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Zum Tod von Bernd Fritz : Zunge zeigen

Früchte aus dem eigenen Garten: Bernd Fritz (1945 - 2017). Bild: Dorothee van Bömmel

Bernd Fritz war ein Autor mit ausgeprägtem Stilempfinden. Den bewies er als Redakteur des „Frankfurter Allgemeine Magazins“ und als Chef der „Titanic“. Sein großer Coup war die Nummer mit den Buntstiften bei „Wetten, dass..?“. Nun ist Bernd Fritz gestorben.

          Es ist wohl zwanzig Jahre her, da waren wir Sushi essen, im Tiefgeschoss eines Frankfurter Kaufhauses, eines Ladens auf der Zeil, den es schon lange nicht mehr gibt. Oben englische Herrenhemden und Sakkos, unten ein japanisches Restaurant. Alles sehr elitär und so ganz nach dem Geschmack von Bernd Fritz. „Wir nehmen die große Platte“, sagte er im Vorbeigehen über die Theke. Und klopfte mir auf die Finger, als ich nach Stäbchen griff: „Nicht die!“ Dann entnahm er seinem Etui zwei Paar Stäbchen aus Elfenbein: „So viel Geschmack muss sein.“

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es war ein Satz, der an Bernd Fritz klebte wie der Reis am Fisch, seit er im September 1988 in der Sendung „Wetten, dass..?“ Thomas Gottschalk weisgemacht hatte, die Farbe von Buntstiften mit der Zunge erkennen zu können. Stift für Stift leckte er mit dem Gestus des Feinschmeckers ab. „Ein Ockerton“, tastete er sich der ersten Antwort entgegen. „Noch mal nachschmecken.“ Dann, mit ernstem Ton: „Goldocker.“ Donnernder Applaus aus dem Publikum. Als er am Ende der gewonnenen Wette verriet, geschummelt zu haben, gab es hingegen Buhrufe. „Das müssen Sie jetzt aushalten“, sagte Gottschalk, den Bernd Fritz mit ernster Miene „Gottwald“ nannte und der natürlich viel mehr aushalten musste. Das Geheimnis seiner Mogelei gab Bernd Fritz drei Wochen später in der Zeitschrift „Titanic“ preis, deren Chefredakteur er damals war. Das Titelblatt gab es schon, grinsend hielt er es in die Kamera. Wie man überhaupt sein Gesicht nicht denken kann, ohne ihn grinsen zu sehen.

          Dandy mit Witz

          Bernd Fritz war ein Dandy. Ein Dandy mit Witz, und man wunderte sich, dass er nicht unentwegt Oscar Wilde zitierte. Doch näher war ihm die Neue Frankfurter Schule und deren Umfeld, zu dem er recht eigentlich auch selbst gehörte. Robert Gernhardt etwa und Eckhard Henscheid, den er mit aller Anerkennung darum beneidete, dass im Frankfurter Stadtteil Bornheim ein Lokal nach ihm benannt wurde: „Mehr Auszeichnung geht nicht.“ Dabei hatte er da immerhin schon den „Wahrheit-Preis“ der „taz“ und für seine Winzerdorf-Novellen den „Prix du Champagne Lanson“ erhalten.

          Bernd Fritz kam 1945 in Rheinhessen zur Welt, als Sohn einer Winzertochter. Bei Spaziergängen in Weinbergen hatte er immer eine kleine Schere dabei: „Trauben reißt man nicht ab!“ Er führte das auch in einem Feuilleton aus, sich fast mehr noch der Schere als den Trauben widmend. Dabei waren seine Weinkenntnisse legendär. An jeder Flasche, die er verschenkte, klebte ein Zettelchen mit der perfekten Temperatur. Dennoch schrieb er in dem Wein-Heft „Fine“ ausgerechnet eine Bier-Kolumne.

          Der Coup: Bernd Fritz gaukelte Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass ..?“ vor, er könne Buntstifte am Geschmack erkennen.
          Der Coup: Bernd Fritz gaukelte Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass ..?“ vor, er könne Buntstifte am Geschmack erkennen. : Bild: Picture-Alliance

          Für das Magazin dieser Zeitung hatte Bernd Fritz über Jahre hinweg die Konsumtipps gewidmete Doppelseite „Boulevard“ betreut und in köstlich verschwurbeltem Ton mal über neue Kleinwagen doziert, die aussahen, als stammten ihre Designer aus Entenhausen, mal über den Wonderbra, wie er sich überhaupt in vielen Beiträgen mit so entwaffnender Hemmungslosigkeit der Frau widmete, dass er sich kurzerhand einmal selbst „Anwandlungen niederer Minne“ bezichtigte. Beim Schreiben trug er Pantoffeln. Auch in der Redaktion. Als das Magazin 1999 eingestellt wurde, blieb er dieser Zeitung mit launigen Texten über Mode, Essen und Reisen sowie seiner sonntäglichen Gartenkolumne „Pflanzstück“ treu.

          Vor einigen Jahren zog Bernd Fritz von Frankfurt zurück nach Bechtheim, in sein Geburtshaus, ein biedermeierliches Häuschen, wie aus einem Spitzweg-Gemälde geschnitten. Im Herzen, gestand er, der die Welt stets mit einer gewissen Schärfe betrachtete, sei er ein Dörfler geblieben. Was ihn nicht davon abhielt, dann und wann die Redaktion zu besuchen. Es ist noch gar nicht lange her, da hatten wir uns zu einer Bratwurst verabredet, bei „Best Worscht in Town“, drunter machte er es ja nie. Dazu kommt es nun nicht mehr. Am Ostersonntag hat sich Bernd Fritz im Alter von einundsiebzig Jahren das Leben genommen.

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