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Bestseller von Elena Ferrante : Diese Autorin ist nicht zu fassen

Zwei Frauen im Gegenlicht im italienischen San Gimignano Bild: Picture-Alliance

Alle Welt liest die Bücher von Elena Ferrante. Auch die Kritikerzunft ist hellauf begeistert. Doch über all dem steht ein Rätsel: Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym?

          Eine Frau verschwindet, eine zweite schreibt ihr hinterher, und eine dritte, deren Gesicht niemand sehen und deren wahren Namen keiner nennen darf, zieht aus dem Verborgenen heraus die Fäden - was sie beinahe selbst zu einer literarischen Figur macht, wie es jede der beiden anderen Frauen ist. Um deren mehr als sechzig Jahre währende Freundschaft geht es eigentlich. Elena und Lila sind Bewohnerinnen eines erdichteten Neapels so voller Familientragödien und Liebeszerwürfnisse, Mord, Totschlag und Gewalt, voller Trennungen, Treuebekenntnisse und Verrat, übelstem Machismo, Kampf der Frauen um ein eigenes Leben, Niedergangsszenarien, Aufstiegshoffnungen und immer wieder hoffnungsloser Camorra-Verfallenheit, dass es jede Telenovela sprengte und einen solchen Sog auf die zu Dutzenden auftretenden Charaktere ausübt, dass keiner dieser Stadt je entkommt. Genau genommen nicht einmal dem von Armut gezeichneten Viertel, dem sie entstammen, ganz gleich wie viele Kilometer sie auf der Flucht vor ihrer Herkunft zurücklegen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Elena, die Ich-Erzählerin, hat es bis nach Turin geschafft. Aus der Tochter eines Pförtners und seiner illiteraten Frau ist eine Schriftstellerin mit Hochschulabschluss geworden. Lila dagegen, der Tochter des Schuhmachers, blieb jede höhere Bildung versagt. Sie hat das Stadtviertel nie verlassen, in dem sie geboren wurde, obwohl sie immer die Geniale war, ein brillanter Wechselbalg, der lesen konnte, bevor die anderen auch nur einen Buchstaben kannten, sich selbst Altgriechisch beibrachte, Kinder bekam, den Mafiosi im Viertel die Klinge an den Hals setzte und zur Pionierin der Computertechnik wurde. Jetzt ruft Lilas Sohn bei Elena an und sagt, ihre alte Freundin sei verschwunden. Alle Spuren habe sie gelöscht. Elena begreift sofort, dass Lila ein Lebensprojekt zu Ende geführt hat: sich komplett zu entziehen. Und begibt sich schreibend zurück nach Neapel, um genau dieses Vorhaben zu sabotieren.

          „Balzac trifft auf die Sopranos“

          Dem, was die Autorin Elena Ferrante, die nicht zufällig denselben Vornamen trägt wie die Ich-Erzählerin, auf den folgenden 1700 Seiten an Lebenspanorama in vier Bänden entrollt, verfallen vor allem Leserinnen, aber auch Leser und Kritiker in Scharen. Mehr als eine Million verkaufte Exemplare weltweit zählt die Tetralogie seit der Veröffentlichung des ersten Bandes im Jahr 2011 schon, mit Übersetzungen aus dem Italienischen ins Englische, Französische, Spanische, Niederländische und bald - mit beachtlicher Verzögerung - auch ins Deutsche. Das als ein einziger großer Roman konzipierte Konvolut wurde von dem Mafia-Rechercheur Roberto Saviano für den Premio Strega, Italiens bedeutendsten Literaturpreis, vorgeschlagen. „Foreign Policy“ plazierte die Verfasserin Elena Ferrante auf der Liste der hundert wichtigsten „Global Thinkers“ (der einzige weitere Italiener auf der Liste war Matteo Renzi). Die „New York Times“ verglich ihr neapolitanisches Epos mit Alessandro Manzonis „Promessi Sposi“, einem Heiligtum der italienischen Literatur, und die britische „Times“ schrieb, bei Ferrante treffe Balzac auf „The Sopranos“.

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