22.07.2010 · Das Anwesen Arthur Conan Doyles verfällt. Wo einst der Erfinder des berühmtesten Detektivs der Literaturgeschichte lebte, sollen jetzt trotz heftiger Proteste Wohnungen eingezogen und Reihenhäuser angebaut werden.
Von Gina ThomasIn seinem gegenwärtigen Zustand ähnelt Arthur Conan Doyles ehemaliges Domizil Undershaw mehr dem Haus aus Hitchcocks „Psycho“ als dem ländlichen Ruhesitz, als das es Ende des neunzehnten Jahrhunderts von dem Sherlock-Holmes-Erfinder konzipiert wurde. Die Fenster des von 1924 bis 2004 als Hotel geführten Hauses sind verbrettert, die Innenräume in einem verheerenden Zustand.
Doyle ließ das Haus in Hindhead, gut sechzig Kilometer südlich von London, nach seinen spezifischen Vorstellungen von seinem Freund Joseph Henry Ball bauen, einem Schüler von Alfred Waterhouse, dem neugotischen Architekten des Natural History Museum. Ball wählte den von der Arts-and-Crafts-Bewegung angehauchten traditionellen Mischmaschstil, dessen Loblied der deutsche Architekt Hermann Muthesius in dem Standardwerk „Das englische Haus“ (1904) sang. Ausschlag für den Standort auf einer Talhöhe sowie für die Gestaltung gab der Gesundheitszustand von Doyles an Tuberkulose erkrankter Frau Louise, Touie genannt. Das trockene Mikroklima dieses Teils der Grafschaft Surrey, das den Beinamen „Kleinschweiz“ hatte, galt damals als besonders heilsam. Die Doyles bezogen das Haus 1897, und Touie lebte entgegen allen Prognosen bis 1906.
Autorenproteste gegen Reihenhausbebauung
In Undershaw belebte Doyle seinen bei den Reichenbach-Fällen in den Tod gestürzten Meisterdetektiv wieder. Neben „Der Hund der Baskervilles“ schrieb er hier auch seine Geschichte des Burenkrieges und führte die Kampagne für den zu Unrecht verurteilten George Edalji, die wiederum Julian Barnes zu dem Roman „Arthur und George“ inspirierte. Und hier empfing Doyle Besucher wie Virginia Woolf, J. M. Barrie und Bram Stoker.
Die Vorstellung, dass die Väter drei der berühmtesten Figuren der britischen Literatur - Holmes, Peter Pan und Dracula - in diesem Haus verkehrten, scheint auf die Gemeindeverwaltung keinen Eindruck zu machen. Ungeachtet des Protestes namhafter Autoren wie Julian Barnes, Stephen Fry und Ian Rankin oder der Einwände von Denkmalschutzorganisationen hat sie die Genehmigung zum Umbau von Undershaw erteilt. Ein Immobilienunternehmer will das Haus in drei Wohnungen unterteilen und einen neuen Flügel mit neun Reihenhäusern anbauen. John Gibson, ein passionierter Doyle-Anhänger, versucht nun auf eigene Kosten eine gerichtliche Überprüfung zu erwirken und hat den Bürgerbeauftragten für Kommunalverwaltungen aufgerufen, wegen Pflichtversäumnis gegen den Gemeinderat vorzugehen. Dieser habe Undershaw viel zu lange dem Verfall überlassen.