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Begegnung mit Daniel Kehlmann : Wie fünf Professoren auf Red Bull

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Das große „F“ von Fatum, Fälschung und Fiktion: der Schriftsteller Daniel Kehlmann vor wenigen Tagen in London Bild: Felicitas von Lovenberg

Daniel Kehlmann hat einen neuen Roman geschrieben, vielleicht seinen bisher besten. „F“ handelt von der großen Frage nach Schuld und Schicksal. Eine Begegnung in London.

          Dafür, dass Daniel Kehlmann am Abend zuvor lange aus war und sich mit den Schriftstellerkollegen Zadie Smith und Adam Thirlwell die Köpfe heißgeredet hat, sind wir ziemlich früh verabredet. Wir treffen uns in Clerkenwell, im „Caravan“ in Exmouth Market. Thirlwell hat das Lokal empfohlen, um die Ecke wohnt Ian McEwan, ein weiterer Freund. Es passt, dass Kehlmann die Woche vor Erscheinen seines neuen Romans, der am Freitag in die Buchhandlungen kommt, entspannt in London verbringt. Nicht nur, weil er ohnehin viel unterwegs ist und man ihn in Wien oder New York ebenso antreffen kann wie in Berlin, sondern es passt auch, weil sich dieses Kosmopolitentum in seiner Literatur spiegelt.

          Als ich erwähne, dass ich mir Eric, Vermögensverwalter am Abgrund und einen der drei Protagonisten von „F“, ohnehin in London vorgestellt hätte, ist Kehlmann dennoch erstaunt. Ein Haus wie das von Eric, mit fünf Bädern, eigenem Medienzimmer und einem Statusgemälde von Paul Klee an der Wand des kaum benutzten Arbeitszimmers, passt für mich eher nach Holland Park als nach Berlin-Zehlendorf. Im Roman werden keine genauen Ortsangaben gemacht, aber Kehlmann erzählt, dass seine englische Übersetzerin Carol Brown Janeway ganz andere Probleme hat. Als Erics zweitwichtigster Investor sein Geld abziehen will und damit eine unselige Spirale in Gang setzt, weil Eric in der Not beginnt, falsche Gewinne auszuweisen, um so neue Anleger akquirieren und die Auszahlung mit deren Kapital bestreiten zu können, erschien ihr die Summe von drei Millionen als viel zu niedrig. Wenn der Roman im Herbst 2014 in Amerika und Großbritannien erscheint, wird sie sich daher auf 29 Millionen belaufen.

          Die Gebrüder Hochstapler

          “F“ erzählt von Martin, Eric und Iwan Friedland, die alle auf ihre Weise Hochstapler sind. Es ist ein elegant und frappierend leichtfüßig geschriebenes Gedankenspiel über die Frage nach Schicksal und Bestimmung, Wahrheit und Lüge, Original und Fälschung. Der Hauptteil des Buches spielt an einem einzigen Tag, dem 8. August 2008, der alle drei Brüder an ihre Grenzen führt.

          Nach dem Vorbild von Dostojewskis Brüdern Karamasow erleben wir Martin, den Ältesten, der als katholischer Priester die Messe feiert, aber auch nach jahrelanger Übung nicht an Gott glauben kann. Eric sind anfängliche Erfolge als Vermögensberater ins Reich der Fiktion entglitten; im Tablettennebel umtost von dämonischen Geisterstimmen, versucht er mit letzter Kraft, die Fassaden seines Berufs-, Liebes- und Familienlebens aufrechtzuerhalten. In seiner Not bittet er die Sekretärin, seinen Bruder einzubestellen, doch sie telefoniert mit Martin statt mit Iwan, seinem Zwillingsbruder - eine Verwechslung mit tödlichen Konsequenzen für den Dritten im Bunde.

