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Brecht und Benjamin : Denken in Extremen

„Ermattungstaktik war’s, was dir behagte“: Bertolt Brecht (links) und Walter Benjamin 1934 in Dänemark unterm Birnbaum. Bild: Akademie der Künste, Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv

In Berlin zeigt die Akademie der Künste eine Ausstellung über eine Freundschaft der besonderen Art. Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielten gemeinsam Schach und stritten über den Kommunismus.

          Die Beziehung zwischen Walter Benjamin (1892 bis 1940) und Bertolt Brecht (1898 bis 1956) war einerseits konkret, lebendig und zeitweise freundschaftlich, wenngleich es schwerfallen würde, diese „Freundschaft“ in klaren Begriffen zu definieren. Sie war andererseits flüchtig, schwierig und voller Konflikte, die sich zwar aus dem jeweiligen Denken des Theoretikers hier und des Theaterpraktikers dort ergaben, aber in Zeugnissen nur unvollkommenen Niederschlag gefunden haben.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Deswegen werden die Besucher der Brecht-Benjamin-Ausstellung in der Akademie der Künste mit Mosaiksteinchen konfrontiert, die kein Gesamtbild ergeben. Im Gegenteil: Da die Zeitgenossen ihre eigene Meinung über das Verhältnis der beiden singulären Köpfe hatten, warum nicht auch Kommentare vom Straßenrand aufnehmen? Auf großen gelben Tafeln hängt es mitten im Raum: „Unter Brechts Einfluss treibt Benjamin nur dumme Dinge“ (Adorno). Von Siegfried Kracauer heißt es, er habe mit Benjamin einmal „eine sehr heftige Auseinandersetzung“ gehabt, nämlich über „Benjamins sklavisch-masochistische Haltung Brecht gegenüber“.

          Kein Wunder also, dass auch Günther Anders diese Freundschaft in Anführungszeichen setzt und „sozusagen a-symmetrisch“ nennt. Gershom Scholem dagegen definiert die Beziehung in wünschenswerter Deutlichkeit: „Brecht war die härtere Natur und hat auf die sensiblere Benjamins, dem alles Athletenhafte abging, tief eingewirkt. Dass Benjamin dabei gut gefahren ist, wage ich nicht zu behaupten.“

          Die Unterschiede stehen im Mittelpunkt

          Aber was heißt das, „gut dabei fahren“, und hätte Benjamin denn eine Wahl gehabt? „Denken in Extremen“ nennt der Chefkurator Erdmut Wizisla die Ausstellung, die auf zahlreiche Vorarbeiten zurückgeht, und der Titel ist nicht nur in der Sache richtig. Er verrät das Programm, nach dem die Räume am Tiergarten Fotos, Bücher, Dokumente, Ton- und Audiozeugnisse versammeln, um das Verhältnis zweier der einflussreichsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts zu erhellen. Nicht Homogenisierung ist angestrebt, sondern ein Blick auf Brüche, Leerstellen und Diskontinuität. Und da die Schau sich an Leser wendet, gibt es erfreulich viel zu lesen.

          Es lag in der Natur der Sache, dass sich zunächst der Kritiker Benjamin um den Künstler Brecht bemühte – er schrieb 1931 über das epische Theater, kommentierte mit Zustimmung die Lyrik und rieb sich – achtungsvoll – an Brechts Kommunismus, der bei ihm wesentlich theoretischer war. Beide begreifen in den zwanziger Jahren auch, welche Chancen im Radio liegen, beide wollen es „aus einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat“ verwandeln.

          Der Kommunismus wird zum Streitpunkt

          Benjamin rezensiert den „Dreigroschenroman“ (der Text bleibt ungedruckt), Brecht hilft Benjamin bei der Überarbeitung des Kunstwerk-Essays. Immer wieder verbringen die beiden ungleichen Freunde längere Zeit miteinander, intensiv in Brechts dänischem Ferienhaus 1934. Spannungen gibt es auch, besonders gegen Ende, als Benjamin sich von Brechts Kommunismus abwendet. Das Stalin-Gedicht „O großer Ochse“ zeigt aber, wie schwebend Brechts Umgang mit den großen Figuren der antifaschistischen Koalition war.

          Vom Selbstmord Benjamins 1940 in Portbou erfährt Brecht erst zehn Monate später. Er schreibt vier Gedichte auf den Tod seines Freundes – Totenklage im ungewissesten geschichtlichen Moment. Es ist auch ein Nachruf auf das Schachspiel im dänischen Garten, damals im Jahr 1934, als Fotos noch so etwas wie Privatsphäre beglaubigten: „Ermattungstaktik war’s, was dir behagte / Am Schachtisch sitzend in des Birnbaums Schatten / Der Feind, der dich von deinen Büchern jagte/ Lässt sich von unsereinem nicht ermatten.“

          Bilder für die Offenheit

          Keine große Lyrik, aber Gefühl sickert heraus. Uns Nachgeborenen bleibt nur, die Stimmen – Ruth Berlau, Hannah Arendt – und Objekte zusammenzuführen. Dazu gehört auch eine handschriftliche Notiz Brechts, die tiefere Erschütterung über Benjamins Tod verrät als die veröffentlichten Gedichte.

          Die Ausstellung hält diese Offenheit auf Schritt und Tritt bewusst und sucht nach Bildern dafür: Ein Schachautomat unter Glas spielt nach Maßgabe der Algorithmen weiter, was aus der Partie zwischen Brecht und Benjamin hätte werden können. Und der Künstler Steffen Thiemanns hat Holzschnitte nach Entwürfen für den Kriminalroman „Mord im Fahrstuhlschacht“ geschaffen, den Brecht und Benjamin miteinander geplant haben. Geschrieben wurde er nie. Ein Bild für das Ganze.

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