http://www.faz.net/-gr0-8zhnk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 16.07.2017, 09:14 Uhr

Wenn Kinder Eltern verlassen Mutters Untat mit der Zickzackschere vergisst sich nicht so leicht

Kann man sich von ungeliebten Eltern losmachen? Unter dem Pseudonym Martin Osterberg hat ein Berliner Mittfünfziger sich an dieser Frage abgearbeitet. Der Autor zeichnet das kompromisslose Bild einer deutschen Familienhölle.

von Anke Richter
© dpa Gibt es die „heile Familie“ noch in Deutschland?

Herr Osterberg, mit Ihrem schonungslosen Bericht aus der stinknormalen deutschen Familienhölle scheinen Sie einen Nerv getroffen zu haben?

Offensichtlich habe ich da was losgetreten: Leute schütten mir ihr Herz aus, zum Teil in langen Briefen. Ich werde gerade zum Briefkastenonkel. Es wurde halt bisher zu wenig darüber gesprochen, dass man mit seinen Eltern unglücklich sein kann, dass man an ihnen leiden kann. Das ist fast ein Tabu. Zuletzt wurde das in den siebziger Jahren thematisiert von der Studentenbewegung. Aber das war aggressiver und richtete sich gegen die verbliebenen Repräsentanten der Nazizeit.

Die „heile Familie“ im Buchtitel – gibt es die überhaupt?

Vermutlich nicht. Aber ich dachte ja immer, ich hatte eine glückliche Kindheit gehabt, ich wusste es halt nicht besser. Ich glaube, eine heile Familie ist eine, die die Menschen in ihr unbeschädigt lässt oder sogar heilt. So gesehen, hab ich jetzt eine heile Familie, die mich heilt – meine Frau und meine Kinder. Meine alte Familie war nur nach außen hin heil: genug Geld, Kinder gut in der Schule, keine Scheidung, alles in Ordnung. Wir waren gut erzogen, wir sind nie wirklich geschlagen worden. Bei uns war es sauber und aufgeräumt. Aber die Menschen in dieser Familie hat diese Familie nicht glücklich gemacht.

Mehr zum Thema

Ihre Kindheitserlebnisse sind traurig, aber niemand wird gefoltert oder missbraucht. Eine der schlimmsten Taten Ihrer Mutter ist, dass sie Ihre ausgefransten Jeans mit der Zickzackschere begradigt. Warum dann ein Pseudonym?

Ich stelle meine Eltern in ihrer Beschränktheit vollkommen bloß. Es stand von vornherein fest, dass ich das alles nur anonym schreiben kann, schon um sie vor dem Gerede der Nachbarn zu schützen. Obwohl sie mir ziemlich egal sind, muss ich ihnen das ja nicht antun.

Also keine Rache an Ihren Erzeugern?

Nein, keine Rache. Und auch keine Botschaft, die ich ihnen durch das Buch schicken will. Tatsächlich, das glaube ich heute, können sie ja auch gar nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Meine Eltern sind auch nur das Produkt ihrer Generation – Kriegskinder, die ihre emotionalen Schäden an uns weitergegeben haben. Meine Mutter saß in Bombennächten im Schutzkeller, mein Vater wurde allein aufs Land geschickt. Mir war lange nicht klar, wie deformiert diese Jahrgänge sind. Heute würde ich sagen: Meine Eltern interessieren sich nicht wirklich für ihren Nachwuchs, weil niemand sich für sie interessiert hat.

Wie haben Sie sich von Ihren Eltern getrennt?

Emotional habe ich mit ihnen gebrochen. Sie bedeuten mir eigentlich nichts mehr, ich empfinde nicht einmal mehr Hass, mittlerweile vielleicht wieder Mitleid. Aber dennoch wird man sie dadurch nicht los. Ich rufe einmal die Woche an, und ich höre mir die Belanglosigkeiten meiner Mutter an. Sie dagegen rufen mich nie an, wahrscheinlich wollen sie mir so zeigen, dass sie beleidigt sind.

Wenn sie Ihnen komplett egal wären, hätten Sie doch kaum über sie geschrieben?

Ich hatte eigentlich gedacht, ich hätte das Verhältnis zu meinen Eltern schon vor Jahrzehnten endgültig geklärt – mit allen Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Ich dachte, ich hätte das alles überwunden und völlig im Griff. Aber ich habe gemerkt: Wenn ich wissen will, wer ich bin, muss ich mich mit ihnen beschäftigen. Und da habe ich gemerkt, wie sehr mich das Elternhaus geprägt hat.

Inwieweit?

Erinnern Sie sich an das berühmte Bild des toten, an den Strand gespülten Flüchtlingskindes? So ein Bild berührt mich nicht. Ich sage mir: Das ist schrecklich, man muss helfen, man sollte spenden und sich engagieren, aber das ist ein rein intellektueller Akt. Mir fehlt die Empathie, und das erschreckt mich. Bin ich gefühlskalt wie mein Vater? Wahrscheinlich.

War das Schreiben dann auch Therapie?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Kollegah

Von Thomas Thiel

Wer Hip-Hop nicht mag, soll seine Stimme erheben. Da steigen wir doch gern in den Ring. Mehr 2