          Was Kant die „anhängende Schönheit“ nennt

          Iwan ist Maler, und wie seine Brüder hat auch er einen Weg gefunden, mit dem Selbstzweifel zu leben. Dass er sich als Maler nur mittelmäßig vorkommt, hat ihn vor Jahren auf eine gewagte Idee gebracht: Unter dem Namen seines Geliebten Heinrich Eulenböck, eines gesetzten altmodischen Malers, malt Iwan dessen vermeintliche Bilder aus früheren Jahrzehnten. Auf dem Kunstmarkt wird Eulenböck berühmt als stolzer Außenseiter, der in seinen Bildern seine Verachtung für andere Künstler thematisiert. Solange er lebt, spielt Eulenböck die Rolle des Genies, während Iwan im Geheimen die Werke schafft; nach dem Tod des Partners sorgt er als Alleinerbe für Nachruhm und Vermögen. Die Bilder sind nicht von dem, der sie gemalt zu haben vorgibt, und auch nicht aus der Zeit, aus der sie angeblich stammen - aber ist Iwan dadurch ein Fälscher oder „nur“ ein Betrüger? Und was ist verwerflicher?

          Kehlmann lächelt. „Ich weiß nicht, ob man Iwan einen Fälscher nennen kann. Der Begriff der Fälschung wird ja immer komplexer und widersprüchlicher, je mehr man sich damit beschäftigt, und auch die Art, wie wir damit umgehen, ist widersprüchlich - man nehme nur die bekannte Tatsache, dass einige berühmte Bilder van Goghs in Wahrheit von Émile Schuffenecker stammen.“ Aber natürlich spiegele sich in Iwan auch das gewandelte Verständnis des Künstlers. „Es zählt immer das, was Kant die ,anhängende Schönheit’ nennt, also die Idee, die wir von der Absicht und dem Sinn eines Werks und seines Schöpfers haben. In der Moderne ist der Künstler eben nicht mehr nur Handwerker, sondern jemand, der etwas aus der Kraft seiner Persönlichkeit heraus in die Welt setzt.“

          Wie hoch ist der Preis des Gewinners?

          Kehlmann betont, dass er mit der Figur des Iwan keine satirische Absicht verfolge. Vielleicht ist dieser darum der liebenswürdigste der drei Brüder geworden - und zugleich derjenige, der am pointiertesten zum Schein allen Seins Stellung nimmt. „,Du musst mitspielen’, sagte Iwan, ,das ist der ganze Trick. Lügen musst du. Du denkst, die Leute durchschauen dich, aber keiner durchschaut irgendwen.“ Auf den Wahrheitsgehalt dieser Aussage angesprochen, längst Credo eines auf Prominenz fixierten Zeitgeists, lautet Kehlmanns Fazit: „In einer nichtmetaphysischen Welt gibt es niemanden, der nicht getäuscht werden kann.“ In dieser Hinsicht ist die Literatur keine aufrichtigere Kunst als alle anderen.

          Nicht nur Martin, Eric und Iwan, sondern auch ihr Vater Arthur Friedland, der nach einer einschneidenden Begegnung mit einem Hypnotiseur seine Familie verlässt und Schriftsteller wird - es sind radikale Charaktere, die Kehlmann uns in „F“ vorstellt, Menschen, „die alles auf eine Karte setzen, ihr Leben dem Schaffen verschreiben, das Risiko der großen Wette eingehen“. Die Spannung des Romans liegt nicht nur in der Frage, was geschieht, wenn einer die Wette verliert, sondern ebenso in der nach der Höhe des Preises, den der Gewinner zahlt.

          Doppelte Böden, lässig aufgefächert

          Nun gehören raffinierte gedankliche Experimente und große philosophische Fragestellungen seit jeher zu Kehlmanns Werken. Nie zuvor aber hat der Schriftsteller die doppelten Böden so lässig aufgefächert wie jetzt in „F“. Vielleicht liegt das daran, dass er selbst keine Antworten hat auf viele der Fragen, die sein Roman aufwirft. Fast entschuldigend sagt er, dass er diesmal viel weniger erklären könne als bei seinen vorigen Büchern. „Es war das erste Mal, dass sich vieles einfach so ereignet hat und die Figuren mehr als je zuvor ein Eigenleben hatten.“

          Genau diesem Umstand, den Kehlmann zu Unrecht als Schwäche empfindet, verdankt sich die Souveränität seines Romans. Noch in keinem Werk hat der Autor so spürbar auf die Kraft des Erzählens vertraut wie hier. Eine platte, rein handlungsorientierte Erzählweise wäre vor allem ihm selbst langweilig. Doch dass er diesmal erleben durfte, von den Charakteren geführt zu werden, statt selbst alle Fäden zu ziehen, hatte offensichtlich etwas Befreiendes. Das Ergebnis ist ein Roman, der mehr Rätsel bietet als Lösungen - und genau darum etwas Befriedigendes hat, das über die Lektüre hinausreicht.

