selbst auch einmal erlebt haben, und man denkt, ganz schön Dostojewskij, dieser Bernhard, wenn er sich nur anstrengt.

Ja, es ist wirklich sehr aufregend, ein Schriftsteller zu sein - vor allem wenn man so talentiert und mutlos ist wie Thomas Bernhard. Womit ich beim Bremer Literaturpreis wäre. Diesen Preis - es ist das Jahr 1964 - hasste Thomas Bernhard ganz besonders, allein schon wegen der sterilen Kleinstadt Bremen und ihrer kleinbürgerlichen Großbürger, von denen er ihn entgegennehmen sollte. Und dann saß er auch schon in diesem spießbürgerlichen Bremen im Hotel, und ein paar Bremer Bürgermonster kamen, um ihn zur Preisverleihung abzuholen. Er fühlte sich, sagt er, schreibt er, als führten sie ihn „zu einer Gerichtsverhandlung“ ab. „Sie hatten ihren Häftling in die Mitte genommen und waren mit ihm vom Hotel in die Stadt hineingegangen ins Rathaus“. Wer fragt sich nicht an dieser Stelle, warum Bernhard auf Josef K. machte und mitging. Wäre es so schwer gewesen, nein zu sagen? Hätten sie ihn erschossen? Aber der grummelnde Heuchler und Mitläufer und Schein-Widersprecher Bernhard hatte bei jedem Preis, den er hasste, aber annahm, eine Begründung gefunden, warum er sich in sein Preisträgerschicksal zu fügen hatte. Meistens war es natürlich wegen des Geldes, weil er gerade Schulden bei seinem Lektor hatte oder er noch ein Haus kaufen wollte, und den Büchnerpreis akzeptierte er nur deshalb, denkt er, sagt er, schreibt er, weil die „Tante“ am selben Tag Geburtstag hatte wie Büchner, und den Österreichischen Staatspreis nahm er nur an, weil sein geliebter Großvater, der heimatliche Schwachschreiber Johannes Freumbichler, ihn auf den Tag genau dreißig Jahre zuvor bekommen hatte, und so weiter.

Was für ein bigottes, katholisches, larmoyantes Mitläufer-Arschloch!

Ein Jahr nach Bremen musste Thomas Bernhard wieder nach Bremen, jetzt war er selbst Mitglied in der Preisjury, und als er Elias Canetti vorschlug, sagte jemand am Tisch, um seine Ablehnung zu begründen: „Der ist ja auch Jude“, und das war es. Endlich! Endlich konnte der große Held und Arschlochbeschimpfer und Mitläuferverächter Thomas Bernhard zeigen, was für ein anständiger Mensch er selbst war. Aber er sagte nichts, gar nichts, er „zog es vor, mich an der weiteren Debatte überhaupt nicht zu beteiligen“, dieser beschissene, feige Mitläufer, der er selbst war - und das ist noch nicht alles. Als er drei Jahre darauf beim Österreichischen Staatspreis - dem verdammten Kleinen Staatspreis, denn wenn schon, dann hätte er natürlich lieber den Großen Staatspreis bekommen, weil den Kleinen bekamen nur „Arschlöcher“, wie er in „Meine Preise“ seitenweise seine jüngeren Kollegen beschimpft -, als er vom Kulturminister als „ein in Holland geborener Ausländer, der unter uns lebt“ beleidigt wurde, stand er ebenfalls nicht auf und widersprach nicht oder ging raus, obwohl er am liebsten den Minister geohrfeigt hätte. Und das ist immer noch nicht alles!

