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Atomkraftgegner : Kultur soll strahlen!

  • -Aktualisiert am

Lesen ohne Atomstrom, aber beim Atomstromkonzern: Günter Grass Bild: Florian Sonntag

Volksfeststimmung in Geesthacht: Für die Initiative „Lesen ohne Atomstrom“ ist der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in die Bütt gestiegen. Die hanseatischen Kampfleser haben das Festival „Vattenfall Lesetage“ im Visier.

          „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Das Publikum im Zelt lacht, als Günter Grass diesen Satz vorliest. Er schmunzelt. Man unterhält sich gut. Es herrscht Volksfeststimmung am Geesthachter Elbufer, im Schatten des Reaktors. Die Band hat zuvor flott aufgespielt, deutschen Anti-Atom-Dixie; der Kabarettist aus Hamburg gekonnt die Öffentlichkeitsarbeit des Stromkonzerns parodiert. Experten kamen auf die Bühne, sie analysierten; Umweltaktivisten folgten ihnen und protestierten. Und nun also Grass.

          Der Lesung folgt ein kritischer Talk, der ein klein wenig ausufert und vom lobbyverseuchten Deutschen Bundestag über den Hunger in der Dritten Welt bis zum Palästina-Konflikt so gut wie alle aktuellen Wirkstätten des Weltschmerzes abklappert. Buntes Programm bei schönem Wetter, geschätzte achthundert Besucher und zahlreiche Medienvertreter: Man erlebt einen der Höhepunkte der diesjährigen Hamburger Lesetage. Das Kuriose daran: Die werden just vom Atomkonzern Vattenfall ausgerichtet und damit dem Unternehmen, das im Zelt am AKW Krümmel nur in einer Form präsent ist: als Feindbild.

          Die Selbstgerechtigkeit des Anti-Atom-Chics

          Grass tritt auf im Namen der Initiative „Lesen ohne Atomstrom“. Und die protestiert nicht nur gegen Vattenfall sondern auch sein Literaturfestival, die „Vattenfall Lesetage“. Sie finden alljährlich im April statt und sind eine feste Einrichtung des Hamburger Kulturbetriebs. Finanziert aus den Stromerlösen des schwedischen Versorgers. Ursprünglich eine Aktion des Kundenmagazins der Hamburgischen Elektricitätswerke (HEW) im Jahr 1999, gelten sie heute als das größte private Literaturfestival Norddeutschlands mit zuletzt rund 14.000 Besuchern. Auch im dreizehnten Jahr seines Bestehens wäre ihm ungebrochener öffentlicher Zuspruch wohl gewiss gewesen. Doch mit Fukushima wurde alles anders: Ein Literaturfestival konnte jetzt nicht mehr einfach Literaturfestival sein. Nicht, wenn es die Firma eines Atomkonzerns im Namen trug. Was sich aus Liebe zur Literatur entwickelt und als Programm zur Leseförderung bewährt hatte, wurde von den Atomgegnern umfunktioniert zum kategorischen Kriterium: für die Atomkraft oder gegen die Atomkraft?

          Es folgten moralische Zeigefinger, Boykottaufrufe, Beschimpfungen, Drohbriefe. Er krieche einem Energiemonopolisten in den Arsch, musste sich Mario Giordano, der beim Festival Lesungen für Kinder veranstaltet, in einer Email vorhalten lassen. Selbstgerechtigkeit, wie sie der Neue Deutsche Anti-Atom-Chic an allen Straßenecken erblühen lässt; für die aber selbst atomkraftkritische Künstler kein Verständnis aufbringen.

          Hanseatisches Kampflesen

          Feridun Zaimoglu, neben Günter Grass und Nina Hagen prominentes Zugpferd der Inititiative „Lesen ohne Atomstrom“, stellt klar: „Wer sich in Selbstgerechtigkeit gefällt, sollte die Frage beantworten können, wie die Hamburger Lesetage finanziert werden, wenn Vattenfall ausfällt und die öffentlichen Kassen leer sind.“ Das Vattenfall-Festival sei eine gute Sache; weshalb es ihm überhaupt nicht schwerfalle, darauf hinzuweisen, dass er selbst in der Vergangenheit bereits zweimal daran teilgenommen hat. Ein Umstand, der nicht nur auf Zaimoglu zutrifft, sondern auch auf den einen oder anderen erbitterten Gegner des Festivals, für die der Schwedenkonzern von einem Jahr auf das nächste zum „dreckigen Stromanbieter“ geworden ist, der mit seinem „aufdringlichen Sponsoring“ eine „Monopolisierung der kulturellen Sphäre“ betreibe.

          Mag die Kontroverse im Beobachter Vorahnungen eines hanseatischen Kampflesens geweckt haben, bewahrheiteten sich derlei Befürchtungen indes nicht. Im Gegenteil: Der Literaturfreund wird absehbar zum lachenden Dritten, denn zum ohnehin üppigen Programm der Vattenfall-Veranstaltung gesellen sich die Darbietungen der Gegenseite, in Qualität und Originalität durchaus ebenbürtig. Auf wortgewaltige Liebesprosa im typischen Zaimoglu-Sound, vom Autor am Donnerstag vorgetragen im Hamburger Schanzenviertel, folgte am Samstagabend Nina Hagen vor dem AKW Krümmel und an gleicher Stelle tags darauf Günter Grass. Trotz schriller Töne im Vorfeld: Dem Ziel der Leseförderung, dem sich sowohl Vattenfall als auch Gegner verschrieben haben, kann so noch effektiver entsprochen werden.

          Leo Trotzki hatte recht

          Was die Kritik am Sponsoring betrifft, so kommt man an einer unbequemen Wahrheit nicht vorbei: „Die Kultur nährt sich von den Säften der Wirtschaft, und es bedarf eines materiellen Überflusses, damit eine Kultur wachsen, sich sublimieren und verfeinern kann.“ Dieser Satz stammt nicht vom Pressesprecher eines Industriekonzerns oder gar aus dem Munde eines Atomlobbyisten. Er entspringt auch nicht der ökonomischen Zweckrationalität eines geldklammen Kulturpolitikers. Nein: Der Satz stammt von Leo Trotzki. Und er hatte Recht damit. Wer das Vattenfall-Geld verteufelt, sollte eine Antwort parat haben, wie er sich die Alternative vorstellt; oder andernfalls einräumen, dass Kulturfestivals wie die Lesetage in Hamburg nicht mehr stattfinden.

          Quelle: F.A.Z.

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