11.07.2011 · Klagenfurt erfrischt in diesem Jahr nicht nur am See. Die Themen: ungewohnt aktuell und brisant. Die Jury: zum Teil überfordert. Am Ende gab es beim Bachmann-Wettbewerb trotzdem eine würdige Siegerin: Maja Haderlap.
Von Lena Bopp, KlagenfurtUm als unbekannter Autor vor Publikum zu lesen, braucht es Optimismus. Sich dabei auch noch von Fernsehkameras beobachtet zu wissen und von einer Jury, deren Macht einen in den Himmel befördern kann, aber auch in den Abgrund des literarischen Vergessens, verlangt nahezu heroischen Mut. Der Literaturwettbewerb von Klagenfurt hat aus Unbekannten namhafte Schriftsteller gemacht, genauso wie er Hoffnungen junger Autoren gnadenlos zerstörte. Auch bei den diesjährigen 35. Tagen der deutschsprachigen Literatur steckten gleich zu Beginn einige der insgesamt vierzehn lesenden Schriftsteller Urteile ein, bei denen man schon selbstbewusst sein muss, um nicht aufzugeben. Doch zu Recht: Der Auftakt war so schwach, dass man fast in das Klagelied der vielen Bachmann-Veteranen eingestimmt wäre, die das sinkende Niveau des Wettbewerbs alljährlich aufs Neue leidenschaftlich besingen. Aber wie sich bald herausstellte, war Optimismus die bessere Strategie: Jeder Wettbewerb braucht eine Aufwärmphase. Auch Klagenfurt.
Interessant wurde es erst am zweiten Tag, an dem auch Maja Haderlap antrat, die den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis schließlich gewann. Das war keine überraschende Wahl; schon im Vorfeld war über eine drohende „politische Entscheidung“ gemunkelt worden. Die fünfzig Jahre alte Haderlap hat österreichisch-slowenische Wurzeln und lebt in Klagenfurt. Sie nur als Preisträgerin zur Güte zu bezeichnen, täte ihr allerdings Unrecht. Ihr Beitrag war ein Auszug aus dem bereits in dieser Woche erscheinenden Debütroman „Engel des Vergessens“ und erzählte vom Partisanenkrieg der Slowenen gegen die deutsche Wehrmacht in Österreich. Als Erinnerung der Alten dringt er ins Leben der Erzählerin ein, einem kleinen Mädchen, das nach dem Krieg in den Wäldern auf dessen Spuren stößt: „Die Wälder seien der Zufluchtsort vieler Menschen gewesen, eine Hölle, in der Wild gejagt worden sei und in der sie gejagt wurden wie Wild.“ Was Maja Haderlap vortrug, war ein elegischer, stilsicherer Text, poetisch und abgründig, ein würdiger Gewinner – auch, wenn man sich einen anderen durchaus hätte vorstellen können.
Beides geht: sich fürchten und lachen
Denn auf eine ähnliche Spurensuche ins Land begab sich auch der Dichter Steffen Popp. Durch den etwas litaneiartigen Vortrag aus seinem Roman „Spur einer Dorfgeschichte“ ging dessen Witz zwar fast vollständig verloren. Der dichte, lyrische Prosatext über einen thüringischen Ort, der dem Untergang entgegendämmert, vermochte aber trotzdem zu überzeugen, weil er sprachlich filigran gearbeitet war und dabei doch so rätselhaft blieb, dass er die Zuhörer zur Mitarbeit provozierte. Dafür gab es den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis. Zu Recht mit viel Lob und dann auch mit dem 3sat-Preis in Höhe von 7500 Euro bedacht wurde der Beitrag von Nina Bußmann, ebenfalls eine Erinnerungscollage. Vordergründig geschieht nicht viel: Der Lehrer Schramm zupft in seinem Garten akribisch das Unkraut. Durch den von ihm im Geiste nachgefochtenen Kampf mit einem vorwitzigen Schüler, mit den Kindern, die in seiner Straße wohnen, und auch mit seinem erotischen Begehren zeichnete Bußmann hier jedoch das hochliterarische Porträt eines Sonderlings. Die Jury feierte sie als „Meisterin der Mikrowelten“.
Den mit 7000 Euro dotierten Ernst-Willner-Preis vergaben die Juroren schließlich an Leif Randt. Der 1983 in Frankfurt geborene Absolvent des Hildesheimer Literaturseminars trat in Klagenfurt mit einem Auszug aus seinem Roman „Schimmernder Dunst über Cobycounty“ an. Es war der sympathischste Text von allen. Nicht nur, weil Randt von einem jungen Mann erzählte, der mit seiner Freundin, seinem Job, seinem Leben einfach zufrieden ist – also das oberflächliche Leben in einer Art feierte, wie es die Literatur nur selten wagt. Sondern auch, weil der Beitrag von einer feinen Ironie durchzogen war, die dem Publikum erstmals ein befreites Lachen erlaubte. Juror Burkhard Spinnen beschwerte sich zwar, er wolle sich nicht nur amüsieren, sondern auch fürchten. Das aber ließ Daniela Strigl nicht gelten. Sie zeigte ihm gleich zwei entsprechende Stellen und fügte an, man könne übrigens beides: sich fürchten und lachen. Tosender Applaus im Publikum – ebenfalls zum ersten Mal in drei Tagen.
