Als ich mich auf den Sessel setzte, dachte ich noch, mach dich darauf gefasst, dass es ein elektrischer Todessessel werden kann, rechne damit, dass du gleich live gegrillt wirst, denn du bist hier beim Bachmannwettbewerb, der renitentesten Casting-Literatur-Show of Europe, wie ein Juror bei der Eröffnung lachend erklärt hatte, überhaupt hatten mir so viele vorher schon den Bachmannpreis erklärt, von dem ich, offen gestanden, nicht viel mehr wusste, als dass er existiert und bekannt ist und „Wettlesen“ genannt wird, und wenige Stunden, bevor ich auf dem Autorensessel Platz nahm, hatte mir noch ein anderer, der „schon seit 20 Jahren dabei“ ist
und mit dem ich auf einer Klagenfurter Wiese gestanden und Häppchen verspeist hatte, erklärt, dass der Bachmannwettbewerb ja längst nicht mehr der Autorenschlachthof sei, der er mal war, es gehe hier inzwischen viel, viel ziviler, harmloser und ausgemachter zu als früher, und hier verrissen zu werden bedeute ja im Grunde gar nichts mehr, aber Klagenfurt und besonders der Wörthersee seien eben sehr schön, die ganze Branche treffe sich hier halt Jahr für Jahr für Jahr, und ob ich heute Abend auch da-und-da-hin zum Speisen käme, und dann aßen wir weiter unsere Häppchen, und die Sonne schien, und ich freute mich tatsächlich ein bisschen auf die bevorstehende Lesung, wie ich mir auf dem Autorensessel sitzend noch mal extra ins Bewusstsein rief, und dann fing ich an zu lesen, was aufregend war und von irgendjemand anderem gemacht wurde, jedenfalls nicht von mir, dachte ich, während ich las und las und mir die Wörter aus dem Mund in den Fernseher fielen, wie mir manchmal einfiel . . .
– und dann erschrak ich, aber las weiter, automatisch rannte mein Text vor mir her hin zu dem Kritikerhalbkreis, der die Textseiten umschlug, blätterte, in meinen Innereien herumblätterte, dachte ich lesend, selber schuld!, dachte ich weiter, und dann wurde geklatscht, und mein Mund war trocken, und es begann ein noch flüssigkeitsärmeres Gemetzel von einigen in die Jahre gekommenen Metzgern, denen der Staub aus den Gesichtern bröselte und deren Gelenke von ihrem literaturwissenschaftlichen Kalk quietschten und viel zu unbeweglich waren, um meinen Text mit Engagement umzubringen, so wie sich das für anständige Metzger gehört, denn anständige Metzger schärfen ihre Messer und hauen nicht stumpf und gelangweilt mit den immer gleichen Äxten auf dem Tier herum, dachte ich, musste ich denken, weil es sich nicht gehört, etwas zu sagen, wenn die Kritiker reden, und das ist es ja, worum es hier überhaupt geht: Was sich in der Literatur gehört und was sich nicht gehört, was in der Literatur erlaubt ist und was nicht, was geht und was nicht geht.
Sie walteten weiter ihres höllischen Metzger-Amtes
Was das angeht, suchen wir jetzt schon seit Jahrhunderten nach einem zuverlässigen und funktionstüchtigen Regelwerk! Und in der Klagenfurter Innenstadt hängt das betreffend ein Vorschlag, nämlich ein von den Klagenfurtregierenden aufgehängtes Bachmannpreis-Werbebanner, auf dem steht: „Literatur heißt stören!“ Das geht nicht!, sagen also die Kritiker, das geht doch nicht, dachte ich, auf meinem Autorensessel sitzend, und verfolgte das Entbeinen meines Textes, an dem die Kritiker sich mit spitzen Fingern bedienten und lustlos darin herumstocherten, auf dem sie müde für die Kamera herumkauten, weil es gerade kein anderes Fleisch gab, sie aber zum Kauen verpflichtet sind, das müssen sie, das ist ihr Beruf, dafür kannst du sie nun wirklich nicht kritisieren, dachte ich auf dem Autorensessel, in den ich, mit verschiedenen Wunden versehen, matt hineinsank, und ich befürchtete in diesem Augenblick, dass wir, die Kritiker, die Zuhörer und ich, in Wahrheit live aus dem Totenreich berichten, und ich wurde in diesem Eindruck nur bestätigt, als es begann, Asche zu regnen, und Thomas Bernhard, verkleidet als der liebe Gott, über unsere Köpfe flog und sich totlachte (und wirklich, ich bin ihm dort zum allerallerersten Mal begegnet).
