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Star-Autorin Arundhati Roy : Die Mächtigen müssen sie fürchten

Wünscht sich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fiction is true“: Arundhati Roy Bild: B. Cannarsa/Opale/Leemage/laif

Die indische Autorin Arundhati Roy ist eine Ausnahmeerscheinung: Zur Premiere ihres neuen Romans spricht sie in Frankfurt über die Macht der Fiktion und den Einbruch des Realen.

          Solche Szenen erlebt man sonst nicht an der Hausanschrift „Schöne Aussicht 2“: Welch beispiellosem Druck die indische Schriftstellerin Arundhati Roy über ihre Heimat hinaus ausgesetzt ist, davon konnte sich ein Bild machen, wer der Deutschland-Premiere ihres neuen Romans in Frankfurt beiwohnte. Für die Veranstaltung hatte sich das Literaturhaus in eine Sicherheitsfestung verwandelt, mit am Eingang postierten Wachmännern, die Taschen kontrollierten und den Abend über ihren Schützling nicht aus den Augen ließen.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Mächtigen müssen die Literatur fürchten, jedenfalls dann, wenn sie sich nicht mit moralisch wohlfeilem Geplänkel begnügt, sondern wie Arundhati Roy mit ihrer ganzen Existenz einsteht für das, was sie umtreibt. Seit sich das Klima des einst liberalen Indiens 2014 unter der Regierung des rechtsnationalistischen Premiers Modi fundamental gewandelt hat, ist auch für Arundhati Roy nichts mehr, wie es war.

          Sie hätte nach Manhattan ziehen können

          Die heute fünfundfünfzigjährige Autorin hätte nach ihrem Welterfolg „Der Gott der kleinen Dinge“ vor zwanzig Jahren natürlich einfach nach Manhattan ziehen und das luxuriöse Leben eines Literaturstars führen können. Sie entschied sich anders, blieb in Indien und sucht seither entschlossen die Schattenseiten ihres Heimatlandes auf, all die vergessenen und zunehmend bedrängten Orte, um nicht zuletzt ihre Leser in aller Welt darüber in Kenntnis zu setzen. Auch in ihrem Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ (F.A.Z. vom 12. August) nennt die Autorin Ross und Reiter, wenn sie etwa auf das Pogrom von Gujarat an Tausenden von Muslimen im Jahr 2002 zu sprechen kommt – und dabei die Rolle Modis nicht unerwähnt lässt, der sich bis heute vor keinem Gericht dafür verantworten musste.

          Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy
          Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy : Bild: F. Mantovan/Opale/Leemage/laif

          Die zierliche Autorin mit den widerspenstigen Locken und dem funkelnden Diamanten im Nasenflügel lächelt furchtlos, wenn sie neben ihrem deutschen Lektor Hans Jürgen Balmes solche und andere unbequemen Wahrheiten auch im Gespräch auspackt. Wenn sie die naive Vorstellung des Westens über ihre angeblich so anarchische Heimat aufspießt, während sich hinter dem pittoresken „Mix aus Yoga, Bollywood und Gandhi“ tatsächlich ein fundamentalistisches Regime verberge, das sich längst nicht mehr nur mit der Indisierung der Kultur begnügt. Indien mag sich nach außen hin als durchlässig präsentieren, in Wahrheit regiere das Kastenwesen mit eiserner Gewalt, „eines der brutalsten Systeme der Gegenwart“. Bis heute wagten es nur fünf Prozent aller Inder, außerhalb ihrer Kaste zu heiraten.

          Indien wird von Gewalt erschüttert

          Auch davon handelt ihr Roman: Von der Gewalt, ideologisch und physisch, die Indien seit einigen Jahren erschüttert und die sich gegen all jene richtet, die sich der verordneten Hindu-Begeisterung nicht anschließen möchten. Erst die unterschiedlichen Lebens- und Denkweisen haben Indien seine Identität verliehen, und in ihrem Roman feiert Roy diese Vielfalt von Sprachen, Kulturen und Religionen. Die Modi-Regierung aber zielt darauf ab, das multireligiöse und multikulturelle Land in eine Weltanschauungsgemeinde umzubauen, womit das Credo einer Nation, in der mehr als hundert Sprachen gesprochen werden und neben Hindus auch Muslime, Christen, Sikhs, Parsen, Buddhisten, Juden und Jains leben, verraten wird.

          Nur die Literatur könne bestimmte Wahrheiten benennen, weil nur die Literatur den Widersinn und die Versehrungen eines Landes erfahrbar machen könne, ist Arundhati Roy überzeugt. Deshalb würde sie am liebsten ein T-Shirt tragen mit der Aufschrift: „Fiction is true.“ Die Wahrheit etwa über das umkämpfte Kaschmir, all die Gewalt, der Terror, die Kollaboration, das lasse sich, so Roy, überhaupt nur in Fiktion erzählen.

          „Für mich ist das Lebenswirklichkeit“

          Auf ihrer Lesereise im Ausland aber trifft die Autorin auch auf unerwartete Lesarten ihres Romans, die sie faszinieren. Während in Indien vor allem von der großen Realitätsnähe des Buches die Rede ist, sprach ein polnischer Journalist die Autorin auf den „magischen Realismus“ des Romans an – und führte als Beleg jene Romanfiguren an, die in der Geschichte auf einem Friedhof lebten. „Für Sie mag das phantastisch klingen“, entgegnete Arundhati Roy: „Aber für mich ist das Lebenswirklichkeit. Ich kann Ihnen Fotos von Menschen schicken, die in Indien so leben, auf Friedhöfen.“

          Tatsächlich aber ist das Bild nicht zuletzt deshalb von besonderer allegorischer Wucht, weil heute immer mehr Menschen in Indien Anlass zur Trauer haben. Da wurde ein muslimischer Schmied von einem Mob gelyncht, nachdem er Rindfleisch gegessen hatte. Mehrere indische Gelehrte, darunter Malleshappa M. Kalburgi, wurden getötet, nachdem sie den Hinduismus in Frage gestellt hatten. Auch die regierungskritische Journalistin Gauri Lankesh, eine Freundin Arundhati Roys, hat nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Modis Kurs gemacht. Vor einem Jahr war die Herausgeberin der Wochenzeitung „Lankesh Patrike“ wegen Diffamierung der Regierung vor Gericht gestellt worden. Am Abend vor der Lesung in Frankfurt erhielt Arundhati Roy eine bestürzende Nachricht: Unbekannte haben Gauri Lankesh vor ihrem Wohnhaus in Bangalore erschossen.

          Quelle: F.A.Z.

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