Das Unerwartete geschah
Insgesamt und trotz des schwachen Auftakts war es somit ein höchst erfreulicher Jahrgang. Es gab mehrere gute und einige sehr gute Beiträge, wirklich indiskutabel war keiner. Stilistisch bewegten sich zwar (fast) alle in gewohnten Bahnen, experimentelle Literatur hatte es nicht in die Auswahl geschafft. Aber inhaltlich eröffnete sich ein breiteres Spektrum als in den Jahren zuvor – ganz so, wie es sich Urs Widmer in seiner Eröffnungsrede gewünscht hatte. Er hatte für Texte geworben, die von der erzählerischen Norm abweichen und Neues wagen. Man musste seine Ermunterung wohl als Variante jenes Vorwurfs verstehen, der der Gegenwartsliteratur wiederholt gemacht worden ist: Sie solle den Kokon privater Liebes- und Leidensgeschichten doch bitte endlich verlassen und sich politischen oder zumindest gesellschaftspolitischen Sphären zuwenden. Weniger traurige Kindheiten in Ostdeutschland, mehr Themen von allgemeinem Interesse: Finanzkrise, Europa-Krise, Nahost-Krise. Anknüpfungspunkte böten sich ja genug.
Und tatsächlich geschah in Klagenfurt das Unerwartete. Es wurden Texte vorgetragen, die diesen Ratschlag beherzigten. Maximilian Steingart, der am Ende leer ausging, präsentierte mit „Einen Schatz vergraben“ eine Satire auf gerissene Anlageberater und ihre gutgläubigen Kunden, eine „Was tun, wenn die Welt untergeht“Phantasie, die süffisant den geschliffenen Ton von PR-Profis imitierte. Als Stimme aus dem Off rät der Erzähler angesichts des nahenden Zusammenbruchs aller Wirtschaftssysteme, jeden verfügbaren Cent in Gold umzutauschen und diesen Schatz unter der Erde zu verbuddeln. Bemerkenswert war auch der Beginn eines Romans, den der aus der Schweiz stammende Linus Reichlin vortrug: Ein deutscher Sanitätstrupp gerät in Afghanistan in einen Hinterhalt, in dessen Verlauf der Arzt eine paschtunische Frau schwer verletzt und hernach an seinen Schuldgefühlen zu zerbrechen droht. Aktueller geht es kaum. Und doch brachte gerade die Wahl des Sujets dem Autor in der anschließenden Diskussion den Vorwurf der „Abenteurromantik“, ja der „Kolportage“ ein.
Die Vorwürfe variierten selten
Nicht nur hier zeigte sich indes der häufig zu beobachtende Hang der Juroren, auf der Suche nach Kritikwürdigem bis in die hintersten Winkel einer Geschichte zu tauchen – und sei das Gefundene auch noch so absurd. Das mag dem Format des Wettbewerbs geschuldet sein, der nach Kontroversen verlangt. Es führte aber dazu, dass es zuweilen nicht nur die Falschen traf, wie etwa Thomas Klupp, dessen satirischer Romanauszug über den Angestellten eines Instituts für Kulturwissenschaften in der Diskussion allzu schlecht wegkam. Ein Manko, den das Publikum wettmachte, indem es Klupp den mit 7000 Euro dotierten Villi-Publikumspreis zuerkannte. Der Zwang zum Streitgespräch führte aber auch dazu, dass die Vorwürfe zuletzt selten variierten. Etwas anderes als „stilistische Überinstrumentierung“, „Stilblüten und Bildbrüche“ oder „metaphorische Leerstellen“ fiel den Juroren irgendwann nicht mehr ein.
Erst am dritten Tag blitzte ein Anflug jener Verve auf, die einen beträchtlichen Teil des Unterhaltungswerts dieses Wettbewerbs ausmacht. Unfreiwillig sorgte zum einen Alain Claude Sulzer dafür. Er ließ sich bei der Kritik des (misslungenen) Textes von Michel Boikovi, der die Flucht eines Mannes vor der Polizei beschreibt, zu der in ihrer Kuriosität schon beinahe rührenden Aussage hinreißen, ihm sei es vorgekommen, als schildere hier jemand die Phantasie eines über die Schweizer Autobahn rasenden Ex-Jugoslawen. Überfordert schien auch Hildegard Keller, die zwar stets grundlos lächelnd an ihrem Tisch saß, die Texte aber eher zusammenfasste als bewertete. Die eigentliche Arbeit übernahmen andere. Vor allem Daniela Strigl, die nach einem Jahr Pause wieder in der Jury saß, lief zu immer besserer Form auf, war urteilssicher, fair und zuletzt ausgesprochen witzig. Burkhard Spinnen schien zwar zunächst beleidigt, weil die beiden von ihm nach Klagenfurt eingeladenen Kandidaten schnell aus dem Rennen waren, mühte sich dann aber redlich, seine persönlichen Assoziationen in literarische Kriterien umzuwandeln. Hubert Winkels fing lustvoll an, schien indes mit näher rückendem Ende die Nase von allem irgendwie voll zu haben.
Und sonst? Ach ja, die Sonne schien. Der See lag blau und klar. Alle Rituale wurden gepflegt: Nach den Lesungen stieg der Literaturbetrieb auf die Fahrräder, fuhr zum See und wieder zurück, und später zum Essen wieder hin und dann wieder zurück. Und während der Fahrt freute man sich, dass dieser Wettbewerb in Klagenfurt stattfindet, und nur in Klagenfurt. Offensiver Hedonismus, wohin man schaute. Also alles wie gehabt.
Überbewertung
Heike Schneider (KassandraWahrheit)
- 11.07.2011, 10:59 Uhr
qwer
sverris son (sverris)
- 12.07.2011, 16:19 Uhr