          Einfluss Bolaños

          Es gehört indes Mut dazu, Figuren auftreten zu lassen, die nicht ausformuliert werden, aber auf das Geschehen einwirken wie ferne Magnete, etwa der Vater Arthur Friedland oder der Hypnotiseur Lindemann. Als wir auf die Macht solcher Abwesender zu sprechen kommen, nennt Kehlmann Roberto Bolaño als Paten. „In seinen Büchern hat man das Gefühl, es gibt auf all die Rätsel eine Lösung, man müsste nur etwas genauer lesen“ - um irgendwann zu merken, dass man sich in der Nähe einer Antwort wähnt, die es letztlich nicht gibt.

          In seinen sechzehn Jahren als freier Schriftsteller und zumal den sieben seit dem Erfolg der „Vermessung der Welt“ ist Kehlmann - sein Debüt „Beerholms Vorstellung“ erschien 1997 - sich selbst bemerkenswert treu geblieben. Wann und wo immer man ihn trifft, erlebt man einen klugen, höflichen und freundlichen Mann mit der Begeisterungsfähigkeit eines großen Jungen, der reden kann wie fünf Professoren auf Red Bull. Dass man in „F“ nicht nur zahlreiche weltliterarische Referenzen ausmachen kann, sondern auch Bezüge zu seinen eigenen früheren Werken - Sebastian Zöllner aus „Ich und Kaminski“ hat einen Gastauftritt, und der große Lindemann spricht in indirekter Rede wie ein Verwandter von Humboldt und Gauß -, ist ihm auch aufgefallen, „war aber kein Plan“. Im Gegenteil: Man müsse aufpassen, dass man seinen Lieblingsthemen nicht zu sehr verfalle. Was diese Befürchtung angeht, steckt viel Kehlmann in Arthur Friedland, dessen Literatur um die Überlegung kreist, dass niemand ein Selbst habe, jedes Ich eine Täuschung sei.

          „Die radikale Zufälligkeit hält man nicht aus“

          Dann ein Satz wie dieser: „Jeder kann jeden dazu bringen, sein Leben zu ändern.“ Hegt er diese Überzeugung, die im Roman mehrfach geäußert wird, auch selbst? Kehlmann zögert nur kurz. „Das ist die große Frage: Haben wir ein Schicksal - oder nicht? Ich weiß es nicht. Das Buch ist die Summe meiner eigenen Ambivalenz in dieser Frage.“ Nach einem kurzen Exkurs zu Goethes unwahrscheinlichem Überleben in der Kanonade bei Valmy und Schopenhauers Spekulation über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen, die ihn schon als Jugendlicher beeindruckt habe, gesteht er, auch philosophisch keine Antwort zu haben. „Man kann nun einmal nicht in dem Bewusstsein leben, dass einem jederzeit alles zustoßen kann, man muss - sozusagen als regulative Idee - davon ausgehen, dass es eine gewisse Sicherheit gibt, dass das Schicksal eine Absicht mit einem hat. Die radikale Zufälligkeit hält man nicht aus.“

          So ähnlich wie Martin, der zwar nicht an Gott glaubt, aber an die Wirksamkeit der Sakramente auch ohne innere Beteiligung, oder so, wie Iwan davon spricht, dass es die Kunst als heiliges Prinzip nicht gibt: „Es gibt nur Werke, unterschiedlich in Machart, Form und Wesen, und es gibt das Sturmgeflüster der Meinungen über sie.“ Stimmt Kehlmann dem zu? Seine Antwort ist sibyllinisch: „Mein Buch widerspricht jeder der Theorien, die die Figuren darin vortragen. Das heißt aber nicht, dass die Theorien falsch sind.“

          Quelle: F.A.Z.

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