Als Nächstes kam der Anton-Wildgans-Preis, und weil derselbe Kulturminister seine Teilnahme an dieser Preisverleihung aus natürlicher Bernhard-Aversion abgesagt hatte, wurde die ganze Zeremonie abgesagt, und das fand der große Allesverneiner Thomas Bernhard noch viel schlimmer als die Sache mit dem Ausländer beim verfluchten Kleinen Staatspreis, eine „Schweinerei“ fand er das, ja, genau. Dann traf er im Kaffeehaus seinen Freund Gerhard Fritsch, den Schriftsteller und Mitglied in der Anton-Wildgans-Preis-Jury, und forderte ihn auf, Zivilcourage zu zeigen und wegen der „Schweinerei“, die ihm angetan wurde, aus der Jury auszutreten. Aber Fritsch sagte, das könne er nicht, er brauche das Geld für seine vielen Frauen und Kinder. Und als was beschimpfte daraufhin Bernhard den Fritsch, der genau wie Bernhard seinen Opportunismus so gut und spießbürgerlich zu begründen wusste? Als inkonsequent und armselig. Aha, natürlich, danke. „Nicht lange nach dieser Unterredung“, beendet Thomas Bernhard die Anton-Wildgans-Preis-Geschichte in „Meine Preise“ mit einer Kälte, hinter der sich der hitzige Gedanke verbirgt, der verlorene Freund und Verräter habe es nicht anders verdient, „hat sich Fritsch an dem Haken seiner Wohnungstür aufgehängt. Sein von ihm selbst verpfuschtes Leben war ihm über den Kopf gewachsen und hatte ihn ausgelöscht“. Ja, was für ein bigottes, katholisches, larmoyantes Mitläufer-Arschloch, dieser Thomas Bernhard!

Hier hat er die Wahrheit gesagt, auch und gerade über sich

Ich glaube, der verlogene Held unseres verlogenen Bildungsbürgertums war in keinem seiner Bücher so ehrlich wie in „Meine Preise“. Das gehört aber immer dazu, wenn man ein großer Schriftsteller sein möchte. Endlich versteckte er sich nicht hinter seinem fast schon kolumnistenhaften, unliterarischen, unbegründbaren Hass auf andere und hinter seinem allesverdunkelnden, redundanten Schleifenstil, der den Leser so lange einlullt und hypnotisiert, bis der gar nicht mehr weiß, was er liest, außer, dass er liest, und das ist etwas, was deutsch sprechende und deutsch nichtdenkende Halbdenker immer am liebsten machen, also so tun, als ob - als ob sie die Literatur lieben, als ob sie verstehen wollen, was sie lesen, als ob sie die Welt schöner, wahrer, besser machen wollen. Auf dieser Lüge basierte schon immer die ganze antiaufklärerische Hölderlin-, Thomas-Mann- und Rainald-Goetz-Verschwörung, und wer mir das Gegenteil beweisen kann, bekommt von mir den Ilf-und-Petrow-Preis und zehn Rubel.

In „Meine Preise“ hat Bernhard endlich einmal mit diesem deutschen Bildungbürgerkonsens gebrochen, er hat erzählt, wie es wirklich war und wie es ist, er hat die Wahrheit gesagt, nichts als die Wahrheit, auch und gerade über sich und seine Heuchelei und Schwäche, was er sonst nie tat, und darum ist dieses Buch so gut, so sehr LITERATUR und REALITÄT in einem, und darum erkennt man, wenn man es liest, wie beschissen und verlogen und unliterarisch seine anderen Bücher waren. Ihm selbst ist einmal die ganze Wahrheit rausgerutscht, seine eigentliche Poetik sozusagen, er hat, wenn man so will, gegen die deutsche Künstler-Omertà verstoßen, und er hat allen, die es verstehen wollten, verraten, wie seine so raffiniert weltabgewandte Un-Literatur funktioniert. Das war in seiner Rede zum Büchnerpreis, den er natürlich annahm, was sonst. „Was wir veröffentlichen“, sagte er dort, „ist nicht identisch mit dem, was ist, die Erschütterung ist eine andere, die Existenz eine andere.“ Wenn Saul Bellow, Denis Johnson oder Pasternak das hören würden, würden sie nicht glauben, dass es eine Sprache auf der Welt gibt, in der man sich trauen kann, ein solches irreguläres, unehrliches, dämliches, ängstliches, amateurhaftes Literaturkonzept zu formulieren, ohne vom Podium verjagt zu werden.

Ich schwöre - das wollte ich übrigens auch noch schnell sagen, denn ich selbst bin alles andere als ein Mitläufer mit geballter Faust in der Tasche -, ich schwöre, ich werde niemals einen Literaturpreis annehmen. Außer natürlich meine Tochter sagt, sie will nach der Schule unbedingt nach Harvard, und wir brauchen das Geld.

Glosse

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