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Russischer Arzt und Autor : Nach Rückschlägen passt man besser in die Landschaft

Abseits von Moskau, wo ein Einzelner noch etwas verändern kann: Arzt und Schriftsteller Maxim Osipov Bild: Elena Gandlewskaja

Der Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow konnte seine Kleinstadtklinik gegen bürokratische Übernahmeversuche verteidigen. Die Poetik der Medizin prägt auch seine literarischen Diagnosen über Putins Russland.

          Sein erstaunliches kulturelles Kapital konnte das Städtchen Tarussa nur akkumulieren, weil es nah genug und zugleich ausreichend weit entfernt von Moskau liegt. Unerweckt von den Haupthandelswegen und Eisenbahntrassen, wurde das idyllische Tarussa im späten neunzehnten Jahrhundert zum „russischen Barbizon“, in dem sich die Impressionisten Wassili Polenow, Nikolai Krymow und der Symbolist Viktor Borissow-Mussatow niederließen, um die liebliche Landschaft am Hochufer des Oka-Flusses zu studieren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zu Sowjetzeiten zogen hierher viele aus politischen Gründen Verurteilte, die nicht näher als 101 Kilometer von den Metropolen leben durften – die Entfernung zwischen Tarussa und der Hauptstadt liegt knapp darüber. So wurde die Stadt ein geistiges Adelsnest. Hier hatte der Pianist Swjatoslaw Richter seine Datscha, der Schriftsteller Konstantin Paustowski, der Künstler Eduard Steinberg, so unterschiedliche Dissidenten wie Alexander Solschenizyn und Joseph Brodsky wohnten zeitweise an diesem Ort, den die Dichterinnen Marina Zwetajewa und Bella Achmadulina liebten.

          Hier kann der Einzelne etwas bewirken

          Der Moskauer Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow verbrachte hier frühe Kindheitsmonate im Haus seines Urgroßvaters Michail Melentjew, ebenfalls eines Mediziners, der infolge von Stalins erstem Ärzteprozess in den dreißiger Jahren ins Arbeitslager am Weißmeerkanal gesteckt wurde und sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Tarussa ansiedelte. In dem Achttausendseelennest, das intellektuelle, aber auch finanzielle Ressourcen aus der Hauptstadt anzieht und wo der Einzelne etwas bewirken kann, aber zugleich zu den Abgründen des Lebens ein intimes Verhältnis gewinnt, fand Ossipow sowohl seine Aufgabe als Arzt wie auch Inspiration für seine einen lakonischen Dokumentarton kultivierende Prosa. Der österreichische Hollitzer-Verlag bringt von Ossipows mittlerweile in zwölf Sprachen übersetzten Erzählungen im März unter dem Titel „Nach der Ewigkeit“ endlich eine Auswahl auf Deutsch heraus.

          Ossipow betont seine jüdischen Wurzeln und versteht sich zugleich als russisch-orthodoxer Christ. Sein spiritueller Lehrer war der Erzpriester Ilja Schmain (1930 bis 2005), ein in Moskau ausgebildeter Mathematiker, der fünf Jahre im GULag einsaß und nach Jahren der Emigration in Israel und Paris in den neunziger Jahren nach Russland zurückkehrte. Mit seinen Erinnerungen an Vater Ilja trat Ossipow vor zehn Jahren zum ersten Mal als Schriftsteller an die Öffentlichkeit. Ilja Schmains Lehren stehen quer zur Ideologie der Patriarchatskirche, aber auch zu einigen westlichen Werten. Der Geistliche war überzeugt, die Ideen von Auserwähltheit, aber auch von Privatheit und Bürgertum würden früher oder später in den Faschismus führen.

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