Er kreiste über der Runde, und die Kritiker schlafwandelten ihm im Kreis nach, eine kritische Leiche brachte ihm zu Ehren und Gedenken ein überraschendes Zucken zustande, indem sie über mich drüberbürstete, mich ganz einfach wegstriegelte, nämlich, weil man die Toten und Heiligen nicht anfassen darf, da kommt man gleich in die Autorenhölle, welche dem Klagenfurter Club der toten Kritiker unterstellt ist, und da, dachte ich, waren mein Text und ich nun mit Sicherheit hineingefahren, und ich dachte weiter, du musst diesen perversen Club dabei stören, wie er mit literaturwissenschaftlichen Leichenteilen um sich schmeißt, das müsste doch ganz im Sinne der Klagenfurtregierenden sein, die auch bestimmt Thomas Bernhard kennen und gerne lesen, welcher sich aber inzwischen längst aus dem Staub gemacht hatte, weil der Ascheregen seinen Lungenflügeln nicht bekam, aber das merkten die Kritiker gar nicht, sie walteten weiter ihres höllischen Metzger-Amtes und schwangen lustlos ihre bewährten Instrumente, und dabei, dachte ich, tun sie das immer mit der staubigen Und-was-ist-daran-neu?-Frage im Kopf, welche jeden jungen Menschen, der etwas machen will, umbringt, dachte ich, noch immer mit meinem Störungsgedanken kämpfend, den es mir nicht gelang wahr zu machen, weil mein Kopf von mir nicht mehr frei benutzt werden konnte, da auch er von einer Ehrfurcht, der Bachmannpreis-Regelwerk-Ehrfurcht, befallen war, dachte ich – und bekam den Mund nicht auf, während die Kritiker immer noch die Bernhard-Messe feierten und mein Text längst eingesargt war, ohne dass ihm die Kritiker je das Leben erlaubt hätten.
Sein Kopf rollte blutspritzend über den Studioboden
Entweder sie feiern die Bernhard-Messe, oder sie schwingen den Schnitzler-Weihrauch, oder sie essen die Bachmann-Hostie, und dabei suchen sie unausgesetzt das Neue, und irgendwo auf dem Klagenfurter Kirchenboden liegt der zerfledderte Autorentext, um den es eigentlich gehen sollte, der aber nur als Steigbügel missbraucht wird, um durch den Live-Gottesdienst zu traben, den sie für sich selbst abhalten, und wiederholen: „Das geht nicht“, „erzählerisches Risiko“, „überorchestriert“, „exegetisch etwas beispringen“, „Standardtopos“, „diskursive, postapokalyptische Intertextualität“, „Mephisto, Mephisto“, das ist ein „Problem“ oder „ich habe ein Problem“ oder einfach nur „ich“, und damit, dachte ich, halten sie die Gemeinde von den Texten fern, zumindest meine normal viel, aber gern lesenden Freunde, die mich nach diesem Tag fluchend, heulend und existenzzweifelnd anriefen und sagten, sie würden die Diskussionen nicht verstehen.
Auch ich verstand, auf dem Autorensessel sitzend, überhaupt nichts mehr, insbesondere, dass ich partout nichts sagte, verstand ich nicht, während die Kritiker weiter über die An- oder Abwesenheit meines Bewusstseins spekulierten, was ich ihnen ganz leicht hätte beantworten können, aber ich sagte ja nichts, wie ich immer wieder entsetzt feststellen musste. Das literarische Regelwerk scheint dich ja ganz und gar im Griff zu haben, und wenn du so bist, kannst du nicht mehr schreiben, dann verhänge ich dir ab sofort totales Schreibverbot, und komm mir jetzt bloß nicht wieder mit Hitler, sagten dann die Kritiker, und in diesem Augenblick ertönte „In da Club“ von 50 Cent durch das Studio, der plötzlich vor mir stand.
Ich dachte, ich spinne, das Licht wurde dunkelrot, irgendwie wurde mir dann mein Kleid weggenommen, ich hatte nichts mehr an, und 50 Cent hievte mich auf den Schoß desjenigen Mannes, der so verrückt, weil verliebt war, dass er es gewagt hatte, mich und meinen Text in den Bachmann-Tempel zu entführen, womit auch er erledigt war und sein Kopf blutspritzend über den Studioboden rollte, wofür ich mich schämte und was ich sehr bedauerte, weil ich ihn wirklich gemocht hatte.
Wir stießen mit der Branche auf die Branche an
Derweil hatte 50 Cent den Kritikervorsitz an sich gerissen, ganz ohne dass sein Bewusstsein anwesend gewesen wäre. Er rannte um den Kritikerhalbkreis und küsste seine Muskeln, während ich mich hinter dem Autorensessel versteckte, um mir aus meinen Textblättern ein neues Kleid zu bauen, und dabei musste ich immer wieder denken: ekelhaft, dieser Kritikerhalbkreis, der gerade nicht deinen Text, sondern vor allem dich entkleidet hat, dabei aber immer auf scheinheilige Weise behauptet, er könne Autor und Text trennen, was menschenfern ist, was kein Mensch kann, ich habe das jedenfalls noch nie gekonnt, und es ist mir unbegreiflich, dachte ich, wie Menschen, die sich nur mit Literatur beschäftigen, in der es nur um Menschen und das Schlimme an Menschen geht, zu so einem schlimmen, menschenentfernten Literaturverwaltungszugang in der Lage sind, ohne sich, wie zuvor Thomas Bernhard, über das alles wenigstens totlachen zu müssen, dachte ich, noch immer hinter dem Autorensessel sitzend, und durfte ihn dann wenig später endlich verlassen.
Vor dem Studio wartete ein Leichenwagen, der mich, den enthaupteten Kritiker und die Branche abholte, und dann fuhren wir alle zusammen baden und aßen ein paar Häppchen und stießen mit der Branche auf die Branche an, und wir alle lachten und redeten schlecht übereinander, aber wir waren uns einig, dass Klagenfurt und besonders der Wörthersee eben sehr schön sind.
Vergeigt
Harald Schmidt (Haraldino)
- 10.07.2011, 19:09 Uhr
Bernhard
E. Arneck (e.arneck)
- 11.07.2011, 23:05 Uhr
Klagenfurt hat vergeigt
Anton Schlemihl (antonschlemihl)
- 13.07.2011, 03:17 Uhr