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Debatte um Gomringer-Gedicht : Ein öffentlicher Text

  • -Aktualisiert am

Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin Bild: dpa

Über ein Gedicht an einer Fassade kritisch zu reden, ist kein Angriff auf die Kunstfreiheit. Das Werk ist ein Geschenk – und die Beschenkten dürfen damit tun, was sie wollen.

          Die Alice Salomon Hochschule Berlin vergibt seit 2006 einen Poetik-Preis, der nicht auf Literatur beschränkt ist und explizit Wert auf Interdisziplinäres legt. Rebecca Horn hat ihn bekommen, Gerhard Rühm, Emine Sevgi Özdamar, um nur einige Namen zu nennen; 2011 erhielt ihn Eugen Gomringer und beschenkte im Gegenzug die Hochschule mit dem Gedicht „avenidas“, zur Gestaltung der Fassade des Hauses am S-Bahnhof Hellersdorf, um die es momentan heftige Diskussionen gibt.

          Seit mehr als zwanzig Jahren stelle ich, neben Büchern mit Gedichten, Essays und Übersetzungen, auch Schriften für Räume her, stelle Texte in private und semi-öffentliche Konstellationen. Aus den dabei gemachten Erfahrungen und Erkenntnissen ließe sich, denke ich, zur Debatte beitragen. Zum Beispiel die Überlegung, dass ein Text mit ziemlich riesigen Lettern auf einer vierstöckigen Fassade womöglich ein anderer sei als in einem Buch. Size matters – die Debatte gab es auch schon mal, als zu Helmut Kohls Zeiten eine kleinere Käthe-Kollwitz-Plastik für die Neue Wache zu Überlebensgröße aufgepumpt wurde. Das soll aber hier kein Argument sein, bloß eine sachte Erinnerung. Denn bei Gomringer hat die Monumentalisierung des Textes (wie auch der Text selbst, was ja von Michael Lentz in dieser Zeitung herausgestellt wurde) durchaus Logik und Funktion. Das beginnt schon 1953 mit dem Buch „Konstellationen“, für das die Typographie, das „Wie“ und „Wo“ der Wörter, eine ähnlich bedeutende Rolle wie ihr „Was“ spielte.

          Über sechzig Jahre sind die Texte der „Konstellationen“, darunter auch „avenidas“, auf unterschiedlichen Trägermedien erschienen, in Zeitschriften und Anthologien selbstredend, aber auch auf Leinwand, auf Galeriewänden, dort letzthin auch auf quadratischen Holzobjekten, die eine gewisse Körperhaftigkeit herstellen. Die Schrifttype bleibt vom Buch bis zur Fassade die gleiche, als sichere der Künstler damit Kontinuität für den Text, das Typische der Wörtlichkeit sozusagen. Nur die Schriftgröße ändert sich – mit ihr und dem Ort jedoch auch das Verhältnis zur Leserin, zum Betrachter.

          Im Buch findet sich der Text unter zwei Augen, in einer Situation intimer Zwiesprache; an der Wand steht oder hängt er als Gegenüber. In einem Galerieraum, einem geschützten Diskurs, mutiert der Text in ein Ding, zu dem sich Leser und Betrachterinnen verhalten, vor dem und über das sich ins Gespräch kommen lässt. Beim gleichen Text ist für die Lesenden dann an der konkreten Fassade eine extreme Untersicht vorgesehen, dort wird das Buch-Verhältnis regelrecht verkehrt, man schaut zum Text auf, nicht nieder, und aus einem Holzobjekt ist ein Haus geworden, tatsächlicher Raum, von tatsächlichen Menschen belebt. Fassaden kann man sehen als jene Seiten, mit denen sich Gebäude an die Öffentlichkeit wenden, als repräsentative Wände, Grenzflächen des öffentlichen Raumes. Ein Text an solcher Stelle spricht aber nicht nur zu den Menschen davor, sondern auch immer von Interessen dahinter, seien es kommerzielle bei Werbung, ideologische bei Propaganda oder partikulare bei den meisten Graffiti – alles Text im öffentlichen Raum. Wofür, für wen spricht das Gedicht?

          Der Text steht da ja nicht freischwebend und zusammenhanglos, er hat etwas wie eine Signatur: „Eugen Gomringer / Alice Salomon Poetik Preis 2011“ steht darunter – und gibt eine konkrete Rückbindung: die Hochschule ist der Träger, nicht bloß der Beton. Konkrete Poesie unter konkreten Umständen. Auf einem Hintergrund, der nicht nur Fläche ist, der sich zum Raum weitet, realisiert wird – und zwar genau in dem Moment, wo aus ihm heraus gefragt und widersprochen wird. Hinter dem Text steht nicht mehr lediglich „der Autor“; es kommen plötzlich konkrete Menschen hinzu, denen nicht egal ist, ob und wie sie durch diesen Text (dia logos) gesehen, gelesen werden können.

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          Es ist – vor Ort – eben nicht bloß ein Gedicht, kein abstraktes Kunstwerk im Museum, es ist auch keine irgendwie heilige Schrift: es ist ein Text im öffentlichen Raum. Und darauf wurde eigentlich ganz zivilisiert und demokratisch reagiert; niemand hat mit Farbbeuteln geschmissen, niemand hat nachts an die letzten beiden Wörter ein a geklebt oder etwa eine Überschrift wie „Blumen für die Trümmerfrauen“ dazugesprayt (der Text ist von 1951, auch das wär eine mögliche Lesart), niemand hat diesem Text an der Wand etwas angetan. Er wurde respektiert, es wurde diskutiert, über einen langen Zeitraum, Wörter zu Wörtern, und jetzt gibt es eine Ausschreibung der Hochschule, die auch den Erhalt des Textes explizit als Option einschließt; es müsste sich dafür halt nur jemand finden, der oder die überzeugend genug dahintersteht. Ich glaube, das hat mit Demokratie zu tun. Bedenkenswert finde ich weiterhin: Auch wenn ich das Gedicht als ein Kunstwerk an der Wand betrachte, ist es als solches ja nicht Ergebnis einer Kunst-am-Bau-Ausschreibung mit demokratisch legitimierter Jurierung (was die Causa durchaus ändern würde), sondern ein Geschenk – und mit Geschenken dürfen Beschenkte schon verfahren, zumal nach knapp sieben Jahren, die der Text nun an dieser Wand verbracht hat.

          Wie damit verfahren werden soll, genau das wird im Moment diskutiert, jedenfalls an der Hochschule. Das ist nicht der Untergang des Abendlandes, auch kein Angriff auf die Kunstfreiheit, keine Zensur und keine Barbarei. Es ist die Realisierung eines Gedichts als das, was es an dieser Stelle sein kann, vielleicht sogar möchte: keine harmlose Deko, sondern ein öffentlicher Text.

          Barbara Köhler ist Trägerin des Alice Salomon Poetik Preises 2017.

          Quelle: F.A.Z.

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