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Unveröffentlichtes Drehbuch : Wie Serge Gainsbourg fast Tilda Swinton getroffen hätte

  • -Aktualisiert am

Elfriede Jelinek hat bislang drei Drehbücher veröffentlicht. Aus einem vierten wurde nun in Berlin vorgelesen. Bild: dpa

Bonjour Raffinesse: In Berlin wird ein bislang unbekanntes Drehbuch von Elfriede Jelinek vorgestellt. Darin zeigt die Autorin, dass sie auch für den Film schreiben kann.

          Die österreichische Botschaft in Berlin liegt am Rande des Tiergartens, der grünen Lunge der Hauptstadt, und ist von etlichen anderen diplomatischen Vertretungen umgeben. Hans Hollein hat das auffällige 2001 eröffnete Gebäude mit den drei unterschiedlichen Baukörpern entworfen, die sich nach außen hin in Anthrazit, Rosa und Kupfergrün darstellen. Trotz der postmodernen Gestaltung ist es im Inneren gänzlich unaufgeregt und von schöner, ruhiger Würde, so auch im ebenerdigen Veranstaltungssaal mit seiner mächtigen Glaswand, durch die Blätter, Sonne oder Sterne funkeln können. Fast steht da die Zeit still – erst recht, wenn mit einer Lesung hier zu einer Reise in die Vergangenheit eingeladen wird.

          Die nämlich erlaubt „Eine Partie Dame“, ein Drehbuch, das die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek 1980 geschrieben hat. Die zentralen Figuren sind der polnische Jude Andzrej und die Studentin Lisa, die ein obsessives erotisches Verhältnis miteinander verbindet. Er leitet einen Agentenring und führt zur Tarnung ein Café, sie ist sich ihrer gutbürgerlichen Herkunft sehr bewusst, hält alle Menschen auf Distanz und träumt dabei von emotionalen Grenzüberschreitungen. Andzrej freilich ist älter und hat zu viel hinter sich, als dass er sich von einer Affäre aus dem Konzept bringen lassen würde. Lisa wiederum kennt nichts als spießige Beziehungsmuster, möchte mit Andzrej in Urlaub fahren und alles von ihm wissen. Das kann nicht klappen, auch wenn es mit dem Sex zwischen beiden bestens funktioniert.

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          Die dritte Hauptrolle wies Elfriede Jelinek der Stadt Wien zu, die zum Zeitpunkt der Handlung, also um 1980, im neutralen Österreich einen Schnittpunkt zwischen Ost und West und den jeweiligen Gesellschaftssystemen bildete. Früher war dieses Wien der „Mittelpunkt eines riesigen Reiches“, stellt sie fest, jetzt liege es „am Blinddarmende von Westeuropa“ – ja, vor vierzig Jahren traf dies gewiss zu. In „Eine Partie Dame“ begegnen einander dort Spione, Emigranten, alte Spanien-Kämpfer, russische Juden, kalte Krieger aller Couleur, und über das holperige Pflaster scheint der ewige Schatten von Harry Lime aus „Der dritte Mann“ zu huschen.

          Locker, doch spannend

          Präzise wie mit dem Stadtplan hat Elfriede Jelinek die Szenen verteilt, mal im ersten Bezirk, mal am Donaukanal, dann wieder im legendären Hotel Panhans am Semmering, wo sich Lisa und Andzrej miteinander vergnügen. Ferner gibt es einige Sequenzen im Nachtzug von München nach Berlin und in der DDR. Lisa weiß nichts davon, dass Andzrej neueste elektronische Technik in den Ostblock schmuggelt, was natürlich verboten ist. Seine Eltern wurden wohl in Auschwitz umgebracht. Im Gegensatz zur unpolitischen Lisa ist er politisch wach und hofft auf eine bessere Welt im Kommunismus. Die verschiedenen politischen Einstellungen spiegeln die Lebenshaltungen der Personen, wenngleich Elfriede Jelinek in ihrer Vorbemerkung von einer Atmosphäre aus „Tristesse, die jedoch mit großer Leichtigkeit gepaart sein soll“, spricht, von Ironie und Distanzierungsfähigkeit, „typisch für den österreichisch-jüdischen Kulturkreis“.

          Die Geschichte ist locker wie großzügig zusammengefügt und spannend erzählt, die plastisch gezeichneten Figuren haben außer Fleisch und Blut auch Ecken und Kanten. Und selbst die Regieanweisungen sind pointiert: „Andzrej löst sich nach einer Weile von ihr, streichelt ihr kurz und freundlich über’s Haar wie einem Haustier und geht einfach weg.“ Ohne auf Sprache als ihr ureigentliches Instrument und als Ausdrucksmittel über die inhaltliche Ebene hinaus zu verzichten, drückt sich die versierte Filmliebhaberin Elfriede Jelinek animiert und gekonnt in Bildern und Schnittfolgen aus.

          „Sie denkt filmisch, sucht beim Schreiben schon nach szenischen Auflösungen“, fasst es der Herausgeber Wolfgang Jacobsen in seinem Nachwort zusammen. Der Filmhistoriker, der jahrelang die Retrospektiven und Hommagen der Berliner Filmfestspiele betreute, fand das vergessene Drehbuch im Vorlass des Filmproduzenten Helmut Wietz, der sein Firmenarchiv der Deutschen Kinemathek übergeben hat. Jelinek, Wietz und der Regisseur Rainer Boldt hofften einst darauf, vor allem mit deutschen Geldern „Eine Partie Dame“ erst ins Kino und später ins Fernsehen bringen zu können. Die damals durchaus stolzen Herstellungskosten von 1,5 Millionen D-Mark wären anders nicht aufzutreiben gewesen. Parallel zum langen Marsch durch die Förderanstalten diskutierten die drei die Besetzung und konnten Serge Gainsbourg als Andzrej und die damals noch kaum bekannte Tilda Swinton als Lisa gewinnen. Aber das Vorhaben scheiterte schließlich ganz schnöde am fehlenden Kapital.

          Zu cool fürs Kino

          Warum es ausblieb? Das Drehbuch, versucht Jacobsen die zahlreichen Absagen zu erklären, war für seine Zeit eben zu ungewöhnlich, vom Sujet und von der Machart her völlig anders als der bundesdeutsche Autorenfilm jener Jahre, düsterer, cooler, unkonventioneller, viel amerikanischer – etwa im Stil der Independentfilme eines John Cassavetes.

          Der Berliner Verbrecher Verlag hat das erstaunliche Frühwerk jetzt erstmals herausgebracht und wird laut dem Verleger Jörg Sundermeier in Zukunft weitere unverfilmte Drehbücher veröffentlichen. In der österreichischen Botschaft – Elfriede Jelinek war selbstverständlich abwesend – lasen die Schauspieler Iris Becher und Harald Schrott die Hauptrollen, Sundermeier selbst alle Nebenrollen. Und sogar in der spartanischen Form einer solchen Präsentation zeigte sich, wie unterhaltsam, raffiniert und bissig-böse „Eine Partie Dame“ als Film hätte werden können. Oder vielleicht doch noch wird?

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